Subkultur auf der Tribüne

 
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Niklas Wittkowski

Deutsche Hooligans zertrümmerten während der WM in Frankreich 98, dem Familienvater und Polizisten Daniel Nivel den Schädel. Wenn in diesem Jahr die englische Nationalmannschaft spielt, geht man besser nicht auf die Straße. Hooligans sind nicht ausgelastete Jugendliche aus sozialen Brennpunkten. Hooligans sind Verbrecher, Menschen vor denen man Angst hat.

Der Hooligan ist eine Erfindung der Londoner Presse des 19. Jahrhunderts. Eine irische Familie hatte einen Polizisten ermordet, war angeblich an Ausschreitungen in Pubs beteiligt, faul, dauernd betrunken und irisch. Bei Gewalttätigkeiten auf Fußballplätzen des späten 19. Jahrhunderts wurden nun Zuschauer von der Presse als Hooligans bezeichnet, die sich nicht benahmen, die durch Alkoholismus und Gewalt auffällig wurden. Gemeint war, sie benehmen sich wie die Iren. Wer sich so benimmt, „gehört nicht zu uns, nicht in unsere Gesellschaft“. Der Begriff sollte ausgrenzen und stigmatisieren.

Subkultur im Stadion

Das Stadion und der Fußballclub war ein wichtiger Bestandteil der Identität der Arbeiterklasse Großbrittaniens. Herkunft, Arbeitsplatz, Stadtviertel oder manchmal der Pub an der Ecke definierten, welchem Club man angehörte. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand auf den Stehtribünen der englischen und schottischen Stadien eine ausgeprägte Subkultur. Der Fussballfan definierte sich durch Musik, Kleidung, eigene Gesänge und Freizeitgestaltung. Am Wochenende war ziviler Ungehorsam ein mehr oder weniger akzeptierter Teil dieser „Working Class Culture“. Die kahlgeschorenen Skinheads hörten jamaikanische Musik und gingen zum Fussball. Sie verstanden sich als die Gegenbewegung zu den bürgerlichen Hippies. Nie hätten sie sich Hooligans genannt. In das Konzept dieser Jugendlichen passte dieser medial geprägte Begriff für gewaltbereite Fans nicht. Der englische Fan war statt dessen „Cockney, Working Class and West Ham“, ein Teil seines Viertels, seiner Stadt, seines Vereins und kein Hooligan. Die überwiegende Mehrheit war antirassistisch motiviert. Seit den siebziger Jahren kopierten deutsche Fans das englische Model. Neben Einflüssen aus der italienischen Ultrabewegung ist das Vorbild England bis heute für den „Hooligan-chic“ auf den Tribünen in ganz Europa verantwortlich.

Modernisierung der Stadien und Kriminalisierung der Subkultur

Nach den Unglücksfällen im Brüsseler Heyselstadion und in Sheffield sowie dem Tribünenbrand in Bradford im Jahre 1985, bei denen insgesamt weit über hundert Menschen zu Tode kamen, veränderte der Fußball auf Druck der britischen Regierung sein Gesicht. Als Reaktion auf diese Vorfälle verfasste diese unter Magret Thatcher den so genannten Taylor Report. Zusammengefasst gipfelte der Taylor Report in zwei Maßnahmen, die das Ende der Fankultur in den Stadien Englands zur Folge hatte. Erstens: Die Modernisierung der Stadien. Diese beinhaltete die Verkleinerung der Stadionkapazitäten, den Wegfall der Stehplatztribünen und die Verteuerung der Eintrittspreise. Die Modernisierung der Stadien zu reinen Sitzplatzarenen war der praktische Todesstoss für die Fankultur in England. Auf den Stehplätzen war alles wichtige entstanden, was englische Fankultur ausmachte: die Gesänge, die Mode, die Identität der Gruppe. Zweite ­zentrale Maßnahme des Taylor Reports: Aufbau eines massiven Drucks auf die gewaltbereiten Fans bis hin Undercover Operationen durch die Polizei.
Nach dem Taylor Report musste man Dauerkarten kaufen, um auf die Fantribüne zu gelangen und diese waren und sind auf Grund der hohen Preise unerschwinglich für Jugendliche. Ganze Generationen jugendlicher Fußballfans sind seitdem nicht mehr in Stadien anzutreffen. Fankultur als Jugendkultur existiert als Folge davon nur noch als Reproduktion der alten Traditionen und Gesänge, als „Retro-Skins“ und „Retro-Casuals“. Bestes Beispiel ist der „Casual“ Stil, der von Bands wie Oasis und Blur in den „Britpop“ exportiert wurden. Durch den Taylor Report haben die Stadien Englands zudem ihren jahrelang starken Einfluss auf die Fankurven Europas verloren.

Datei Straftäter Sport

Ähnliche Maßnahmen wurden in Deutschland erst Beginn der 1990er Jahre eingeführt. Die „Datei Straftäter Sport“ existiert seit 1994 in Deutschland, in ihr sind bis heute 6.000 Personen erfasst worden. Wie der Taylor Report war sie eine Antwort auf Gewalt in Europas Stadien. In Folge der Vorkommnisse bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich und den Angriffen deutscher Hooligans auf den Polizisten Nivel kam es zur Ausweitung der Erfassungspraxis.
Auf der Homepage des Landeskrimi­nalamts Nordrhein-Westfalen finden sich ausführliche Informationen zum Kategorisierungs­verfahren (die überall in Deutschland so praktiziert wird). Zunächst scheint es nur um Straftaten im Zusammenhang mit Fußballspielen zu gehen. Aber das LKA NRW geht viel weiter: „Darüber hinaus werden aber auch die Daten von Personen gespeichert, gegen die von der Polizei Personalienfeststellungen, Platzverweise und Ingewahrsamnahmen angeordnet wurden, wenn bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigten, dass sich diese Personen zukünftig im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen an Straftaten von erheblicher Bedeutung beteiligen werden“. Die Erfassung in der Datei erfolgt somit vor allem auf Grund von Spekulationen von Seiten der Sicherheitsbehörden bezüglich einer zukünftigen Beteiligung an gewalttätigen Ausschreitungen bei Fußballspielen. Durch das spekulative Prozedere ist der Raum für eine weitreichende Datenerfassung geschaffen. Der Kreis der zu erfassenden Personen wird jedoch zusätzlich noch weiter ausgeweitet: „Soweit nicht ohnehin ein entsprechendes Strafverfahren eingeleitet wurde, können auch Daten von Personen gespeichert werden, bei denen Waffen oder andere gefährliche Gegenstände sichergestellt wurden, wenn sie in der Absicht mitgeführt wurden, im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen Straftaten von erheblicher Bedeutung zu begehen (…) Dazu gehören auch Vorkommnisse im Stadionumfeld, während der An- und Abreise sowie an anderen Treffpunkten außerhalb der Veranstaltungsorte.“ Die Erfassungspraxis der staatlichen Behörden konzentriert sich somit nicht auf die Sportveranstaltungen an sich, sondern auch auf die Grauzone von Anfahrt und Abfahrt zum Spiel. Wo liegen hier jedoch die Grenzen dieser Datenerfassung? Woran erkennt man außerhalb der Stadien, dass Leute in die Kategorie „Straftäter Sport“ fallen, wenn es in U-Bahnen, die auch (!) zu Sportveranstaltungen fahren können, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt? Es scheint nun erheblich klarer, wie die Personalien von 6000 Personen in die „Datei Straftäter Sport“ gelangen konnten.

Warnungen an den „friedlichen Fan“

Die Schlüsselformulierung für die Aufnahme in die „Datei Straftäter Sport“ lautet „…wenn bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigten…“. Doch es ist möglich die Datenerfassung zu vermeiden. So spricht das LKA deutliche Warnungen an alle Fußballzuschauer aus, sich möglichst von gewalttätigen Auseinandersetzungen fern zu halten: „Darüber hinaus sollte ich mich in- und außerhalb des Stadions, auf den An- und Abreisewegen und in den Bussen und Bahnen; nicht einer Gruppe anschließen, von der ich weiß oder annehmen muss, dass sie die Gewalt sucht oder dazu bereit ist. nicht an Schlägereien beteiligen, auch dann nicht, wenn andere mich zu provozieren versuchen. nicht zu irgendwelchen „geilen Aktionen“ überreden oder breitschlagen lassen. Meistens stehen die Anstifter nämlich feixend und unbeteiligt im Hintergrund, wenn es zur Sache geht. Die Folgen trage ich dann allein!“. Die Drohung mit individuellen Konsequenzen ist nur allzu deutlich. Der „friedliche Fan“ wird dabei als Opfer „gewaltgeiler Voyeure“ konstruiert. Erstere sollen sich dementsprechend „sofort entfernen, wenn es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt“. Für Fußballinteressierte hält diese Dichotomisierung von „gewaltbereiten“ und „friedlichen“ Fans keinem Realitätsprinzip stand: das Aufeinanderprallen von Fangruppen hat schon die „friedlichsten“ Lämmer in aggressive Provokanten verwandelt. Die Fankultur – selbst in den modernen Multifunktionsarenen – ist weiterhin von einer starken aggressiven Grundstimmung gekennzeichnet, in der auch die Kommentare der „friedlichen“ Fans von erniedrigenden Gesängen, verbalen Beleidigungen und provozierenden Gesten begleitet sind. Man kann die Erfassungspraxis des LKA daher als einen Eingriff in die Fanszenen deuten, um bestimmte Teile der Fußballkultur zurückzudrängen. Der „Supporter“ soll „Spectator“ werden. Dieses zeigt sich nicht zuletzt bei den bereits erwähnten „gefährlichen Gegenständen“, die zur Erfassung in der Straftäter Sport führen. Zu diesen zählen: „Waffen, Messer, Totschläger, Reizgas, Vermummung, Rauchbomben, Bengalische Fackeln usw“. Die Verbindung von Messern und Totschlägern mit Bengalischen Fackeln in dieser Aufzählung stellt exemplarisch dar, wie die Datei „Straftäter Sport“ die Vertreibung „gewaltbereiter Fans“ mit einer Zuschneidung der Fanszene verbindet. Ziviler Ungehorsam in Form von Bengalische Fackeln oder die Vermeidung polizeilicher Erfassung durch Vermummen waren fester Teil der Fansubkultur. Die Kriminalisierung von z.B. Bengalos war und ist ein Versuch die Szenen selbst zu zerschlagen, indem man ihre Mitglieder erfasst, kriminalisiert und aus den Stadien verbannt.

Erfassungspraxis und Vorbereitungen auf die WM

Faktisch werden in der Datei Straftäter meist keine gewalttätigen Straftäter erfasst. Sondern – wie sich in den Erfassungskriterien bereits abzeichnet - Fans die an Bäume pinkeln, zuviel getrunken haben, sich Platzverweisen widersetzen oder einfach das saubere Bild einer WM-Arena stören. Im Rahmen der Vorbereitungen für die WM2006 wurde diese Kategorisierungskriterien präventiv deutlich ausgeweitet. Dazu will die Polizei ihre Kontrollmaßnahmen während der WM auf alle Innenstädte der Spielstädte räumlich ausweiten. Der Grund: keine aktiven Fußballfans haben Karten erhalten. Mit der Ausweitung des „Stadionsumfeldes“ auf die gesamten Innenstädte begründet die „Datei Straftäter Sport“ somit präventive Platzverweise und Ingewahrsamnehmen von Fans während der WM und beschneidet die Ausdrucksformen von Fangruppen jenseits offiziell verteilter Fähnchen und Hütchen. Bei scharfer Anwendung der entsprechenden Kriterien könnte sie auch die rechtliche Grundlage für die Unterbindung eventueller Protestaktionen von Fans gegen die offiziell kommerzialisierte Zuschneidung der Public-Viewing Events und WM-Parties sein.
Das mit der „Datei Straftäter Sport“ eingeleitete Maßnahmenpaket korrespondiert mit der deutlich höheren öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Fußball seit den 80er Jahren zugebilligt wird. Als Reaktion darauf wird Fußball zum Thema der Inneren Sicherheit erklärt und steht während der WM für die „Außendarstellung Deutschlands“. Der „friedliche Fan“ als Pendant zum „guten Bürger“ ist das Leitmotiv dieser Bemühungen. Wenn in den 80er Jahren 200 Fans während eines Europapokal Endspiels mit Latten durchs Stadion rannten, wie in Düsseldorf 1981 passiert, wurde dieses auf den Sportseiten der Tageszeitungen verhandelt. Heute gäbe es eine Pressekonferenz von Innenminister Schäuble, Franz Beckenbauer (Organisationskomitee der WM) und dem kommunalen Polizeipräsidenten.

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