Im Januar 2012 fand in den Räumen des alternativen Zentrums Mehringhof in Berlin-Kreuzberg der zweite Wochenend-Workshop des "Netzwerk Kritische Geschichte" statt. Das Netzwerk ist ein loser Zusammenschluß von historisch Forschenden verschiedener Altersstufen und Disziplinen, jedoch mit momentan deutlichem Schwerpunkt bei DoktorandInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen. Ziel ist ein wissenschaftlicher Austausch zu Geschichte und Gesellschaftskritik, wobei eine Vielfalt der Methoden nicht nur toleriert, sondern angestrebt wird. Kooperationspartner und Mitveranstalter war der Berliner Verein "reflect!", der ähnliche Ansätze auf dem Gebiet der Sozialwissenschaft und politischen Bildung verfolgt. Der Workshop war mehr als gut besucht, es gab über 60 Anmeldungen und an den Debatten nahmen durchweg 40 Personen teil, die überregional angereist waren, auch aus Süddeutschland und mehrere Teilnehmende sogar aus Wien.
Eine Wieder-Aneignung von Geschichte
Nachdem sich eine erste Tagung im Februar 2011 vor allem mit einer Diskussion konkreter Projektvorstellungen von der Magisterarbeit bis hin zu Ausstellungen und Forschungsarbeiten beschäftigt hatte, stand diesmal die Frage nach den Methoden Kritischer Geschichtswissenschaft im Vordergrund. Dieser Focus ging auf Diskussionen des vergangen Jahres zurück: dort hatte sich an mehreren Stellen immer wieder herausgestellt, dass kritische Forschungstraditionen abgebrochen waren und ihre Ergebnisse für Studierende und neu ins Feld kommende nicht mehr bekannt und greifbar sind. Ziel des Workshop 2012 war deshalb eine Wieder-Aneignung bereits entwickelter Formen Kritischer Geschichtsschreibung - und natürlich die Frage nach ihrer Tauglichkeit für heute. Allerdings bot auch hier der zweite Konferenztag Raum für die Diskussion einzelner Projekte.
Um die Diskussion zu strukturieren, hatte sich die Vorbereitungsgruppe ein Schema überlegt, in dem jeweils drei ReferentInnen einen der folgenden Ansätze vorstellten: Historischer Materialismus, Alltagsgeschichte sowie als Drittes ein Methodenbündel aus Dekonstruktion/Postkolonialismus. VertreterInnen der jeweiligen Ansätze sollten sich der Reihe nach zu den Querschnittsthemen Klassenbegriff, Gender sowie den politischen Implikationen des jeweiligen Ansatzes äußern. So ergab sich ein Programm aus drei Podiumsdiskussionen mit je drei ReferentInnen, das den ersten Konferenztag füllte.
Klassenbegriffe
Den Anfang machte die Diskussion zum Klassenbegriff, in der Dietmar Lange für den Historischen Materialismus, Cornelia Siebeck für die dekonstruktivistische Methode und Michael Esch zur Alltagsgeschichte sprachen. Alle drei lieferten zunächst eine grundsätzliche Einführung zur Methode, um dann ins Detail zu gehen. Dabei zeigte sich eine durchaus enge Verbindung der verschiedenen Ansätze, die an vielen Stellen mehr Berührungspunkte als Widersprüche aufwiesen. Etwa bei der Dekonstruktion des Klassenbegriffs, die am Beispiel der Werke von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe aus den 1980ern vorgestellt wurde - sie seien eine direkte Reaktion auf das Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen seit den 1970ern, die den überkommenen Marxistischen Klassenbegriff unterliefen. Sie unterliefen jedoch nicht das Paradigma des historischen Materialismus an sich, wie Dietmar Lange mit Hinweisen auf neomarxistische Ansätze wie den von Etienne Balibar betonte. Hier konnte Michael Esch anknüpfen und verwies darauf, dass die Alltagsgeschichte ebenfalls eine Reaktion auf die Erstarrung des orthodoxen Marxismus-Leninismus entstanden sei, jedoch zahlreiche Bezüge auf den Frühen Marx aufweise. Gleichzeitig entdecke die Alltagsgeschichte erstmals die Arbeiterklasse mit einem quasi ethnologischen Blick - eine Analyse ohne die oft schon im Vorhinein an sie herangetragenen Ansprüche als "revolutionäres Subjekt der Geschichte". Obwohl sich in der Diskussion auch Differenzen ergaben, wurde doch klar, dass die vorgestellten Ansätze nicht nur eine gemeinsame Theoriegeschichte haben, sondern einen ähnlichen Blick auf die Reproduktion des Sozialen, der sie etwa vom Historismus oder Idealismus abzeichnet.
Gendertrouble in Geschichte und Gegenwart
Beim Panel zum Thema Gender begann Ralf Hoffrogge mit einem Rückblick auf die Diskussionen der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, die er anhand der Werke von Friedrich Engels, August Bebel und Clara Zetkin kurz darstellte. Seine These war, dass bereits im des 19. Jahrhundert intensive Debatten zu Geschlechterverhältnissen stattfanden und sich auch politisch auswirkten. Es folgte eine Einführung von Elija Horn zur Dekonstruktion des Begriffes "Geschlecht" mit einem Focus auf diskurstheoretischen Argumentationen, auf die Herstellung von Identitäten durch Texte und darin enthaltene Selbstkonzepte. Die Referenten beschrieben beide Ansätze als dem Paradigma der Emanzipation verpflichtet, betonten jedoch auch Unterschiede: während sich aus den marxistischen Debatten ein radikaler Gleichheitsfeminismus herauskristallisiert habe, ginge die Dekonstruktion weiter und hinterfrage jedwede Identitätskonzepte. Die dritte Referentin Paola Ferruta baute auf diesen Ergebnissen auf und machte das Publikum mit verschiedenen Fallstudien aus der neueren Geschlechtergeschichte vertraut. Neben der Erkenntnis, dass sich Methoden in der Empirie oft nicht ganz lupenrein umsetzen lassen, fiel vor allen Dingen die Fülle von Forschungsergebnissen aus den Bereichen Mittelalter und Frühe Neuzeit auf. Auch und gerade durch die Analyse weiter zurückliegender Zeiträume ergaben sich zahlreiche Argumente für eine allen Ansätzen gemeinsame These: die Ablehnung einer Biologisierung des Geschlechterverhältnisses und das Insistieren auf Geschlecht als kulturell veränderlicher und politisch verhandelbarer Kategorie.
Und was bedeutet das konkret? Politische Implikationen von Theorie
Den Abschluß des ersten Konferenztages bildete eine Debatte zu den "Politischen Implikationen" aller drei Ansätze, geführt von Richard Heigl (für den Historischen Materialismus),
Torsten Bewernitz (Dekonstruktion) sowie Michael Esch und Paola Ferruta (Alltagsgeschichte). Richard Heigl betonte, dass wissenschaftliche Forschung nie außerhalb gesellschaftlicher Kämpfe stehe. Sie sei Teil von solchen Auseinandersetzungen und müsse daher als eingreifende Wissenschaft agieren. Die historische Forschung eigne sich dafür besonders, weil sie stets die Veränderlichkeit im Blick habe. Torsten Bewernitz konnte hier anschließen und betonte die Tatsache, dass oft als "unpolitisch" oder subjektivistisch geschmähte postmoderne TheoretikerInnen wie Foucault, Derrida oder Judith Butler in ihrer Laufbahn stets auch als politische AktivistInnen aufgetreten seien. Eine Stärke der dekonstruktivistischen Theorien sah er in der Betonung auf einer Heterogenität der Subjekte, die aktuellen politischen Bewegungen mehr entspreche als die vereinheitlichenden und allzu deduktiven Konzepte eines traditionell verstandenen Marxismus. Michael Esch und Paola Ferruta schlossen hier an und verlangten die Aufgabe des Widerspruchs von Theorie und Praxis. Die Alltagsgeschichte stellten sie dar als wesentlichen Schritt, die Geschichtsschreibung von einer Legitimationsgeschichte wegzuführen - zudem kritisiere sie ähnlich wie die Dekonstruktion die Bildung von Kategorien als solche, weil darin immer eine Disziplinierung und Zurichtung enthalten sei.
Auf der Scuhe nach einem Begriff der Kritik
Die lebendige, von von zahlreichen Widersprüchen und auch Ergänzungen geprägte Diskussion im Anschluss an die Vorträge zeigte, dass der Dialog der Themen auf großes Interesse stieß. Der Ansatz, die Diskussion eher an den Stärken und Gemeinsamkeiten aufzubauen gelang insofern, als dass es überhaupt einmal machbar wurde, verschiedene Themenkomplexe und Paradigmen an einen Tisch zu bekommen und und gern gepflegte Vorbehalte etwa zwischen Marxismus und Postmoderne abzubauen. Dies brachte nicht nur eine bessere Diskussionsathmosphäre, sondern verhinderte vor allen Dingen Langeweile und Vorhersagbarkeit der Argumente. Die Gegensätze der Methoden sind, das konnte allerdings auch nicht geleugnet werden, oft entscheidend für den Blick auf den Gegenstand und damit auch für die politische Stoßrichtung einer historisch argumentierenden Gesellschaftskritik.
Einen homogenen Begriff von "Kritischer Geschichte" konnten wir daher nicht entwickeln - was jedoch kaum zu erwarten war. Es bestätigte sich letztlich der Arbeitsbegriff von "Kritik" als Kritik gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, ohne diese Herrschaft in ihrer Pluralität reduzieren oder in eine Hierarchie zwingen zu wollen.
Was Tun? Vernetzungsfragen.
Am zweiten Konferenztag ergab sich dann die Gelegenheit, die verschiedenen Ansätze nicht nur als Idealtypus oder Beispiel zu betrachten, sondern sie anhand von konkreten Forschungsprojekten auf ihre Tauglichkeit in der Historischen Forschung zu überprüfen. Leider würde es an dieser Stelle zu weit führen, zu jedem vorgestellten Projekt eine Darstellung und eine Zusammenfassung der Diskussion zu bringen. Daher sei auf das Programm im Anhang verwiesen, das zumindest die RednerInnen und Vortragstitel vorstellt.
Abschließend soll stattdessen auf eine Debatte verwiesen werden, die den OrganisatorInnen der Konferenz ebenso wichtig war wie die inhaltlichen Diskussionen: Die Frage nach dem Stand kritischer (Geschichts-)Wissenschaft und die weitere Vernetzung. Diese Diskussion wurde am Samstagabend in einem besonderen Panel geführt. Panel ist jedoch insofern falsch ausgedrückt, als dass es keinen größeren Input und keine inhaltlichen Vorgaben gab - im Mittelpunkt standen die Bedürfnisse der Teilnehmenden. Lediglich die bisherige Arbeit des Netzwerks wurde am Anfang transparent gemacht: neben der offenen Mailingliste gab es eine Vorbereitungsgruppe in Berlin, auf deren Initiative die bisherigen zwei Workshops zurückgingen.
An diesem Modell wurde großes Interesse geäußert, auch wenn es für viele TeilnehmerInnen aus kleineren Universitätsstädten schwierig erschien, eigene lokale Gruppen aufzubauen. Umso wichtiger sei die Koordination per Mail, vor allem aber durch regelmäßige Großtreffen. Als weiteres Forum wurde der Blog http://kritischegeschichte.wordpress.com/ vorgestellt, auf dem ebenfalls Diskussionsbeiträge willkommen sind.
Diese alternativen Foren wurden als nötig erachtet, denn im etablierten Wissenschaftsbetrieb seien durch fortschreitende Prekarisierung, aber auch durch ein fortschreitendes Herausdrängen gesellschaftskritischer Ansätze oft keine Räume vorhanden, um die eigenen Interessen in kollektiver Forschung zu verfolgen. Es dominiere vielerorts Vereinzelung, auch wenn z.B. in Form von stipendienfinanzierten Doktorarbeiten kritische Forschung durchaus stattfinde, und es teilweise möglich sei, mit kritischen Ansätzen in herkömmliche Foren und Konferenzen zu intervenieren. Eine eigene überregionale Vernetzung kritischer historischer Forschung in Form von Organisationen, Zeitschriften, Kongressen oder in anderer Form existiere jedoch bisher nicht.
In der Debatte kristallisierte sich heraus, dass eine solche Vernetzung hauptsächlich anhand von gemeinsame Themen und Interessen relevant sei - daher sollten eventuelle weitere Workshops Themenorientiert stattfinden, gleichzeitig jedoch soll Überspezialisierung vermieden und eine Kontinuität der KG-Workshops geleistet werden. Am Schluß stand daher die Einrichtung einer Arbeitsgruppe für einen angedachten neuen Workshop zum Thema "Erinnerungspolitik".
Was nun? - Mitmachen!
Es steht also zu hoffen dass trotz des Ausscheidens einiger bisheriger MitstreiterInnen aus der Vorbereitungsgruppe die Diskussionen weitergeführt werden und die Vernetzung an Verbindlichkeit gewinnt. Dazu ist es allerdings nötig, eine breitere Beteiligung auch zwischen den Workshops herzustellen.
In diesem Sinne zum Abschluß nochmal der Hinweis - das Netzwerk "Kritische Geschichte" koordiniert sich über eine offene Mailingliste, in die sich alle interessierten selbst eintragen können. Hier die Adresse:
http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/kg/
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PROGRAMM des Workshop Kritische Geschichte 2012
Samstag, 21.1.2012
Panel I-III: Klasse, Gender und politische Implikationen in verschiedenen Theorien der Geschichte
10.00-10.15 Uhr Ankommen
10.15-10.45 Uhr Begrüßung, Vorstellungsrunde, Vorstellung des Programms, Organisatorisches
10.45-12.15 Uhr Panel I: Klassenbegriffe
Historischer Materialismus: Richard Heigl/Dietmar Lang
Postkolonialismus/Dekonstruktion: Cornelia Siebeck
Alltagsgeschichte: Michael Esch
12.15-12.30 Uhr kurze Pause
12.30-14.00 Panel II: Gender
Historischer Materialismus: Ralf Hoffrogge
Postkolonialismus/Dekonstruktion: Elija Horn
Alltagsgeschichte: Paola Ferruta
14-15.30 Uhr Mittagspause
15.30-17.00 Uhr Panel III: Politische Implikationen
Historischer Materialismus: Richard Heigl
Postkolonialismus/Dekonstruktion: Torsten Bewernitz
Alltagsgeschichte: Paola Ferruta, Michael Esch
17.00-17.30 Uhr Kaffeepause
17.30-19.00 Uhr Debatte zu Möglichkeiten der Organisierung im Bereich der Kritischen Geschichtswissenschaft
20:00 Kneipenbesuch
Sonntag, 22.1.2012
10.00-10.15 Uhr Ankommen
10.15 - 10.30 Uhr Begrüßung, Programmvorstellung, wichtige Punkte von Tag 1
10.30 - 12.00 Uhr Parallele Panels 4/5
Panel IV: Didaktik
Susanne Eckler: Didaktisch-methodische Zugänge zum Themenfeld ‚Nationalsozialismus‘ aus konstruktivistischer Perspektive
Torsten Bewernitz: Vorstellung der badenwürttembergischen Landesausstellung „Durch Nacht zum Licht. Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 – 2013“ im TECHNOSEUM, Mannheim
Panel V: Offene Projektvorstellungen I
Anne Zetsche: Die Ford Stiftung als Förderer deutsch-amerikanischer Elitenetzwerke im Kalten Krieg
Philip Reick: Der historische Vergleich als Auslaufmodell kritischer Sozialgeschichte? Einige methodische Überlegungen am Beispiel sozialer Bewegungen im Berlin und New York City des 19. und 20. Jahrhunderts
David Mayer: Werke und ihre Netze. Marxistisch inspirierte Geschichtsdebatten in Lateinamerika (1959–1976)
12.00 - 13.00 Snackpause
13.00 - 14.30 Uhr Parallele Panels 6/7
Panel VI: Theater und Geschichte
Kati Kross: Disability History: Theater des (im)perfekten Menschen
Nora M. Haakh: Claiming Presence: Staging German History in contemporary Postmigrant Theatre
Panel VII: Offene Projektvorstellungen II
Kristoff Kerl: To Restore Home Rule: Zum Zusammenhang einer empfundenen Krise weißer US-Südstaatenmännlichkeiten und Antisemitismus zwischen den 1880ern und den 1920er
Tobias Baumann: Propagandakampagne des Deutschen Reichs - Weimarer Republik - in
Elsass-Lothringen (1918-1932)
14.30 - 15.00 Uhr Kaffeepause
5.00 - 16.00 Uhr Abschlussdiskussion

