Von A zur agit 883

Autor_in: 
Sarah Ernst


Vorweg die Einschätzung: Mit dem im Herbst 2006 bei Assoziation A erschienenen Sammelband ist der Herausgebergruppe rotaprint 25 ein fakten- und anekdotenreiches Werk zu linkem Wirken und Selbstverständnis gelungen.

Die legendäre Untergrundzeitung „agit 883“ stellt dabei Ausgangsbasis wie Bindeglied für ein ausdifferenziertes Panorama über alternatives Leben in Westberlin Anfang der 70er Jahre dar. Ein ambitionierter Versuch linker Ge­schichtsschreibung; und in diesem Fall sind Versuch wie Ergebnis durchaus zu loben.

Geschichte in ihrem Sinne zu deuten, ist das Vorrecht der Sieger – in der BRD bislang selten linke Kräfte – weswegen es um den dezidiert linken Blick, die von linker Seite erlebte und wiedererzählte Geschichte meist schlecht bestellt ist. Dieses Buch ermöglicht einen generellen und dennoch sehr genauen Gegen-Blick auf eine politisch brisante Zeitspanne. Am tiefroten Faden „agit 883“ wird an Zuständen, Problemen, Utopien und realen Umsetzungen theoretischer Überzeugungen entlang erzählt, die hier und da auch über den Westberliner Tellerrand hinausreichen können.

Dabei wechseln in den Überkapiteln „Gegengesellschaft – politische Bewegung – Institutionen“ Themensetzungen der Außerparlamentarischen, welche manchmal kaum mehr nachvollziehbar scheinen mit anderen ab, die nach wie vor bedauerlich aktuell sind (etwa Szenekriege um Allein­vertretungsansprüche...). Bildlich verstärkt werden diese Eindrücke durch die auf CD gebannten Originalausgaben, auf deren jeweils 4 bis 26 Seiten sich einiges zum Entdecken anbietet:

Berichte über Streiks und Proteste auf allen Ebenen (Schulen, Firmen, Lehr­linge, Studis); Kritik an Knast, Psychia­trie und Heimunterbringung; Theo­retisches zu Kapitalismus, Geld­wirtschaft, und „Zinssystem“; Theo­retisches und Persönliches zum Thema Faschismus; Kritik an Erziehung und Wissen­schaft; Überlegungen und Provo­kantes zu Sexualität, Geschlecht und Frustration über beides; Prozessberichte; Mili­tantes Wollen und Fordern; Kron­stadt und die Rätedemokratie als Vor­bil­der; Demonstrationen und Polizei­übergriffe; Auseinandersetzungen mit Imperialismustheorien und noch einiges mehr.

Es ist ein Nachschlagewerk zum Ent­decken, Vertiefen und vielleicht auch Ver­stehen – nicht alles ist zum unterhaltsamen Schmö­kern geeignet. Aber es bietet die Möglichkeit, sich in eine Zeit zurück zu versetzen, die von Vielen als ebenso prägend wie faszinierend angesehen wird. Mit einem notgedrungen lachenden und einem weinenden Auge stellt sich hier eine Phase linker Geschichte samt ihres Facettenreichtums vor.

      

Rotaprint (Hrsg.): Agit 883. Bewegung, Revolte, Underground in Westberlin 1969–1972. Beigelegte CD mit sämtlichen Ausgaben der Agit 883, 296 Seiten. Assoziation A, Berlin 2006, 22 Euro

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