Stereotype neu sortiert? Islamophobie als westliche Integrationsideologie

Autor_in: 
Sasha Tomasz

Was meint „Islamophobie“? Nach den An­schlägen auf die Londoner U-Bahn im vergangenen Juli häuften sich in Großbritannien massiv Attacken auf Moscheen, arabische Gemüseläden und jene Menschen, die als muslimisch identifiziert wurden. Und schon seit dem 11. September 2001 haben einige rechtspopulistische Parteien wie der französische Front National ihre bevorzugten Stereotype neu sortiert: Statt wie bisher auf der Klaviatur des Antisemitismus zu spielen, warnen sie nun vor Zuwanderinnen und Zuwanderern aus islamisch geprägten Ländern, angeblich Transporteure von Terror, Gewalt und Unkultur.
Worauf verweist das? RassistInnen wechseln ihre Feindbilder zuweilen. Italienische MigrantInnen etwa bildeten noch in den sechziger Jahren eine bevorzugte Zielscheibe in Westdeutschland, sind mittlerweile aber weitgehend akzeptiert. Warum also von „Islamophobie“ sprechen, wenn Rassismus gemeint ist?

Verunsicherter Liberalismus

Islamophobie bedeutet, Menschen muslimischen Glaubens – unabhängig vom Grad ihrer Religiosität, ihrer konfessionellen Bindung oder ihrer Haltung zur Säkularität – pauschal zu verdächtigen und zu stigmatisieren; es meint, den Islam als gewalttätige, menschenverachtende Religion darzustellen; schließlich bedeutet es, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der „westlichen Kultur“ und der „islamischen Kultur“ anzunehmen, oder überhaupt von solchen homogenen „Kulturen“ auszugehen. Für all das stehen längst nicht nur jene Teile der euro­päischen Bevölkerungen, die schon von jeher rassistisch denken und handeln, auch liberale Kreise neigen verstärkt dazu. Die Mär vom „Kampf der Kulturen“ erlebt einen Höhenflug. Egal, ob die Islamophobie methodisch unter den Rassismus subsumiert gehört, oder ob sie gleich dem Anti-Ziganismus eine eigenständige, ausschließende Praxis bildet – sie ist präsent und gefährlich. Und mit jedem Anschlag al-Qaidas, jedem Riot in den Straßen von Teheran oder Paris wird sich jemand finden, der das fälschlicherweise auf gegensätzliche Kulturen und Religionen zurückführt.  
Erstaunlich schnell suchen auch aufgeklärte Geister bei einer Denkform Halt, die lange als ein Relikt des 20. Jahrhunderts galt: dem binären Denken. Der westliche Liberalismus scheint sich seiner selbst nicht mehr sicher zu sein. Selbst Intellektuelle – sonst auf ihre Individualität, ihre Einzigartigkeit bedacht – begreifen sich plötzlich als Teil einer imaginären Einheit namens „der Westen“, dessen Wertesystem von Außen durch fundamentalistische Bewegungen und von Innen durch muslimische EinwanderInnen bedroht werde.
Selbstverständlich bilden die Gesell­schaf­ten Europas und Nordamerikas keine Einheiten: Ihre Bevölkerungen sind entlang zahlreicher Machtachsen gespalten, von denen die Klassen- und Geschlechterverhältnisse und der Rassismus nur einige sind. Sie gehören unterschiedlichen Kulturen, Subkulturen und Szenen an. Eben jene Möglichkeit zur freien Wahl steht am Ausgangspunkt einer neuen Spielart des Rassismus, seiner kulturellen oder postmodernen Variante: „Rasse“ und „Ethnie“, so viel haben die­se RassistInnen eingesehen, sind kulturelle Konstruktionen, keine biologischen Tatsachen. Daraus folgern sie aber, jeder könne frei wählen, welcher Kultur er angehören wolle, und wer falsch wählt, sei als Feind zu betrachten. Denn zur Wahl steht angeblich einiges: Hier der fortschrittliche, säkulare und freiheitliche Westen, dort der zurückgebliebene, vormoderne, fundamentalistische und undemokratische Rest. Die „schlecht Integrierten“, die „Rückständigen“ geraten in den Fokus.

Die Wunschwelten der Kampflustigen

Wenn unverstandene kulturelle Phänomene und Angst vor den neuen gefährlichen Klassen hinzukommen, ergeben sich schauderhaft-groteske Dokumente dieses postmodernen Rassismus und der Islamophobie. Geradezu lehrbuchhaft hat das die Regisseurin Jutta Brückner in der linken Wochenzeitung Freitag vorgeführt. Nachdem dort einige sehr lesenswerte Beiträge zu den Revolten in der Pariser Banlieue vom vergangenen Herbst publiziert worden waren, versuchte sich Brückner an einer feministischen Deutung – und scheiterte. Die Aufstände entzifferte sie als Artikulation einer islamisch geprägten Männlichkeit, die sich nicht integrieren, sondern Star sein wolle. Die Jugendlichen forderten, so Brückner, etwas Unmögliches, nämlich eine Anerkennung, die sie in der regulären Arbeitswelt nicht fänden: „Rap und viele Filme erzählen dem jungen Mann, dass ein tolles Leben möglich ist, dass er einen Anspruch darauf hat. Und wenn dieser Anspruch nicht eingelöst wird, dann hat er ein Anrecht auf seine Wut, und es brennen eben die Vorstädte“. Es gehe den Revoltierenden nicht um soziale Forderungen: „Es geht um die Wunschwelten des ewig kampflustigen Mannes. Gangsta und Pimp haben das, was der pubertäre Mann haben möchte: das Geld, die Waffe und die Verfügung über die Frauen, alles zusammen ergibt dann Coolness. Aber Coolness bedeutet auch, dass Bildung, Arbeit und soziales Verhalten abgelehnt werden. Coolness ist ein Verhalten, das aus den Ghettos der schwarzen Unterschichten kommt, wo das einzig Stabile die Frauen sind, denn die Männer sind flüchtig oder im Gefängnis“. Überdies forderten die Revoltierenden Ehre und Respekt ein – laut Brückner vormoderne Tugenden.
Dummerweise sind der so polemisieren­den Autorin weder die Kultur des indirek­ten Sprechens im HipHop geläufig, noch die Grundlagen antirassistischer Kämpfe: „Respekt“ war und ist eine der Haupt­for­derungen der schwarzen Bürger­rechts­bewegung in den USA. So bleibt Brückner nur die Forderung, die jungen Männer sollten aufhören, dem Staat zur Last zu fallen und sich der kapitalistischen Disziplin unterwerfen: „Wenn die Integration für diese jungen Männer in Markenklamotten mit Handys, wie ein Reporter [sic!] sie erlebt hat, Realität wird, dann bedeutet das auch Einschränkung, Beschneidung und Mühsal. Integration in die kapitalistische Welt ist ein Prozess der Disziplinierung, den jeder einzelne auch für sich allein gehen muss.“ Von der Feministin zur alternativen Ordnungshüterin, so tief kann mensch sinken.
Brückner ist kein Einzelfall, wie der Berliner Ableger des Lesben-und-Schwulenverbands Deutschlands (LSVD) unlängst unter Be­weis stellte: Die Homosexuellen-Dach­orga­nisation begrüßte ausdrücklich jenen Integrationsfragebogen für einbürgerungswillige Muslime, weil er auch eine Frage zur Toleranz gegenüber homosexuellen Lebens­weisen enthält. Die Islamophobie ist im sich kritisch gerierenden links-liberalen Bürgertum angekommen. Die Aufrüstung gegen die neuen Barbaren des Imperiums findet nicht nur in Guantanamo Bay statt.
 

 

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