Situation Paris

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Anonymata

Zur Beurteilung der Ereignisse in Frankreich ist der offiziellen Presse bislang nicht mehr eingefallen, als den Mai 68 in seiner verkitschten Jugendprotest-Version zu zitieren, um der Bourgeoisie die Angst vorm Zerfall ihrer Verhältnisse zu nehmen. Dass sie versucht, die Angst vor dem Neuen zu bannen, indem sie ihm den Namen des Alten verleiht, bezeugt ihre mythische Funktion. Doch ihre Bannsprüche sind brüchig. Wie wenig sie ihrer Aufgabe noch gerecht werden, lässt sich anhand der Widersprüche ausmachen, welche die Berichterstattung durchziehen: Beschworen wird der studentische Charakter des Aufbegehrens, obgleich keine einzige Forderung sich auch nur auf die Reform des universitären Rahmens bezieht. Beschworen wird, diese Proteste hätten nichts mit den Banlieue-Unruhen des vergangenen November zu tun, obgleich dieselben Gesten nun wieder auftauchen und die Rauchzeichen über jeder neuen Demonstration von der gleichen Unzufriedenheit zeugen. Beschworen wird, es handele sich allein um eine Kritik am Ersteinstellungsvertrag, obgleich die Menschen im Protest seit den ersten Tagen eine andere Sprache gefunden haben.

Wo Wünsche Wirklichkeit sind

Diese Sprache des Protests ist an den Wänden des Lycée St. Louis dokumentiert: „Travailler pour quoi faire? Travailler moins pour vivre plus ! Detruire rajeune. Chirac en prison! A bas le salariat !«[1] Das Lycée St. Louis ist eine Elitenschule am Place de la Sorbonne, der im Zuge der Straßenschlacht vom 11. März das unverdiente Glück zukam, als Ausdrucksfläche revolutionären Bewusstseins gedient zu haben. Die Tristesse dieses Ortes systematischer Selektion wird durch die Schönheit der Graffitisprüche ins Unerträgliche gesteigert – man kommt nicht umhin zu denken, dass das Lycée derart vielleicht erstmals in seiner Geschichte einem vernünftigen Gebrauch zugeführt wurde. Die Straßenschlacht vom 11. März begann, nachdem die Sorbonne – nicht ohne deutliche Gegenwehr – von CRS-Truppen[2] geräumt worden war. Durch die Aggression zur praktischen Haltung gezwungen, entschlossen sich die BesetzerInnen zur Zweckentfremdung des vorhandenen Lehrmaterials und gebrauchten die Computer der Fakultät als Wurfgeschosse. In den offiziellen Bildern finden solche Situationen – Bildschirme, die aus den Fenstern einer französischen Universität fliegen – keinen Platz, denn in ihnen wird der „niedliche Studi-Protest“ zu weit überschritten. In ihnen kommen neue Begierden zum Ausdruck – und diese Begierden machen Angst, weil man weiß, dass sie in den bestehenden Verhältnissen nicht zu verwirklichen sind.

Wer an der Konstruktion solcher Situationen sich beteiligt hat, wird einschätzen können, wie schnell der praktische Kampf die Menschen zur Einsicht in ihre Verhältnisse zwingt. Hier geben sich alle Elemente der spektakulären Opposition schneller denn sonst als solche zu erkennen: Indem SozialistInnen, Gewerkschaften und Studierendenverbände beharrlich insistieren, es ginge der Bewegung, für die zu sprechen sie sich anmaßen, allein um die Rücknahme des bereits begrabenen Gesetzes, keinesfalls aber um die Infragestellung der Regierung, verraten sie das Blatt, das sie spielen. Im praktischen Kampf wird zugleich der Schleier heruntergerissen, der die zum Kitsch zugerichtete Geschichte umhüllt und uns ihre Aneignung verwehrt. Denn hier gibt die Geschichte wieder ihre Narben zu erkennen: Die Räumung der Sorbonne 68 muss mit demselben fies stechenden Gasgeruch verbunden gewesen sein, den wir eben jetzt wiederzuerkennen gezwungen sind. Das Bewusstsein, das bittere Kontinuum der Geschichte aufzusprengen, ist den revolutionären Elementen im Augenblick ihrer Aktion eigentümlich.

Perspektiven auf das alltägliche Elend

Von allen partiellen Kriterien der Beurteilung, ob man dieser oder jener Periode der Störung der Staatsmacht den Titel einer Revolution verleihen sollte, ist das schlechteste mit Sicherheit dasjenige, das fragt, ob das etablierte Regime gefallen ist oder überleben konnte. Alles, worauf wir uns geschichtlich beziehen können, wenn wir von der Bewegung sprechen, die den bestehenden Zustand aufhebt, ist gescheitert. All die zerschlagenen Krisen brachten trotzdem genügend radikale Neuheiten und hielten die betroffenen Gesellschaften ernstlich genug in Schach, um sie legitimerweise Revolution zu nennen. Es gilt diese Perspektive einzunehmen, wenn wir uns um ein Verständnis der Pariser Situation bemühen. 

Ohne Zweifel, die radikale Neuheit dieser Situation liegt in der Nüchternheit, mit der die Menschen beginnen ihre eigene Lebenssituation zu denunzieren. Die Protestierenden formulieren ihre Wut nicht länger in illusionären Wünschen über diese oder jene kulturelle Verbesserung des insgesamt elenden Zustandes. Sie formieren sich selbst nicht als »Jugend«, die gegen die Normen der Alten aufzubegehren hätte, begnügen sich nicht mit jenen Positionen des Pseudo-Protestes, die ihnen von den einschlägigen Modeketten zum Kauf geboten werden. Dass sie diese Option der „sympathischen Rebellen“, in der sich die Berliner Studierenden während ihres letzten blamablen Streiks nur allzu gern gefielen, nicht akzeptieren, macht ihre Stärke aus. Die französischen Protestierenden formieren sich nicht gegen die übrige Gesellschaft, sondern protestieren als das, was sie mit der Mehrheit der Bevölkerung verbindet. Sie wehren sich als Menschen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft auf Gedeih und Verderb abhängig sind – und treffen damit ins Herz der bestehenden Verhältnisse, in denen an die Stelle der mit politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte Ausbeutung getreten ist. Man kann das Prekarisierung nennen, man kann es auch Proletarisierung nennen. Indem die jungen Menschen in Frankreich begannen, gegen den CPE zu protestieren, hatten sie bereits all jene politischen Illusionen hinter sich gelassen, in denen das elendige deutsche Studierendenmilieu noch immer mit Treffsicherheit versackt ist. Ihr Movens ist nicht „die Bildung“, „unsere Uni“ oder „Chancengleichheit“. Ihr Movens ist die Forderung auf ein Leben ohne Angst. Es ist eine Forderung, die sich mit den bestehenden Produktionsverhältnissen nicht vereinbaren lässt.

Praktische Kritik der spektakulären Trennungen

Allein, ein solcher Bewusstseinsstand wird nicht genügen, um diese Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Dazu bedarf es – jenseits der Verlautbarungen – noch immer der Aktion. Die Perspektiven und Grenzen des aktuellen Kampfes werden sich daran messen lassen, inwieweit es den Kämpfenden gelingt, adäquate Formen der Organisation zu finden. Daran, inwieweit es ihnen gelingt, sich der spezialisierten Politik, der Trennung von Kampf und Leben zu entziehen. Die Revolution muss zusammen mit dem Leben, das sie ankündigt, neu erfunden werden. Bislang ist davon jedoch nur wenig zu erkennen. Auf Seiten der Studierenden etwa wurde die „Woche der offenen Uni“ in Nanterre Mitte März damit vergeudet, irgendwelche halblinken Dozenten zu irgendwelchen halbwegs interessanten Themen zu Wort zu bitten. Die praktische Kritik der Universität wurde von ihnen in keinem Punkt vorangetrieben. Sie musste von freien Radikalen besorgt werden, die aus allerlei Ecken herbeigeeilt waren, um an dem freudigen Fest zu partizipieren. Zusammen mit den obdachlosen Sorbonnards besetzten sie am 20. März das EHESS, ein kleines Institut für sozialwissenschaftliche Studien im 13. Arrondissement. Dort erklärten sie, dass die Universität als Ort der Selektion auf den Mülleimer der Geschichte gehöre und beschlossen in Konsequenz die Abschaffung des EHESS. In erstaunlichem Tempo wurde auch das Modell der Vollversammlung als pseudo-demokratisches über Bord geworfen. Identitären Repräsentationsversuchen, also Versuchen, als Studierende, als Arbeitslose oder als sonst wer das Wort zu ergreifen, erging es nicht anders: Die Anwesenden erklärten, für niemanden als für sich selbst sprechen zu wollen. Im EHESS kündigte sich etwas von dem an, was zugleich Mittel und Zweck des Kampfes sein muss – die generalisierte Selbstverwaltung freier Individuen. 

Doch selbst wenn der Protest in seinen radikalsten Äußerungen zu diesen neuen Organisationsformen finden sollte, wird er ohnmächtig bleiben, solange diese Formen nicht auf die Bereiche der materiellen Produktion der Gesellschaft übergreifen. Die sympathisierenden Arbeitenden haben es bislang nicht vermocht, eine praktische Kritik an ihrer gewerkschaftlichen Organisation zu formulieren. Nach wie vor dominiert die CGT mit ihren Fahnen und Megaphonen – sie kann dies umso leichter, je schwerer die wachsende ‚Reservearmee’ es einem macht, den eigenen Mund aufzumachen. Doch erst wenn es den Arbeitenden gelingt, sich jenseits der offiziell festgesetzten Grenzen des Protestes, im spontanen Kampf zu organisieren, wird die Bewegung das revolutionäre Niveau des Mai 1968 überhaupt erreichen können.

Damals traten zehn Millionen Menschen spontan in den Streik , sie paralysierten sämtliche Bereiche des Landes – Metall- und Textilindustrie, Transport- und Nachrichtenwesen, Energieversorgung, Nahrungsmittelproduktion, Bankenwesen ... In Paris verschwand kurzzeitig der monetäre Tausch, an der Börse ging nichts mehr, das französische Kapital flüchtete sich auf Schweizer Konten und Präsident de Gaulle nach Baden-Baden. Eine Situation zu schaffen, die jede Umkehr unmöglich macht, wird nur dann gelingen, wenn die von offizieller Seite betriebenen Trennungen der Aufständischen in Studierende und Arbeitende, Arbeitende und Arbeitslose, Banlieuekids und Studierende, In- und AusländerInnen in der praktischen Organisation überwunden werden. Hic Rhodus, hic salta!

 

 


[1]  Arbeiten wofür? Weniger arbeiten, um mehr zu leben! Zerstören verjüngt. Chirac ins Gefängnis! Nieder mit der Lohnarbeit!

[2]   Als CRS werden in Frankreich die speziell zur inneren Aufruhrbekämpfung ausgehaltenen und für ihre Brutalität bekannten Polizeieinheiten bezeichnet.

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