Warum ist Wikipedia politisch?

Autor_in: 
Neelke Wagner
 

Wer hätte gedacht, dass die Wikipedia, mehr oder weniger ein Testlauf für open-source-basierte Textarbeit, sich innerhalb weniger Jahre zu DEM Wissensprojekt der Postmoderne entwickeln würde? Wikipedia wurde nicht nur zum Symbol für die Explosion der Menge möglichen Wissens, sondern auch für die Möglichkeit, in einer unkontrollierten Gemeinschaft der Vielen so etwas wie Vernunft zu produzieren. Ihre Euphorie übertrugen die ersten WikipedianerInnen auf die Welt außerhalb der Wikipedia, die sich mit diesem Beispiel der Eigendynamik und des sozialen Organisationspotentials des WWW zu beschäftigen begann. Doch aus dem Interesse wuchs zunächst vor allem die Zahl ihrer KritikerInnen. Sie fragten sich, wie verlässlich das Wissen sei, das Wikipedia bereit stelle, oder ob Wikipedia-Artikel zitierfähig seien und begannen, das zu untersuchen.

 Letztes Jahr fand „Nature“ heraus, an Quantität sei die englischsprachige Wikipedia der Encyclopedia Britannica bereits überlegen, in Sachen Qualität folge sie ihr recht dicht auf den Fersen. Überhaupt sei die Wikipedia so schnell und aktuell, wie nur ein Internetprojekt sein kann – rasanter wachsend als jedes konventionelle Enzyklopädieprojekt und unschlagbar in Themen wie Popkultur und IT-Technologie. Doch wie unterscheidet die Wikipedia zwischen relevantem und unnützem Wissen, oder, wie es Felix Stalder und Jesse Hirsh formulieren: Wie organisiert sie „das Verhältnis zwischen Offenheit und ei­ner gesunden Signal-Lärm-Relation“?

Das offene Wissen und seine Feinde

Die deutsche Ausgabe, immerhin die zweitgrößte Wikipedia weltweit, wurde dagegen von publizierenden Neidern „erforscht“. Den Spitznamen „Wikifehlia“ bekam sie, nachdem ein Haufen LeserreporterInnen der BILD eine Menge falscher Aussagen in der Wikipedia fand. Die Süddeutsche Zeitung demonstrierte den geneigten Lesenden die Verletzlichkeit der offenen Gesellschaft, indem sie ein wenig vandalierte und damit bewies, dass in der Wikipedia vandaliert werden kann. Solche Versuche, die Wikipedia zu diskreditieren, getarnt als vermeintliche Demonstration von Überlegenheit, bleiben seltsam pubertär. Ein wenig erinnert das an Leute, die ihre Hunde auf eigenorganisierten Kinderspielplätze Gassi führen, weil bei den „Chaoten“ eh alles schmutzig sei.
Die Wikipedia lebt vom Mitmachen und vom Erfolg ihrer internen Verhandlungs­prozesse, nicht von einer Anerkennung von außen. Sie ist kostenlos und partizipativ und kein Dienstleistungsunter­nehmen, das prompten und perfekten Service garantiert. Es ist doch eigentlich viel erstaunlicher, dass die allermeisten eingeschmuggelten Fehler bereits nach wenigen Minuten oder schlimmstenfalls Stunden wieder verschwunden waren.

Der Wikipedia sollte also gleichgültig bleiben, ob irgendwelche arrivierten Spaßvögel neidisch sind. Gefährlich kann ihr diese Missgunst jedoch dann werden, wenn Tausende „Trittbrettfahrende“ ihren MeinungsmacherInnen nachfolgen und ebenfalls Unsinn in den Artikeln verteilen, denn das erzeugt einfach einen Haufen Arbeit. Seit Wikipedia zum Schwergewicht unter den WWW-Informationsquellen aufgestiegen ist, häufen sich die Einmischungen von PR-Abteilungen, welche die Artikel über ihre Firma und deren Chefs beobachten und zu schönen versuchen, wenn dort unliebsame Details vermerkt werden. Web-Hooligans, die getrieben von Profilneurosen oder kommerziellen Interessen, religiöser Inbrunst oder politischer Ideologie versuchen, falsche, unsinnige oder meinungsgefärbte Artikel zu schreiben, werden zur Zeit von den WikipedianerInnen selbst als eine der größten Herausforderungen gesehen. Braucht die Wikipedia also ein professionelles Qualitätsmanagement? Wie soll es funktionieren, und vor allem: Wer soll es übernehmen?

Wie entsteht „offenes Wissen“?

Die Quantität wird von dieser Frage kaum berührt. Wer kritisiert, irgendein Thema komme zu kurz, ist herzlich eingeladen, diesen Mangel zu beheben – die Wikipedia kann also nur wachsen, um quantitativen Ansprüchen gerecht zu werden. Dabei ist das hohe Aufkommen an Artikeln zu kulturellen Produkten wie Comic-Helden und Serienplots – die „Wikiality“, wie Kritiker spotten –  mit dem Anspruch einer Enzyklopädie, das „Wissen der Menschheit“ zu sammeln, durchaus vereinbar. Die „gesunde Signal-Lärm-Relation“ wird durch die Masse der eingestellten Themen und ihre zum Teil abwegigen Inhalte nicht gefährdet – wen es nicht interessiert, wie viele Sorten Kryptonite es gibt, wird schließlich nicht gezwungen, es zu erfahren.

Die WikipedianerInnen sehen sich als Menschen, die den massenmedialen Kinderschuhen entwachsen sind, in denen freudig viel zu viel geschluckt und viel zu wenig beigetragen wird. Sie vertrauen nicht in die akademischen Karrierewege, welche in die Brockhaus-Redaktion führen, sondern in ihr eigenes Vermögen, enzyklo­pädisches Wissen von Forschungs­fragen, Wör­terbucheinträgen und politischen Pamphleten zu unterscheiden. Sie disku­tieren kontroverse Artikel, weisen auf Ungenauigkeiten hin und schlagen Sachfragen auch schon einmal in wissenschaftlichen Klassikern nach. Dass diese Voraussetzungen auch zu einer sozialen Auslese führen, ist logisch und ein Problem – hier und jetzt möchte ich es jedoch nur „im Hinterkopf behalten“ und aus der Perspektive derjenigen argumentieren, die bereits mitmachen.

Diskursethik als Qualitätsgarantie?

Die Frage nach der Verlässlichkeit des Wikipedia-Wissens ist auch für die WikipedianerInnen zentral. Doch geht es weniger um die dienstleistungsorientierte Forderung nach verlässlichen Inhalten, sondern um die Frage nach der richtigen politischen Organisation. Die Verlässlichkeit, die für Wikipedia wichtig ist, darf nicht verwechselt werden mit blindem Vertrauen in die aktuell zu lesenden Texte – die haben WikipedianerInnen hoffentlich nicht nötig. Wer Wikipedia nutzt und gestaltet, muss Darstellungen kritisch hinterfragen, Lücken erkennen und Wissen so ordnen können, dass es für viele verständlich und informativ daherkommt. Vor allem müssen diese Fähigkeiten zunächst jeder Person unterstellt werden, die beginnt mitzumachen. Diese politische und kommunikative Verlässlichkeit entsteht, so denkt es sich Wikipedia, durch Transparenz und diskursethische Regeln: Ein neutraler Standpunkt, die Verifizierbarkeit und die Konzentration auf Wissen, welches bereits verfügbar ist, sind Kriterien, an denen sich schon frühere Enzyklopädien haben messen lassen müssen und die als Argumente in den Artikeldiskussionen auch eingesetzt werden.

Damit setzt die Wikipedia auf die gleichen Mechanismen wie sie die (angelsächsische) akademische Wissensproduktion als Ideal propagiert: peer review, meritokratische Gruppenprozesse und erkenntnis­orientierte Aushandlung von Übereinkunft. Schließlich ist die Idee des WWW und der Open Source - Community ebenso aus akademischen Gruppenprozessen entstanden1 und hält an diesen Idealen fest. Der einzige Unterschied zwischen der Wikipedia und einer akademischen Enzyklopädie ist die Offenheit und der Verzicht auf persönliche Kontrolle. Macht sich jemand wiederholt des Vandalismus oder der Pöbelei schuldig, so wird die IP-Adresse des Computers gesperrt – und nicht der reale Name einer realen Person. Das wirkt in einer Gesellschaft, die eine massenhafte Vorratsdaten­speicherung aus „Sicherheitsgründen“ bereitwillig über sich ergehen lässt, einigermaßen absurd. „Da weiß man ja gar nicht, wer da schreibt!“, heißt es kopfschüttelnd. Nee, weiß „man“ nicht. Warum sollte man auch?

Wissen ist immer politisch

Diese politische Offenheit hat Auswirkun­gen auf die Qualität des produzierten Wis­sens, allerdings auf einer ganz anderen Ebene als jener der „Wahrheit“, die so vie­le Menschen in Enzyklopädien zu finden hoffen. Der Wahrheitsbegriff, der in der Wikipedia vorherrscht, ist leider über den ihrer akademischen Vorgänger nicht hinaus gekommen. Dabei hatte doch die Idee der ersten Enzyklopädisten schon enthalten, dass Wissen nicht „wahr“, sondern vielmehr emanzipatorisch sein müsse. Diderot und D’Alembert, Erfinder und Autoren der „encyclopédie universelle“, schrieben meinungsstarke Artikel mit aufrufendem Charakter. Zu einer Enzyklopädie gehört der aufklärerische Anspruch, anhand einer (be-)lehrenden Wissenssammlung den „Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ voranzubringen. Deshalb sind auch die herkömmlichen Lexika, mit denen die Wikipedia ständig verglichen wird, eigentlich keine Enzyklopädien, denn emanzipatorisch kann mensch Wissen kaum nennen, welches rein nach dem Sender-Empfänger-Prinzip der alten Massenmedien funktioniert. Ist Wikipedia in diesem Lichte nicht die einzig wahre Enzyklopädie? Was kann dem eher gerecht werden als eine „Freie Enzyklopädie“, in der jedeR Wissen mit anderen teilen kann?

Ganz egal, was sich die Wiki­pe­dianer­Innen denken von „ihrer“ Wahrheit – Wi­ki­pe­dia zwingt Lesende und Schreibende nachzuvollziehen, was es bedeutet zu sagen, Wissen sei historisch geprägt und sozial konstruiert. Schließlich ist alles, was mensch schreiben kann, andauernd und immer wieder Diskussionen und Modifikationen ausgesetzt; alles fließt, nichts bleibt. Wissen wird nur dokumentiert, um gleich darauf, teils durch Neubewertungen, teils durch neue oder andere Forschungsprojekte, modi­fiziert, bestätigt oder verworfen zu werden. Vielleicht ist ja genau dies die „Wahrheit“. Statt einer endgültigen Artikelversion, die perfekt und vollendet stehen bleibt arbei­tet Wikipedia für die Erkenntnis, dass letzt­lich nur Wissen wertvoll und „wahr“ ist, welches selbst geschaffen, angeeignet und nutzbar gemacht wird. Das ist unbequem und verlangt den Verzicht aufs warme sichere Bibliothekarsstübchen. Es ist ner­vig und erschöpfend, wenn Menschen mit anderen Erkenntnissen und Ansichten ständig dazwischen quatschen. Soziale Wissenskonstruktion bedeutet ziemlich harte Arbeit.

Dieses „Neue“ an der Wikipedia wurde im realen politischen Leben bisher kaum erprobt. Kontrolle in der Wikipedia bedeutet demnach, die Inhalte zu beobachten und einzuschreiten, wenn ein Artikel in einem Streit verschiedener AutorInnen immer wieder zerpflückt wird. Um der Transparenz willen kann dies jedes Mitglied der Community tun, und gleichzeitig werden alle früheren Versionen ebenfalls „behalten“. Bei Artikeln mit einer friedlichen Biografie funktioniert das, bei Konflikten, die einvernehmlich nicht lösbar sind, dagegen nicht. Wikipedia behilft sich im Höchstfall damit, umstrittene Artikel für die weitere Bearbeitung zu sperren. Wie das aber „demokratisch“, also in Abstimmung und transparent, gelöst werden kann, bleibt eine offene Frage – eine der spannendsten politischen Fragen, die das WWW zur Zeit stellt.

Daher bleibt zu hoffen, die Wikipe­dianerInnen werden nicht auf die vermeintlich einfache Lösung verfallen, die alt­hergebrachten Mechanismen der Kontrolle und der Wissens-Filter einzusetzen. Schon jetzt gibt es Streit um die schleichende Hierarchisierung und anonyme Kontrolle der Wikipedia, sei es durch Gründer oder langjährige Administra­tor­Innen, bezahlte Voll­zeit­­re­dak­teure oder schlicht die, die zuviel Zeit haben. Wiki­pedia braucht Anderes: neue und gewagte Antworten auf ihre Organisationsfragen. Gerade wenn diese aus den Wikipedia-Erfahrungen und nicht aus dicken Büchern über politische Theo­rie entwickelt werden, birgt Wikipedia tat­sächlich ein großes Potenzial. Nicht nur das Wissen, auch sein Produktionsprozess könnte ständiger Revi­sion und Veränderung, Anpassung und Diskussion ausgesetzt bleiben, damit nicht ein perfektes Lexikon, sondern eine freie Enzyklopädie im politischen Sinne entsteht. Solche Fragen stoßen in den etablierten Medien auf keinerlei Interesse – wenn überhaupt, kennen sie die Antwort schon. Die würden wahr­scheinlich erleichtert aufatmen, kehrten in das sonderbare anarchische Geschwür endlich, endlich Recht und Ordnung und Langeweile ein.

 

Neelke Wagner ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet zur Zeit als Online-Volontärin und lebt in Berlin.

 

Endnote

[1] „Open Source Intelligence“ by Felix Stalder and Jesse Hirsh, URL: http://firstmonday.org/issues/issue7_6/stalder/index.html

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