Virtuelles Turteln

Autor_in: 
Christian Schröder

Von der streng katholischen Eheanbahnung zum schwulen Sex-Date: Online-Börsen boomen. Die PartnerInnensuche im Cyberspace kann das Leben erleichtern, birgt aber Gefahren.

„Arbeitet man erst einmal, verändert sich der Freundeskreis“, erzählt Tom. „In der Clique gibt es irgendwann nur noch Pärchen, die zusammenwohnen. Wenn man dann nicht in einem Sportverein ist oder unglaublich auf Men­schen zugehen kann, lernt man neue Leu­te nur noch über die Arbeit kennen“. So geht es auch dem 34-jährigen Lehrer. Nach zwei Beziehungen mit Kolleginnen hatte Tom keine Lust mehr auf Paukeraffären. Doch wo sollte er jemanden kennen lernen, wenn Arbeit und Freundeskreis ausscheiden?

Wer keine Lust auf Singlepartys hat, dem bietet sich heute eine Alternative: die PartnerIn­nensuche im Netz. Laut einer Emnid-Studie von 2003 bilden Online-Single­börsen inzwischen den drittwichtigsten Treffpunkt – hinter Arbeitsplatz und Freundes­kreis. Das Online-Dating avanciert zur modernen Form der Kleinanzeige und befreit das traditionelle Inserat von seinem mie­figen Verlierer­image. Kontakt­auf­nah­men im Netz sind gesellschaftlich akzeptiert und gelten längst nicht mehr als letztes Mittel einsamer Singles. Die Anonymität im virtuellen Raum lässt Hemmschwellen sinken und eröffnet neue Freiräume, nicht zuletzt sexuelle – und sie verändert das soziale Miteinander, im Online- wie im Offline-Leben.

Digitale Vermittlungsbörsen boomen seit einigen Jahren, mittlerweile tummeln sich fast 2.500 Partnervermittlungen, Datingbörsen und Seitensprungagenturen im Netz. Von der seriösen Eheanbahnung bis zum schnellen Sexdate reicht das Angebot. Der Katholik findet seine zukünftige Gattin in der streng christlichen Ehevermittlung kathtreff.org („Das Heiratsportal für Katholiken“), der einsame Bauer seine zukünftige Hofdame auf farm­flirt.de („Die Flirtseite für den ländlichen Raum“), die Veganerin ihren Rohköstler auf loveisgreen.de („Weil Liebe nicht derartig blind ist“) und Mollige werden auf rubensfan.de („Die Homepage für runde Frauen und ihre Bewunderer“) fündig.

Tom hat Melanie über ilove.de („Dating, Flirten, Freunde finden)“ kennen gelernt: „Ich hab das vorher noch nie gemacht und war einfach nur neugierig, was passiert“. Viele bekannte Gesichter hat der Pädagoge beim Durchklicken gefunden. Schnell war ein Account eingerichtet, ein Bild im Fotoautomaten um die Ecke geknipst und ins Netz gestellt. Ein witziger Spruch dazu, fertig. „Ich hab mich wohl ganz gut präsentiert und den Geschmack einiger Frauen getroffen. Ruckzuck kam ich auf einen Datingfaktor von über 80 Pro­zent“, grinst der Erzieher sichtlich stolz: „Das ist hervorragend!“ Zahlreiche Mails vom suchenden weiblichen Geschlecht trudelten in der Folgezeit bei ihm ein. „Mit 50 oder 60 Frauen hab ich gemailt, mit zweien mich verabredet. Melanie war die Zweite“. Seit anderthalb Jahren sind beide ein Paar – und damit bei weitem kein Einzelfall. Nach Studien von Datingportalen mit seriösem Anstrich halten 50-75 Prozent ihrer NutzerInnen nach einer dauerhaften Beziehung Ausschau.

Das schwule Einwohnermeldeamt

Tanja ist ein anderer Typ. Seit einem halben Jahr ist die 22-jährige Ethnologie-Studentin solo, eine feste Beziehung sucht sie momentan nicht. „Ich brauch noch mehr Abstand“. Von einer Freundin bekam sie den Tipp, sich bei vinya.de („Hier finden Sie ihren Traumpartner“) anzumelden. Jetzt trifft sich die junge Berlinerin gelegentlich mit Männern, die sie im Internet kennen gelernt hat. Mehr als eine Affäre ist daraus noch nicht entstanden. „Muss auch nicht, gerade find ich das gut „

Der Grafikdesigner Mirko wiederum bewegt sich täglich in der schwulen Dating­börse gayromeo.de („Online dating service for gay men”). Und mit ihm zusammen fast 25.000 andere Männer vormittags an jedem normalen Werktag. Gayromeo hat nach eigenen Angaben weltweit fast eine halbe Million Mitglieder, die Hälfte davon allein in Deutschland. Aus der Schwulenszene sind Kontaktbörsen kaum noch wegzudenken. Gaydar, Gayromeo und Gayroyal haben die Szene virtuell vernetzt – und verändert. Auf dem Land bilden sie eine dringend benötigte Ergänzung zu den wenigen schwulen Treffpunkten. Doch boomen die Online-Börsen gerade in den Szene-Hochburgen Köln und Berlin. Allein Berlin-Schöneberg, fast schon tradi­tionell eine schwule Hochburg, zählt knapp 5.000 Einträge bei Gayromeo. Selbstironisch sprechen viele in der Szene vom „schwulen Einwohnermeldeamt“. Kaum etwas hat das schwule Balzverhalten in den letzten Jahren so stark verändert wie Kontaktforen im Internet. „Auf Parties werde ich schon gefragt: ‚Bist Du nicht mirko78 aus Mitte?’“, grinst Mirko. Täglich chattet er mindestens fünf Stunden, die Hälfte davon während der Arbeitszeit in seiner Werbeagentur. Passend dazu bietet planetromeo.com eine bürotauglichere Variante von Gayromeo – genauso quietschend hellblau, aber ohne verräterische halbnackte Kerle.

Online lernen Menschen sich völlig anders kennen, meinen Hans Geser und Evelina Bühler vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. In Single-Portalen existiere von Anfang an „eine wechselseitige Erwartungssicherheit“ – ähnlich wie bei Singletreffs. Virtuelle Kontakte sind zudem flüchtiger, unverbindlicher und auch oberflächlicher.

Die beiden WissenschaftlerInnen haben über 4.000 Nutzer­Innen des Schweizer Datingportals partnerwinner.ch befragt und untersucht, ob die digitalen Kontaktbörsen die Auswahl unserer PartnerInnen verändern. Früher lernten sich die meisten Paare „eher zufällig“ kennen – im Netz kann man das „Angebot“ nach verschiedenen Merkmalen durchsuchen: Wohnort, Haar­farbe, RaucherIn. Oder man lässt den Anbieter eineN Traum­part­nerIn auswählen, eine Software (siehe Infobox) ermittelt die gewünschte Person.

Laut der schweizer Studie liegt die Wahr­scheinlichkeit, dass eine virtuelle Bekannt­schaft in eine dauerhafte Beziehung mündet, bei immerhin 25 Prozent. Auch Tom und Melanie hätten ohne Internet nicht zusammen gefunden. „Im Alltag wären wir uns niemals begegnet“, sagt Tom, „sie führte ein komplett anderes Leben als ich“.

Wer online sucht, mag leichter seine Liebe finden. Gesellschaftliche Grenzen wird er dabei kaum überspringen. Der Müll­mann aus Schwerte und die FDP-Europa­parlamentarierin aus Brüssel dürften auch über ein Dating-Portal nicht zueinander kommen. Spätestens mit dem ersten Offline-Date wäre wohl Schluss.

Und damit die BildungsbürgerInnen ihre Zeit nicht überflüssig im Netz verplempern, umwirbt etwa ElitePartner.de („Die Adresse für Singles mit Niveau“) die taz-LeserInnen mit einem „Akademikeranteil von knapp 70 Prozent“.

Die Unverbindlichkeit der Cyberwelt

Entschieden einfacher hat es, wer im Netz nach Sex sucht. „Viele haben so zu ihrer ganz per­sönlichen sexuellen Selbstverwirklichung ge­funden“, glaubt Axel Krämer, Autor im Querverlag. „Das Internet macht es möglich: Sex sofort und ohne Anlauf, maßgeschneidert nach den eigenen Vorstellungen, ohne dabei groß etwas aushandeln oder einen Kompromiss eingehen zu müssen“. Auf Gayromeo kann mann die genauesten An­gaben zu seinen Sexvorlieben machen: ob lieber „top“ oder „bottom“, ob „aktiv“ oder „passiv“, Penislänge von S bis XXL oder speziellere Sextechniken wie Fetisch, Fisten und SM. Sehr umstritten ist die Profilangabe: „Safer Sex: niemals“.

Doch das Online-Dating birgt Risiken. Der Erfolg der Kontaktbörse Gayromeo bewirkt, so fürchten manche, dass mann sich eher im Internet als in Clubs trifft. Oft bleiben die Kontakte in der Cyberwelt unverbindlich, auch Mirko kennt das aus eigener Erfahrung. In der Szene assoziieren manche Gayromeo inzwischen mit „chatten, aber sich nicht treffen wollen“. Einige Chatter möchten sich damit schlicht Enttäuschungen in der Realwelt ersparen; denn in der Cyberwelt lässt sich leichter schummeln: bei Aus­sehen, Auftreten, Coolness.

Die Anonymität des Netzes produziert auch ganz handfeste Gefahren. MANEO, das Schwule Überfalltelefon Berlin warnt in einer Infokampagne zur Vorsicht bei Blind Dates. Sie können sich als Fallen homophober Gewalttäter erweisen. Auch die „Safer Dating-Initiative für sicheres Dating im Internet“ gibt Verhaltenstipps: Die eigene Anonymität wahren, den Gegenüber testen, das erstes Treffen nie in der eigenen Wohnung stattfinden lassen und vorher Freunde informieren.

Tom nutzt seinen Dating-Account bei ilove.de nicht mehr. „Nach einem halben Jahr mit Melanie hab ich mich mal bei liebesalarm.de angemeldet“. Doch Melanie hat Wind von der Sache bekommen. „Ist doof gelaufen. Das gab vielleicht Zoff! Jetzt bin ich nirgends mehr. Nur noch bei MySpace.“

 

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Online-Dating - Das neue Geschäft mit der Liebe

Die ersten Seiten im deutschsprachigen Raum entstanden 1994. Inzwischen gibt es über 2.500 Kontaktportale, etwa 6,4 Millionen Deutsche sind in Datingbörsen registriert. Laut Marktanalyse „Online-Dating-Report 2005“ lag der Umsatz bei über 75 Millionen Euro. Prognosen rechnen bis Ende des Jahrzehnts mit einem dreistelligen Millionenbetrag. Die Nutzung der meisten Börsen ist kostenpflichtig, die Preise bewegen sich zwischen 5 und 40 Euro monatlich. Die Anbieter der Partnervermittlungen sind über Datenschutzgesetze zu einem sensiblen Umgang mit den persönlichen Daten verpflichtet. Allerdings willigen die Nutzer bei der Registrierung oft in der Verwertung ihrer Daten zu Marketingzwecken ein.

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Online-Dating-Glossar

Faker operieren mit gefälschten Identitäten und geklauten Fotos. Ihre Motive sind sehr unterschiedlich und reichen von Langeweile, Spaß am Rollenspiel, Suche nach Cybersex, Betrug bis hin zu persönlichen Rachefeldzügen. Die Anbieter nutzen inzwischen verschiedene Möglichkeiten der Bekanntheitsprüfung.

Mit dem Matching unterstützt der Online-Dating Anbieter seine NutzerInnen bei der Suche. Beim „aktiven Matching“ durchsuchen NutzerInnen die Datenbank des Anbieters auf Übereinstimmungen mit persönlichen Präferenzen (Geschlecht, Alter, PLZ, Hobbies). Beim „passiven Matching“ wählt die Anbietersoftware aus.

Matching-Algorithmus ist die „Liebes-Formel“ nach der das Programm ermittelt, wer zu wem passt.

Trolle sind Cyberdater, die sich einen Spaß daraus machen, provozierende Beiträge in Foren oder Chats zu schreiben - meist unter einer falschen Identität. Trolle schauen sich in der Regel das angerichtete Chaos noch eine Weile an und verschwinden dann.

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