Was der Selbstzerstörung entgegen steht

Autor_in: 
Steffen Vogel
Das Szenario könnte düsterer kaum sein. Eine namenlose, Menschen gemachte Kata­strophe hat die Erde erfasst. Die meisten Pflanzen sind verbrannt, die Tiere finden kein Fut­ter mehr, und die gesell­schaft­liche Ordnung bricht zusammen. Die überlebenden Men­schen irren durch eine flä­chen­deck­end in Asche gehüllte Welt. Cormac McCarthy schickt einen Vater und seinen Sohn auf die Reise durch diese Ruinen­welt, irgendwo in den USA. Der Junge ist kurz nach der großen Zer­störung geboren worden, er verkörpert die Zu­kunft der Menschheit, falls sie noch eine haben sollte.

Die Protagonisten wollen in den Süden, ans Meer, in der vagen Hoffnung, dort könnte es besser sein. Gegen die allgegenwärtige Asche tragen sie Stofflappen vor dem Mund, mangels funktionierender Transportmittel gehen sie zu Fuß. Doch ihr größtes Problem bleibt der Hunger. Alles Essbare ist vernichtet, es bleiben nur noch Konserven. Gefahr droht zudem von anderen Überlebenden, die – aus Verzweiflung, Bösartigkeit oder postapokalyptischem Sektenglauben – Kannibalen geworden sind.

Vater und Sohn widerstehen dem, sie wollen nicht des Mitmenschen Wolf werden. Auch plündern sie nicht, sondern nehmen nur Güter, auf die sonst niemand Anspruch erhebt. Sie tun dies nicht aus Respekt vor einer weltlichen Ordnung – eine solche gibt es nicht mehr – und folgen keiner abstrakten Moral. Ihnen bleibt wenig mehr als ihre Würde, und sie wollen lieber verhungern, als sie zu verlieren.

McCarthy zeichnet keine edelmütigen Helden; insbesondere der Vater hat seine Empfindungen gepanzert: Beiläufig registriert er menschliche Knochen oder Gedärme auf verwüsteten Feldern. Diese Abscheulichkeiten signalisieren die Nähe gefährlicher Menschen – mehr nicht. Jemand anderem als seinem Sohn zu helfen, kommt nicht in Frage; dafür reichen die Kräfte nicht. Der Junge ist damit oft nicht einverstanden, in knappen, wortarmen Dialogen diskutieren Vater und Sohn immer wieder, wie viel Mitleid sie sich leisten können. Es ist bemerkenswert, wie McCarthy den Jungen zeigt: Diesem ist Nächstenliebe nichts Abstraktes, obwohl er doch kaum Menschen kennt, von denen die meisten überdies in einem ganz existenziellen Sinn als Feinde gelten müssen. Das kann kein Relikt der vor-apokalyptischen Gesellschaft sein; die hat der Junge nicht erlebt. Der Mensch, soll das wohl heißen, ist seinem Wesen nach sozial, zur Liebe fähig.

Aber ihm können auch einige Widerwärtigkeiten zugetraut werden: Der Autor spart an Düsternis nichts aus, er zeigt schaurige Kanni­ba­len­pro­zessionen und Keller, in die Menschen als lebende Nah­rungs­re­serven gepfercht sind. Das erinnert zuweilen an Horror­filme, ohne aber in die Plakativität des Genres zu verfallen. McCarthy deutet an, wirft kurze Einstellungen auf die Szenerie, leuchtet sie aber nie voll aus. Seine Sprachmächtigkeit lässt er nur sehr punktuell aufblitzen, meist reduziert er bewusst. Die einsilbig wirkenden Dialoge spiegeln die allgemeine Zerstörung. Was nutzt ein reicher Sprachschatz, wenn er doch nichts mehr beschreiben kann, weil alles grau und öde ist?

Cormac McCarthys Roman komme dem Alten Testament so nahe, wie kein anderes Buch der Literaturgeschichte, zitiert der Verlag eine amerikanische Rezension. Das ist zumindest ungenau. McCarthys Protagonisten sind eher vage religiös, insbesondere der Junge kann sich das Wirken eines Gottes nur schwer vorstellen. Und die präsentierte Ethik ist insofern nicht alttestamentarisch, als Vater und Sohn nicht aus Angst vor einem strafenden Gott so handeln, wie sie handeln. Sie treibt ebenfalls nicht die Hoffnung auf Auferstehung – ihre Moral ist ganz und gar diesseitig.

„Wir bewahren das Licht“, versichern sie einander immer wieder und: „Wir sind die Guten“. Das beschreibt die Einsicht, dass die Menschen ihre schwache Hoffnung auf eine Zukunft nur dann erhalten können, wenn sie aufhören, einander zu vernichten. Damit beginnt, wer der Brutalisierung seiner selbst entgegenwirkt. Und sich dabei ungleich mehr Mühe und Qual auflädt, als jener, der zum Jäger seiner Mitmenschen wird. McCarthy zeigt den Humanismus als eine Minderheitenposition, die in dem fragilen Vater-Sohn-Gespann überdauert – in einem lungenkranken Mann, der zuweilen lieber tot wäre und nur für seinen Sohn lebt, sowie in einem Jungen, der allein keine Woche überstehen würde.
McCarthys Roman ist keine Dystopie. Er führt nicht im Stile eines Aldous Huxley die erschreckenden Potenziale der Technologie ins Feld, er beschreibt nicht wie George Orwell die inhumane Kehrseite gesellschaftlicher Ordnungen. Als gegeben setzt er, dass diese Gesellschaft an sich selbst zu Grunde gehen könnte und fragt, was im Menschen dem entgegenstehen würde.

Vater und Sohn bleiben auf ihrem selbst gewählten Weg, der Titel gebenden Straße, sie geben weder einander noch ihre Grundsätze auf. Darin liegt der verhaltene Optimismus dieses eindringlichen, zutiefst bewegenden und im Grunde humanistischen Meisterwerkes.

 

Cormac McCarthy:

Die Straße

Rowohlt | 2007
253 Seiten | 19,90 EUR

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