Sozialistischer Partikularismus als Totengräber der ArbeiterInnenbewegung

Autor_in: 
Simon Sottsas

Thomas Schmidinger beschreibt historische Erfolge und Miss­­erfolge der ArbeiterInnen­bewegung im Sudan und stellt die Frage nach den Gründen des bisherigen Scheiterns.

Sein Buch beginnt mit der geschichtlichen Entwicklung des Sudan. Es folgt ein Schwenk zur Entwicklung der Ar­bei­terInnenbewegung in Ägypten, um dann die Herausbildung „kapitalistischer Inseln“ und parallel eines entsprechenden Proletariats im Sudan darzulegen. Die ArbeiterInnenbewegung entstand vor dem Hintergrund des britischen Kolonialismus, ägyptisch-sudanesischer Bruder­schaft, traditioneller und religiöser lokaler Eliten und militärischer Na­tio­nal­be­we­gung. Die Zusammenarbeit zwischen Arbei­ter­Innen­be­we­gung und Nationalbewegung inklusive nationaler Bourgeoisie führte zur Unabhängigkeit des Sudan. Infolge wurde aber die Ar­bei­ter­Innen­be­we­gung von den Na­tio­nalis­ten unterdrückt und ist bis heute nicht wieder erstarkt. Ähnliche Phänomene beobachtet Schmidinger im Irak, Algerien, Syrien und Libanon. Südjemen sieht er als Gegenbeispiel.

Schmidinger kommt zum Schluss, dass Allianzen mit autoritär-nationalistischen Be­wegungen letztlich die Ar­bei­terIn­nen­be­we­gun­gen zum Scheitern gebracht haben. Aus­schlaggebend sei dabei eine verkürzte Im­perialis­mus­kri­tik gewesen.

Schmidinger liefert eine Viel­zahl an Daten und Aspekten, wobei dies manchmal dazu führt, dass der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu erkennen ist. Wäh­rend die Gegen­über­stel­lung „Kapitalismus vs. Islam“ langsam das globale Denken bis in die Linke beherrscht, bricht er damit, indem er auf die Arbei­ter­Innen­be­we­gung als eigenständige Kraft der Geschichte in „islamischen“ Ländern verweist. Für die Linke ist dies doppelt fruchtbar. Es befreit sie davon, sich zu uneingeschränkter Solidarität zwischen Bush und Ahmadinedschad entscheiden zu müssen. Gleichzeitig warnt Schmidinger anhand der Geschichte der sudanesischen ArbeiterInnenbewegung vor der Gefahr falscher Bündnis­part­ner­Innen. Die Diskussion um Anti­imperialismus, Antikapitalismus und die Ar­beiter­Innen­bewegung im 21. Jahrhundert hat erst begonnen.

 

Simon Sottsas ist Politologe mit den Schwerpunkten Friedens- und Kon­flikt­forschung und historisch-materialistische Theorie.

 

Thomas Schmidinger:

ArbeiterInnenbewegung im Sudan.

Peter Lang, 2004.
269 S., 45,50 EUR

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