sul serio #11: Angst & Bedrohung

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Redaktion Sul Serio

Wer heutzutage die Zeitung aufschlägt, ist mit einer Vielzahl bedrohlicher Entwicklungen und Ereignisse konfrontiert. Die Gefahr des Islamismus, die sich im internationalen Terrorismus zeigt, scheint in der westlichen Welt allgegenwärtig: Niemand weiß, wann „sie“ das nächste Mal zuschlagen. Gleichzeitig wächst – laut Klimaprognosen – die Gefahr großer Sturmfluten, Hurricanes oder Hochwasserkatastrophen. Das Klima wird „instabiler“ und „extremer“ und niemand weiß, was passieren wird. Wird der Golf­strom versiegen, werden die Nieder­lande untergehen? Die Tsunami­katastrophe Ende des Jahres 2004, durch ein Erdbeben ausgelöst, traf die betroffenen Gebiete weitgehend unvorbereitet. Was kann die Welt tun, um sich vor solch apokalyptischen Naturkatastrophen zu schützen? Dazu kommt die epidemische Bedrohung durch die Vogelgrippe, welche sich schleichend über die Welt verbreitet und die viele schon als neue „Spanische Grippe“ identi­fiziert haben, die Millionen von Opfern fordern wird. Was kann gegen solche Viren helfen? Kostenlose Medikamente? Scharfe Grenzkontrollen? Weltweite Impf­kampagnen?

Bedrohungsszenarien, wohin das Auge blickt. Wird alles immer schlechter? Geht die Welt jetzt unter, oder zumindest die „westliche Zivilisation“?
Wir haben für diese Ausgabe von „sul serio“ das Schwerpunktthema „Bedrohung“ ausgewählt, weil wir es lohnenswert fanden, hier einmal genauer hinzusehen. Was bedeutet es eigentlich, wenn uns ein Zustand permanenter Bedrohung suggeriert wird? „Bedrohung“ verweist in die Zukunft, auf ein noch nicht stattgefundenes Ereignis hin, dessen Eintreten jedoch möglich bis wahrscheinlich ist, das drohend über uns schwebt und eine Gefahr darstellt. Bedrohungen erzeugen Angst. Bedrohungen wecken den Wunsch, vorzusorgen und sich zu schützen, damit sich die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung vermindert. „Nationale“ oder gar „globale“ Bedrohungen rufen die Politik auf den Plan: Es sollen gemeinschaftliche Lösungen gefunden werden, damit der Bedrohungsfall kein Ernstfall wird.

An dieser Stelle wollen wir daran erinnern, dass das politische Spiel mit den Bedrohungen nicht neu ist: Der Kommu­nismus – die „rote Gefahr“, die Milleniums­bedrohung, die atomare Bedrohung waren wichtige politische Faktoren, die einen jahrzehntelangen „Kalten Krieg“, fast einen Börsencrash oder in Deutschland eine Parteigründung verursacht haben. Ihre Szenarien sind nicht eingetreten, ihre Rahmenbedingungen gelten größtenteils heute noch. Trotzdem sind sie in Vergessenheit geraten. Das weist darauf hin, dass nicht jede Zeit ihre Katastrophen, wohl aber ihre Katastrophenszenarien besitzt. Aktuell ist die Wahrnehmung der Globalisierung als eine zunehmende Ver­netzung und Interaktion der Weltregionen die Ursache der meisten Katastrophen. Zumindest die Bedrohungen sind fast immer global zu verstehen, wie unsere Beispiele Vogelgrippe und internationaler Terrorismus zeigen.

Heute erscheint unsere Gesellschaft, „unsere Kultur“, unser „Wertesystem“, unser „System“ als ein fragiles Gebilde, das von allen Seiten bedroht wird und sich dringend stabilisieren sollte. Es wird krampfhaft versucht, Gemeinschaft im Innern und Mauern nach außen zu bauen. Immer hält sie uns im Bewusstsein: Die Festung der freien westlichen Welt steht kurz davor zu fallen, von den vormodernen barbarischen Horden überrannt, von den Wassermassen der Flutwellen, welche die Mauern erodieren, überschwemmt, oder gleich, wie durch die mikrobische Gefahr der Vogelgrippe, welce die Festung komplett ignoriert, weil der Virus solche Grenzen nicht kennt.

Das Jetzt der Katastrophe

Die globalisierte, hoch vernetzte und mobile Welt der Gegenwart ist auf ein relativ reibungsloses Zusammenspiel ihrer einzelnen Rädchen angewiesen. Ein Nicht-Funktionieren, eine Krise, eine Katastrophe zieht schnell ihre globalen Kreise. Insofern ist die globale Gesellschaft, die globale Wirtschaft, der globalisierte „Warenkreislauf“ tatsächlich ein höchst fragiles Gebilde. In Zeiten der Katastrophe wird dieses System (temporär) außer Kraft gesetzt, die moderne Welt hört (temporär) auf zu existieren und es entsteht eine vormoderne, barbarische Welt. Und das ist die tatsächliche Gefahr hinter jeder Bedrohung – dass unsere Welt aufhört zu existieren. Doch gleichzeitig wächst auch die Chance für das vormoderne barbarische Heldentum (siehe Seeßlen).
Letztlich schaffen Bedrohungsszenarien ein politisches Feld, das binär kodiert ist. „Wir“ werden von etwas Äußerem bedroht, oder noch schlimmer, vom Anderen in der eigenen Mitte. Hier gilt es die innere Bedro­hung umzukodieren als etwas, das nicht dazu gehört, so wie es mit  Muslimen und den unter ihnen vermuteten Schläfern hierzulande geschieht.

Der Schwerpunkt wird eingeleitet von Georg Seeßlen, der sich der Wechselwirkung von medialer Inszenierung von Katastrophen­phantasien und politischen Strategien widmet. Er zeigt am Beispiel des deutschen Spielfilms „Die Sturmflut“ auf, wie gut dessen Aussagen zu den politischen Strategien der großen Koalition passen. Angesichts der „Katastrophe“ des Neoliberalismus, die naturgegeben ist, werden archaische Werte wie Familie und einsames Heldentum mit einem starken und entschlossenen Staatshandeln verbunden zu einem harmonischen Bild, in dem „sich die kleinen Leute und die große Politik im Opfer vereinen müssen, um die Flut zu überstehen“.

Die beiden folgenden Beiträge setzen sich mit der Vogelgrippe auseinander. Während Mike Davis sich konkret dem „Problem“ der Vogelgrippe widmet und argumentiert, dass hier eine tödliche Gefahr für die Menschheit zu lange von den Regierungen ignoriert wurde, fragt Satya Sivaraman nach den „wirklichen“ Motiven der Vogelgrippe­panik und zeigt auf, dass politische Maßnahmen gegen die Vogelgrippe und andere pandemische Gefahren auch gleichzeitig gegen die Gesellschaft bzw. gegen bestimmtes Verhalten, wie etwa Migration, gerichtet sind. Während Davis also den wahren Kern der Katastrophe ernst nimmt und die politische Verantwortung auch und gerade für potenzielle Opfer in armen Ländern einfordert, plädiert Sivaraman dafür, die­se Verantwortung nicht repressiv, sondern im Einklang mit der Gültigkeit von Menschenrechten wahrzunehmen.

Die letzten beiden Artikel sind dann einem anderen Bedrohungsszenario gewidmet – dem Islamismus beziehungsweise der durch ihn begründeten Islamophobie in den westlichen Gesellschaften. Sasha Tomasz zeigt anhand eines kürzlich im Freitag erschienenen Artikels, wie die Autorin Ressentiments gegen arabisch-/ türkischstämmige Jugendliche mobilisiert, indem sie sie als faule Machos denunziert, die sich nicht in eine geregelte Arbeitsgesellschaft integrieren wollen würden. Neelke Wagner führt diese Beobachtung weiter zu der Frage, inwieweit das „Feindbild Islam“ nicht auch in der Linken wirkt und so eine echte Auseinandersetzung mit den Problemen des Islamismus, des internationalen Terrorismus und der westlichen Reaktionen darauf verhindert.

In der Mitte des Schwerpunkt-Teils finden sich mehrere Kolumnen, die als Gegen­gewicht zu den großen politischen Bedro­hungs­szenarien von den kleinen alltäglichen Ängsten handeln. Über die Ängste kann und soll man lachen, weil jeder sie kennt und die Wahrscheinlichkeit, dass das Befürchtete geschieht, recht klein bleibt.

 

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