sul serio #12: Netzwelten

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Redaktion Sul Serio

Ausschließlich online gab es unsere letzte Ausgabe vom Sommer 2006 („Angst und Bedrohung“). Was liegt da näher, als das nächste gedruckte Heft den weiten Welten des Internets zu widmen? Dass uns ein paar Gründe mehr zur Wahl dieses Themas bewogen, zeigen die folgenden Seiten. Nur so viel sei verraten: Der Hype um Second Life gehört nicht dazu.

Nachdem wir jüngst unseren Namen geändert haben, krempeln wir für diese Ausgabe die Heftstruktur um: Den Schwerpunkt findet ihr von nun an immer im vorderen Teil. Darauf folgen diverse neu geschaffene Rubriken, darunter „Abseits“ als Fortsetzung unserer kritischen Begleitung zur WM 2006. „In Bewegung“ wird sich den außerparlamentarischen AkteurInnen widmen und „Know your enemy“ präsentiert ab sofort den Fiesling des Vierteljahrs.

Mit den sozialen Bewegungen Afrikas wird sich unsere nächste Sonderausgabe befassen, die in einigen Wochen erscheint.

Das alles gibt es natürlich auch online: www.sul-serio.net

Einen kämpferischen Frühling auch außerhalb virtueller Welten wünscht

 

Einleitung zum Heftschwerpunkt

Internet ist normal. Jede/r tut es, und Gedanken darüber, wohin das noch alles führen soll, machen sich neuerdings viele – und schließlich auch die “sul serio”-Redaktion. Schließlich gibt es bereits viele Gruppen, die das Internet explizit als ihr Kampffeld begreifen, wo sie für ihre (Urheber­Innen-/NutzerInnen-) Rechte kämpfen und wo sie das Zentrum ihrer (politischen) Arbeit sehen. Ist das Internet ein wichtiger Teil der Gesellschaft geworden und damit als Kampffeld beachtenswert, oder wäre es nicht viel eher “links”, sich dem Technikhype und dem kommerziellen Tummelplatz Internet zu verweigern? Was macht das Internet eigentlich mit der “realen” Welt? Wie hängen sie zusammen?

Zunächst lauert natürlich eine große Gefahr im WWW. Traditionelle Gesellschaftlichkeit löse sich durch ihre Verlagerung in virtuelle Räume auf, so warnt es allerseits, Kommunikation werde auf den Austausch von Schriftzeichen reduziert und das Leben, Handeln und Konsumieren als folgenlos imaginiert. Kinder und Jugendliche flüchten vor der harten Realität ihrer persönlichen Chancenlosigkeit in Chatrooms und Online-Spiele, wo sie Helden sein und täglich neue Identitäten sich andichten können. Daniel Leisegang vermutet in der März-Ausgabe der “Blätter für deutsche und internationale Politik”, die Attraktivität des “Second Life” im Internet – und nicht nur des gleichnamigen Spiels – hänge mit der Bewusstwerdung der westlichen Welt darüber zusammen, dass unser konsumistischer Lebensstil langsam aber sicher den Globus an seine Grenzen bringt: Klimawandel, Müllberge und ausgehende Rohstoffe zwingen in der realen Welt zum Umdenken. Das Internet dagegen als fantastische, vermeintlich immaterielle Welt, schützt “uns” vor dieser schmutzigen Seite der hochglänzenden Konsumgesellschaft. Dieses “uns”, das sind die Menschen, welche das Internet primär als Tummelplatz auf der Suche nach Liebesglück, Selbstdarstellungsforen und Spielespaß wahrnehmen können.

Damit seid ihr schon mitten in dieser neuen Ausgabe der sul serio: Das Internet ist nämlich keineswegs substanz- und folgenlos – im Gegenteil. Als materialfressende Realität verursacht es Umweltzerstörung und Ausbeutung  in altbewährter globaler Arbeitsteilung. Mögen auch meine Online-Identitäten mit perfekter Schönheit und ewiger Jugend gesegnet sein und Kleidung tragen, die nicht von philippinischen Kinderhänden genäht wurde: Für meinen Computer und all die vielen Server, die diese Identitäten mir zur Verfügung stellen, gilt das nicht. Die erfreulicherweise immer preisgünstigeren Geräte werden von immer preisgünstigeren Arbeitskräften hergestellt – den Arbeitsbedingungen in den chinesischen High-Tech-Schmieden sei dank. Die “Notwendigkeit”, Computern und Server alle Jahre zu erneuern, um auch morgen noch die immer voluminöseren Internetseiten und Spiele problemlos nutzen zu können, produziert dazu Unmengen von Elektroschrott, der vor allem solche Gegenden der Welt vergiftet, wo die meisten Menschen einen Computer noch niemals haben funktionieren sehen. Darüber berichtet Sarah Bormann. Auch als Kommunikationsnetz wirkt das Internet real. Es knüpft nicht nur westliche Liebesbande, sondern auch den (Arbeits)alltag indischer CallCenterAgents an die Sprache und den Lebensrhythmus der Kunden ihrer US-amerikanischen und europäischen Arbeitgeber. Die Infrastruktur des Internets ermöglicht neue Formen sozialer und ökonomischer Beziehungen, die einerseits durch ihre durchgeplante Effizienz erschrecken mögen, andererseits aber Menschen mit ungewöhnlichen Paarungswünschen glücklich und ArbeiterInnen in der Dritten Welt zu SchwellenlandbürgerInnen mit relativem Wohlstand machen (können) – Themen, die Christian Schröder in einer Reportage über Online-Dating und Steffen Vogel in einem Bericht über Indiens neue Mittelschicht behandeln.

Neben diesen sozialen und ökonomischen zeigt das Internet auch politische Wirkungen. Zu allererst spiegelt es politische Verhältnisse der realen Welt: Auch die ach so egalitäre Open-Source-Community organisiert sich in den alten Mustern, die der Technik ein Geschlecht und ihren Liebhabern und Beherrschern das andere zuteilen. Reclaim Linux! fordert Silke Meyer die offene Software für politisch-emanzipatorische Zwecke zurück. Zweitens ist das Internet, seit es die grenzenlose Reproduzierbarkeit auf eine neue Stufe gehoben hat, längst von wohlbekannten ökonomischen Interessen durchdrungen; die neuen Techniken der Produktion, Verbreitung und Vervielfältigung von kulturellen Produkten rufen die Kulturindustrie auf den Plan. Wie sie versucht, geistiges Eigentum für sich zu reklamieren und was die Gesetzgeber dazu tun, zeigt Lars Bretthauer am Beispiel des “Kampfes um digitalisierte Spielfilme”. Um die neuen Möglichkeiten der politischen Mobilisierung geht es Ricarda Fröhlich: Vor allem die Rechte hat das Internet als Öffentlichkeit für sich entdeckt. Ein einzelner Schreiber hat es in und um Stralsund geschafft, mit seiner Internet-Seite antifaschistische Aktive zu verängstigen und zu marginalisieren – oder?

Doch was macht die Linke im Netz? Ein wichtiger Aspekt des Internets: Es ermöglicht neue Formen der Wissensproduktion und –organisation, an denen Menschen jenseits von akademischen und internationalen Hierarchien teilhaben können. Das Netz ist ein neuer Raum der alternativen Wissensproduktion geworden: Wikipedia  stellt den großen Traum von der demokratischen Wissensplattform und des Abschieds von hierarchisiertem Akademie-Wissen dar. Was für ein Wissen Wikipedia eigentlich produziert und was das für die Wissbegierigen bedeutet, ist Thema des Artikels von Neelke Wagner. Und um dem ganzen auch ein wenig praktischen Mehrwert zuzufügen, gibt es in der Heftmitte ein “Manual gegen Datenkraken” zum Herausnehmen. Wie mensch die eigenen Surfspuren möglichst verwischt und den eigenen Computer vor unbefugten Zugriffen schützt, hat Wolfram D. Wirth zusammengetragen.

 

Die sul-serio-Redaktion im Frühjahr 2007

 

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