sul serio Sonderausgabe #05: Soziale Bewegungen in Afrika

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Redaktion Sul Serio

In den 1990er Jahren als „vergessener“ oder „verlorener Kontinent“ bezeichnet, rückte Afrika dieses Jahr gleich mehrmals in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Vom 20. bis 25. Januar 2007 fand in Nairobi das siebte Weltsozialforum (WSF) statt. Auf dem G8-Gipfel vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm stellte die Bundesregierung unter dem Leitmotiv „Wachstum und Verantwortung“ die Entwicklung Afrikas in den Mittelpunkt des Treffens. Afrika gerät damit in das Zentrum des Interesses der energie- und rohstoffhungrigen G8-Staaten.

In Deutschland wird Afrika nach wie vor nur mit „Unterentwicklung“, Hunger, Krieg und Flüchtlingen assoziiert. Medien und Sozial­wissenschaften blicken auf soziale Bewegungen in Afrika – wenn überhaupt – aus entwicklungspolitischer Sicht.

Über afrikanische soziale Bewegungen gibt es hierzulande keine Diskussion. Zu Unrecht, finden wir. Deshalb stellen wir sie in den Mittel­punkt dieser Sonder­ausgabe. Wir werfen einen Blick auf soziale Bewegungen in Afrika, der über das hinausgeht, was europäische Mainstream-Medien und ein­fluss­reiche Geber­organisa­tionen als „die“ afrikanische „Zivil­gesellschaft“ präsentieren.

Zwar sind „Zivilgesellschaft“ und „so­ziale Bewe­gungen“ prominente Be­griffe. Trotzdem sind afrikanische soziale Be­­we­gungen eine Leerstelle in der von OECD-zentrierten Konzepten und Be­griffen gepräg­ten Forschung und in Medien­berichten. Wenig wird von Bewegungen berichtet, die entwicklungs- und wirt­schafts­politische „Zusammen­arbeit“ aus Eu­ropa mit und in Afrika kritisch beurteilen oder ablehnen wie etwa die Proteste lokaler Gruppen gegen Unter­nehmen und Welt­bank-Vorzeige­projekte wie die Tschad-Kamerun-Pipeline. Noch weniger wird über lokale Bewegungen berichtet, denen es um Themen geht, die nicht Teil der entwicklungs­poli­tischen Debatte sind wie Proteste gegen die Hochschulreformen in Burkina Faso.

Wie verstehen afrikanische soziale Be­we­gungen sich selbst, was sind ihre Ziele und ihre Forderungen? Wann und welche Bewegungen nehmen wir überhaupt wahr? Eignen sich in Europa und Nordamerika geprägte Begriffe und Kategorien wie „alte“ und „neue“ soziale Bewegungen für die Realitäten afrikanischer sozialer Bewe­gungen?

Wir fragen danach, mit welchen Be­we­gungen und in welcher Form Solidari­tät wün­schens­wert ist. Zwar sind die Afrika-Soli­be­we­gungen in Deutschland wenig präsent, doch gab und gibt es sie. Patrice Lumumba und Thomas Sankara haben es freilich nicht wie Che Guevara in die europäische T-Shirt-Massenproduktion geschafft. Doch auch in Deutschland hat es Afrika-Solibewegungen gegeben. Allerdings fand und findet darüber wenig (selbst)kritische Diskussion statt.

Das WSF 2007 in Nairobi war eine Chance für afrikanische soziale Bewe­gungen, sich zu positionieren, Ziele und Forderungen hörbar zu artikulieren. Wie haben afrikanische Gruppen und Bewegungen diese Chance genutzt?

Gerade weil wir in Deutschland so we­nig wissen über das Spektrum sozialer Be­we­gungen in Afrika, beschränken wir uns bewusst nicht auf eine Region oder ein Land, ein Thema oder eine „Kategorie“ von Be­we­gungen. Wir fragen breit (und ohne Anspruch auf Vollständigkeit) da­nach, welche sozialen Bewegungen es in Afrika gibt und mit welchen Bewegungen kritische Solidarität möglich ist.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht die Projektredaktion www.sul-serio.net | www.migration-bf.de

Eine gemeinsame Sonderausgabe von sul serio und Ouagadougou Sans Papiers anlässlich des Weltsozialforums 2007 in Nairobi (Sommer 2007).

 

sul serio-Kooperationspartner

Ouagadougou Sans Papiers ist 2004 entstanden als ehrenamtliche UnterstützerInnen-Gruppe des Süd-Nord-Projekts „Flucht und Migration in Deutschland, Frankreich und Burkina Faso“ im Rahmen des ASA-Programms.
In dem Süd-Nord-Projekt arbeiteten vier ASA-TeilnehmerInnen – je eine Teilnehmerin aus Deutschland und Frankreich, eine Teilnehmerin und ein Teilnehmer aus Burkina Faso – sechs Monate gemeinsam zu Fragen von Migration und Flucht in Deutschland, Frankreich und Burkina Faso, drei Monate in Deutschland und Frankreich und drei Monate in Burkina Faso. Der Schwerpunkt der Nordphase in Deutschland und Frankreich lag auf Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, der Schwerpunkt der Südphase auf Information und Recherche zu Migrationsgründen in Westafrika und der Situation von Flüchtlingen und RückkehrerInnen aus der Elfenbeinküste in Burkina Faso. Partner in der Nordphase waren unter anderem der Weltfriedensdienst und Inkota, Partner in der Südphase das Mouvement Burkinabé des Droits de l’Homme et de Peuple (MBDHP). Die UnterstützerInnen-Gruppe begleitete insbesondere die Nordphase in der Vorbereitung und Durchführung von Seminaren, Abendveranstaltungen usw. Schwerpunkt unserer Arbeit im Jahr 2006 war die Organisation der Filmreihe Ouagadougou sans Papiers.
Seit Juni 2006 zeigen wir einmal monatlich im Café Morgenrot (Berlin-Prenzlauer Berg) Filme zu Flucht, Migration und Illegalisierung in und nach Deutschland, Frankreich und Westafrika.

weitere Informationen: www.migration-bf.de

 

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