Was geschah zwischen Dubí und Cheb?

Autor_in: 
Daniel Schmidt

„Sozialarbeiter fürchten Zunahme des Sextourismus”: Diese Nachricht ging vor wenigen Wochen durch die deutsche Presse. Konkret handelte es sich um eine dpa-Meldung, die auf einem Interview mit der Sozialarbeiterin Cathrin Schauer basierte. Sie ist mit KARO, ihrem Verein für grenzüberschreitende Prävention und Sozialarbeit in Prostitutions- und Drogenszenen, schon seit Jahren im deutsch-tschechischen Grenzgebiet aktiv: Vor allem betreut sie Frauen und Mädchen, die in Tschechien als Prostituierte arbeiten. Sie macht Gesundheitsaufklärung, verteilt Kondome und unterstützt Ausstiegswillige. Nun befürchtet Schauer nach dem geplanten Wegfall der Grenzkontrollen im Zuge des Beitritts der Tschechischen Republik zum Schengener Abkommen einen Anstieg des Frauen- und Kinderhandels.

Ohne Zweifel haben Cathrin Schauer und ihre KollegInnen einen tiefen Einblick in die Prostitutionsszene, die in der nordböhmischen Region durch umfangreichen Sextourismus aus Deutschland geprägt ist. Mit ihrer Publikationstätigkeit und der Bereitschaft, mit JournalistInnen zusammen zu arbeiten, lassen sie die Öffentlichkeit regelmäßig an ihrem Wissen teilhaben. Das hilft ihrem Verein, sich auch prominente Unterstützung zu sichern; ob es aber den von ihr betreuten Klientinnen hilft, ist fraglich. Denn diejenigen, die gegen Kinder- und Zwangsprostitution vorgehen müssen – Polizei, Staatsanwaltschaften und Ordnungsbehörden – haben andere Beobachtungen gemacht als Schauer. Hier lassen sich nur Aussagen über das diskursive Phänomen ‚Kinderprostitution‘ treffen. Eine Wahrheit über die Prostitution im deutsch-tschechischen Grenzgebiet gibt es allem Anschein nach nicht.

Einige Gründe sprechen dagegen, dass Menschenhandel und Sextourismus mit dem Wegfall der Grenzkontrollen zunehmen. Zum einen waren die Kontrollen in den vergangenen Jahren eher symbolisch. Zum anderen werden Opfer von so genanntem Menschenhandel in der Regel – wenn überhaupt – nicht an den Grenzen ‚gefunden’, sondern ‚in der Tiefe’: durch verdeckte Fahndung oder durch Razzien in Bordellen. Das ändert sich auch nach dem tschechischen Schengen-Beitritt nicht. Es geht nicht darum, Nichtregierungs­organisationen Alarmismus vorzuwerfen. Vielmehr sollten wir untersuchen, wie JournalistInnen ungeprüft mit höchst brisanten Informationen umgehen.

So dominieren Aussagen des Krimi­nal­psychologen Adolf Gallwitz die Bericht­er­stattung über die Prosti­tu­tion im deutsch-tschechi­schen Grenz­gebiet. Er prägte den Satz, die Gegend von Dubí bis Cheb sei “das größte Freiluft­bordell Europas”. Dieser Satz fehlt in kaum einem Zeitungs- oder Zeit­schriften­artikel zur Prostitution oder zur so genannten Kinderprostitution in der Tschechischen Republik. Seine grob gezeichnete, moralisierende Botschaft ist geeignet, eine ganze Region öffentlich zu diskreditieren.

Medienhype statt Recherche

Ausgangspunkt der intensiven Bericht­er­stattung war das 2003 erschienene Buch Kinder auf dem Strich von Cathrin Schauer. Die Autorin machte wiederholt die Beobachtung, dass deutsche Männer Minder­jährige gegen Geldzahlungen sexuell missbrauchten. Aufgrund dieser Wahrnehmung änderte sie ihren ursprünglichen Fokus, welcher auf der Betreuung von professio­nellen Sex­arbeiterinnen lag, und weitete ihn auf Kinder­prostitution aus. Mit Kinder auf dem Strich sowie zahlreichen Vorträgen versuchte Schauer, ein öffentliches Bewusstsein für dieses neu definierte Problem zu erzeugen.

Dazu nutzte sie – absichtlich oder nicht – vier Instrumente, die ihre Einzel­fall­beo­bachtungen medial anschluss­fähig machten: Sie nannte die Zahl von 500 Kindern, die seit 1996 in der Region auf dem Straßenstrich beobachtet worden seien. Das erzeugte den Eindruck, dass es sich um ein Massenproblem handele, das politisch gelöst werden muss. Ihre Publikation wurde von zwei etablierten internationalen Institutionen unterstützt: der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung (ECPAT) und der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). Der Kriminalpsychologe Gallwitz ‚verifizierte’ ihre Erkenntnisse mithilfe der Reputation, die WissenschaftlerInnen von den Medien zugeschrieben wird.

Zudem verwendete die Sozialarbeiterin journalistische Erzählmuster der Reportage: zuerst das Einzelschicksal, dann die Generalisierung und gesellschaftliche oder politische Problematisierung. Das Motiv einer solchen Reportage lässt sich etwa so zusammenfassen: „Ich möchte Betroffenheit hervorrufen und Sensibilität schaffen, damit endlich dort interveniert wird, wo die Menschenrechte der Kinder noch immer mit Füßen getreten werden.” Das Thema ‚Kinder als Beute von Sextouristen‘ wühlt auf, die Erzählung aus der Opferperspektive macht betroffen – die mediale Anschlussfähigkeit ist sicher.

Ihre Öffentlichkeitsarbeit war sehr erfolgreich. In internationalen Zeitungen und Zeitschriften über Kinderprostitution in der Tschechischen Republik stellen Cathrin Schauers Beschreibungen fast immer die einzige Referenz dar, wenn es darum geht, die Behauptung von der Kinderprostitution zu belegen. Gelegentlich haben Journalisten versucht, das Phänomen selbst – ‚undercover’ – zu überprüfen, jedoch erfolglos.

Wo sind die Prostituierten?

Der öffentliche Skandal der Kinder­pros­ti­tution blieb nicht ohne Folgen: Re­gierung und Ko­mmunen sahen sich zunehmend unter Druck gesetzt zu handeln. Während der Frei­staat Sachsen zunächst offensiv agierte, versuchten die tschechi­sche Re­gierung und der Ober­bürger­meister von Cheb, dem Image­verlust entgegenzuwirken, indem sie die Erkenntnisse von KARO infrage stellten. Das bilaterale Verhältnis war 2003 und 2004 auch wegen dieser Frage ziemlich angespannt. Vielleicht war es nur das zufällige Zusammentreffen zweier Ereignisse. Vermutlich aber hat diese Debatte dazu beigetragen, dass die Tschechische Republik sich verstärkt darum bemühte, Prostitution auf lokaler wie nationaler Ebene gesetzlich zu regeln. Auch bei den Polizeien beider Länder hat das öffentliche Interesse einen gewissen Handlungsdruck erzeugt. Offenbar sahen sie sich gezwungen, enger grenz­überschreitend zu kooperieren. Dabei waren die polizeilichen Erkenntnisse jedoch nicht mit den Beobachtungen Schauers in Übereinstimmung zu bringen.

Woran liegt das? Eine Anleihe bei Mariana Valverdes Konzept des „hybriden Ver­waltungs­wissens“ hilft, die unterschiedlichen Wahrnehmungen zu erklären: Das Wissen der Ver­walter ist nicht standardisiert. In der jeweiligen Problem­wahr­nehmung fließen gesetzliche Vorgaben, die ‚Anschauung vor Ort‘, persönliche Ein­stellungen, Soziali­sa­tion und auch kollektive Wert­haltungen zusammen. Jede Behörde – und natürlich auch der Verein KARO – stellt ein Subsystem dar, das nach eigenen Logiken funktioniert, die nicht mit den Logiken anderer Systeme übereinstimmen. Deshalb wird ein Polizei­beamter in Plauen oder Cheb unter ‚Kinder­prostitution‘ etwas anderes verstehen als KARO.
Genauso ist die jeweilige Inter­ven­tions­fähig­keit an spezifische Eigenlogiken gebunden. Die Behörden haben sich zu mehr Zusammenarbeit und Kontrolle entschlossen. Die Polizei kann aber ohne Anlass nur öffentliche Räume kontrollieren. Das hat dazu geführt, dass die Straßen­pros­ti­tu­tion im Grenzgebiet fast verschwunden ist. Was in Bor­del­len oder Wohnungen passiert, kann der Polizei nur bekannt werden, wenn die Opfer eines Verbrechens Strafanzeige erstatten und bereit sind, vor Gericht auszusagen. Polizeien und Staats­anwalt­schaften können nur einzelne Fälle bearbeiten, nicht aber die politischen Probleme dahinter.

Die groß angelegte Veröffent­lichung und Poli­tisierung eines strafrechtlich relevanten und äußerst sensiblen Problems eröffnet vielen Personen die Möglichkeit, sich öffentlich zu profilieren. Die grenz­über­schrei­tende Prostitution wurde zu einem Medien­ereignis. Dieses hat die lokale Kontrolle über die Pros­ti­tu­tion nicht erleichtert – wohl aber vorangetrieben. Den möglichen Opfern hilft das wenig.

Daniel Schmidt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. Eine Langfassung seiner Studie kann unter www.uni-leipzig.de/~v-prost/ abgerufen werden.

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