Thomas Schmidinger beschreibt historische Erfolge und Misserfolge der ArbeiterInnenbewegung im Sudan und stellt die Frage nach den Gründen des bisherigen Scheiterns.
Sein Buch beginnt mit der geschichtlichen Entwicklung des Sudan. Es folgt ein Schwenk zur Entwicklung der ArbeiterInnenbewegung in Ägypten, um dann die Herausbildung „kapitalistischer Inseln“ und parallel eines entsprechenden Proletariats im Sudan darzulegen. Die ArbeiterInnenbewegung entstand vor dem Hintergrund des britischen Kolonialismus, ägyptisch-sudanesischer Bruderschaft, traditioneller und religiöser lokaler Eliten und militärischer Nationalbewegung. Die Zusammenarbeit zwischen ArbeiterInnenbewegung und Nationalbewegung inklusive nationaler Bourgeoisie führte zur Unabhängigkeit des Sudan. Infolge wurde aber die ArbeiterInnenbewegung von den Nationalisten unterdrückt und ist bis heute nicht wieder erstarkt. Ähnliche Phänomene beobachtet Schmidinger im Irak, Algerien, Syrien und Libanon. Südjemen sieht er als Gegenbeispiel.
Schmidinger kommt zum Schluss, dass Allianzen mit autoritär-nationalistischen Bewegungen letztlich die ArbeiterInnenbewegungen zum Scheitern gebracht haben. Ausschlaggebend sei dabei eine verkürzte Imperialismuskritik gewesen.
Schmidinger liefert eine Vielzahl an Daten und Aspekten, wobei dies manchmal dazu führt, dass der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu erkennen ist. Während die Gegenüberstellung „Kapitalismus vs. Islam“ langsam das globale Denken bis in die Linke beherrscht, bricht er damit, indem er auf die ArbeiterInnenbewegung als eigenständige Kraft der Geschichte in „islamischen“ Ländern verweist. Für die Linke ist dies doppelt fruchtbar. Es befreit sie davon, sich zu uneingeschränkter Solidarität zwischen Bush und Ahmadinedschad entscheiden zu müssen. Gleichzeitig warnt Schmidinger anhand der Geschichte der sudanesischen ArbeiterInnenbewegung vor der Gefahr falscher BündnispartnerInnen. Die Diskussion um Antiimperialismus, Antikapitalismus und die ArbeiterInnenbewegung im 21. Jahrhundert hat erst begonnen.
Simon Sottsas ist Politologe mit den Schwerpunkten Friedens- und Konfliktforschung und historisch-materialistische Theorie.
Thomas Schmidinger:
ArbeiterInnenbewegung im Sudan.
Peter Lang, 2004.
269 S., 45,50 EUR

