sul serio #13: WARE LUST MACHT ARBEIT

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Redaktion Sul Serio

Die wahre Lust erlebt man nur als Sex­tourist in Südostasien. So stellt sich die ‚zukünftige bessere Welt’ im Roman Plattform dar, mit dem Michel Houellebecq 2001 einen Feuilleton-Skandal produzierte. Er beschreibt darin die zunehmende sexuelle Entfremdung der westlichen Gesellschaft und bietet die Vermarktung sexueller Dienstleistungen durch die Tourismusindustrie als einen Ausweg an.

FeministInnen verurteilen solche Verharmlosung von Sextourismus und Zwangsprostitution. Andere sind enttäuscht, weil diese Literatur nicht mehr sexuell erregt: Früher hätten pornografische Texte verführen wollen, diesem aber gehe es nur um Wahrheit. Wer Houellebecq mag ist dagegen froh, weil sein Buch das Gefühl der Fremdheit ausdrückt, welches wir vor einer Welt empfinden, die immer weniger unseren Bedürfnissen entspricht. Er schneide eben Themen an, von denen niemand etwas hören wolle.

In der Redaktion haben wir keine einheitliche Position zu unserem Heftthema Sexarbeit/Prostitution – weder zusammen, noch jede/r für sich. Es scheint einfacher zu sein, eine Meinung über Prostitution abzulehnen, als eine zu haben. So ist Sexarbeit keine normale Arbeit – Sexarbeit ist aber auch keine nicht legitime Erwerbsarbeit.

Zudem wird Prostitution selten nüchtern und sachlich thematisiert, sondern stets von viel Voyeurismus begleitet. Wir leben mit Prostitution im Alltag – schlendern bei der Kneipentour über den Straßenstrich, haben ein Bordell um die Ecke, beobachten Geschäftsleute in ihrer Mittagspause als Freier. Trotzdem ist Sexarbeit eine Art weißer Fleck unseres Wissens, weil wir meist keine eigenen Erfahrungen damit haben.

Diese Lücken zeigen, wie verkrampft das gesellschaftliche Verhältnis zu Sexualität ist, wie sehr Prostitution noch immer tabuisiert wird. Welche Bedeutung geben wir dem Sex eigentlich ‚normalerweise’, also in unseren festen oder spontanen Beziehungen? Sex kann intensives Erleben, Lust und Befriedigung heißen. Sex ist aber auch eine Art und Weise zu kommunizieren, ein Band zwischen den Teilhabenden. Hat die Scheu vor der Prostitution und vor allem davor, Sex zu verkaufen, damit zu tun, dass Sex dann als reine Ware erscheint?

Angenommen, Prostitution ist eine einvernehmliche Handlung zwischen zwei mündigen Menschen. Kann es dann ‚Zwangsprostitution’ überhaupt geben? Oder sollten wir gewaltsam erzwungene Prostitution lieber eindeutig eine Vergewaltigung nennen? Viele Herrschaftsverhältnisse sind in der Prostitution auf die Spitze getrieben: Mann/Frau, reich/arm, mit/ohne Staatsbürgerschaft.

Denn global betrachtet sind es meistens arme Frauen, die sich notgedrungen durch Sexarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch sind die Herrschaftsverhältnisse wirklich so eindeutig? Haben die ‚Sex-ExpertInnen’ etwa keine Stärke und keine Macht, indem ihnen die Trennung von Sex im Job und Sex in der Liebe gelingt, weil sie viel(e) Begehren auf sich ziehen und sie jeden und jede zum Orgasmus bringen können? Was ist stärker in diesem Spiel von Macht und Sexualität?

Gute Lektüre und angeregtes Kopf­zerbrechen beim Durchqueren dieses Heftes wünscht

die Redaktion

 

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