Tote, die noch nicht gestorben sind

Autor_in: 
Mathias Brandstädter

Der bekannteste Unbe­kannte unter den deutschsprachigen Schriftstellern soll sich dem Ruhm schon entzogen haben, bevor er überhaupt zu schreiben begonnen hatte. Im Ziegelbrenner kündigte er an: „Ich bin nichts als ein Ergebnis der Zeit... namenlos ...Ich will nichts anderes sein als Wort!“
Was 1925 mit einer Post­fachadresse in Mexiko und dem Pseudonym ‚B. Traven’ seinen Anfang nahm, entwickelte sich bis zum Tod des Autors 1969 zur publikumsstärksten Offerte einer sozial engagierten, entschieden individualanarchistisch geprägten Literatur, mit weltweit fast 30 Millionen verkauften Buch­exemplaren und zahlreichen Filmfassungen. Auch die legen­däre Verrätselung seiner Herkunft – poetologisches Selbst­verständnis und Mar­ke­ting zugleich – sorgt für Auf­merksamkeit.

Travens Rezeption leidet jedoch unter der Interpretation seiner Romane als schlichter Aben­teuer­literatur mit wohlfeiler Kritik der westlichen Kultur­­he­gemo­nie und einer farbigen Stili­sierung und utopischer Ver­klärung der Indi­genen. Tatsächlich sympa­thisiert Traven mit der  Anschauungs­welt der südamerikanischen UreinwohnerInnen, die sich durch ihren urwüchsigen Ge­mein­schafts­sinn auszeichne. Bestünde der literarische Appell allein darin, wäre Travens permanente Missachtung durchaus plausibel.

Doch Traven wirft auch einen schonungslosen Blick auf die Lage und Mentalität des mexikanischen ‚Lumpenproletariats’, auf all jene, die für ihre spanischen ‚Herrn’ unbezahlt Fron­arbeit leisten müssen. Traven demonstriert das Elend jener Wander­ar­bei­terInnen, die stets auf der Suche nach einer Existenz erhaltenden Beschäftigung sind und aus ihrer Abhängigkeit nie ausscheren können. Wie weit der Grad menschlicher Erniedrigung reichen kann, zeigt eindrucksvoll Das Totenschiff: Ein staaten­loser Seemann wird zwischen den Eigeninteressen von National­staaten zerrieben, deren Zöllner ihn bei Anbruch der Dunkelheit immer wieder ins nachbarliche Niemandsland des Grenzbereichs befördern. Er heuert auf einem jämmerlichen Kahn an, dessen einziger profitabler Zweck darin besteht, samt Mannschaft und wertloser Ladung unterzugehen, um dem Eigner eine Versicherungssumme zu stiften. Obwohl geistig wie körperlich rege, sind die Chancen der Protagonisten hier soweit minimiert, dass es sich um Tote handelt, die noch nicht gestorben sind.

Die völlige Desillusionierung bringt nach Traven hilfreiche Impulse: Wer nichts mehr zu verlieren hat und sich dies eingesteht, agiert flexibler und ungehemmter gegen Unterdrückung, die mit der Maßlosigkeit ihrer Aus­beu­tung zugleich die Be­din­gungen ihrer Beseitigung schafft. Diesen Standpunkt hat Traven in seinem sechsbändigen Caoba-Zyklus über den gewaltsamen Umsturz der mexikanischen Diaz-Diktatur systematisch ausgearbeitet. Niemals ist der Tonfall weinerlich – Traven erzählt kurzweilig und abgeklärt. Die Ferne seiner Schauplätze – die mexikanische Provinz und die Ausläufer der mittelamerikanischen Tropen – tut der Aktualität der Schilderungen keinen Abbruch. Er will Prozesse und Strukturen verdeutlichen, die sich überall auf der Welt bedenklich ähneln.

Weniger bekannt ist, dass Traven höchstwahrscheinlich mit dem Aktivisten der Münch­ner Räterepublik von 1919 Ret Marut identisch ist. Der Weg­gefährte Gustav Landauers, Eugen Levinés und Ernst Tollers gab ab 1917 die Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus. Diese schrieb so beispiellos enthemmt wie intelligent gegen den wil­helmi­nischen Staatsapparat, den preußischen Militarismus und die bürgerlichen Presse an. Und sie beförderte umgehend die Absender allzu wohlwollender Leserbriefe aus der Bezugskartei – getreu der Maxime „Ich bin unbesiegbar, wenn ich nicht will, was ein anderer will!“

Traven suspendierte später seine persönlichen Hintergründe aus dem literarischen Diskurs. Auf der Flucht aus München gab Marut im Gewahrsam der bri­ti­schen Polizei gleich sechs falsche Namen, zwei falsche Berufe sowie eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu Pro­tokoll. Deutlicher kann eine pro­gra­mmatische Aufgabe des Autoren­status kaum ausfallen.

Das zentrale Thema Travens ist die Anfälligkeit gegenüber Macht in jeglichen Erscheinungs­formen; er präsentiert sie anhand der Kollision verschiedener Kulturen. Daher geben auch die UreinwohnerInnen bei Traven häufig eine schlechte Figur ab. Er legt bloß, wie ihre kulturelle Prägung sie in entscheidenden Momenten gegenüber den ‚westlichen’ Repressionsversuchen gnadenlos im Stich lässt.

Man mag Travens utopischen Fluchtpunkt einer Immuni­sierung gegen Herrschafts- und Systemdenken für diskutabel halten, die scharfsinnige literarische Darstellung menschlicher Eigenheiten und ihrer Einlassstellen für unterschiedliche Machtansprüche ist zeitlos aktuell.

Mathias Brandstädter ist Philologe und Publizist. Im Herbst 2008 erscheint von ihm und Jan-Frederik Bandel ein Sammelband über B. Traven im Karin Kramer-Verlag.

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