Sie nennen sich Jungs

Autor_in: 
Christian Schröder

Es gibt sie in jeder europäischen Großstadt. Sie bieten ihre Dienste in Bahnhofsnähe, in Sexkinos und Kneipen an: männliche Stricher im Jugendalter. Die deutsche Sprache kennt kein eigenes Wort für sie. Während es für weibliche Prostituierte ungemein viele Bezeichnungen gibt – Hure, Bordsteinschwalbe, Dirne – kennt die deutsche Sprache keinen eigenen Begriff für männliche Prostituierte. ‚Stricher’ würden sie sich niemals nennen. ‚Jungs’ nennen sie sich. Den Stricher gibt es ebenso wenig wie die Hure: Das Spektrum reicht vom 13jährigen Wegläufer, der auf der Straße überleben muss, bis zum selbstbewussten Callboy, der das Geld im eigenen Appartement verdient (siehe Infokasten).

Doppeltes Tabu

„Jedenfalls ist die männliche Prostitution viel gefährlicher für die Gesellschaft als die weibliche, und der größte Schandfleck in der Geschichte der Menschheit“, sagte 1886 der wohl einflussreichste Gerichtsmediziner und Sexualwissenschaftler seiner Zeit, Richard von Krafft-Ebing. Diese Meinung scheint sich bis heute zu halten. Mann-männliche Prostitution ist weiterhin mit einem doppelten gesellschaftlichen Tabu behaftet: Prostitution und Homosexualität. „Die Stigmatisierung ist viel größer als bei anschaffenden Frauen“, klagt Lutz Volkwein, der langjährige Leiter des Berliner Stricherprojekts SUB/WAY (siehe Infokasten), welches Straßensozialarbeit für anschaffende Jugendliche macht: Treber, Stricher, Callboys.
Es ist kurz vor zehn Uhr morgens. Zwei Jungs kommen gerade von ihrer nächtlichen Arbeit. Geschafft streifen sie ihre Klamotten ab und duschen erst einmal ausgiebig. Sie essen noch ein verspätetes Frühstück, reden beiläufig über ihre Nachtschicht und ihre Freier, bevor sie sich im Gemeinschaftsschlafraum niederlegen. Acht Schlafplätze für „Jungs, die unterwegs sind und anschaffen“, stehen in der Anlaufstelle von SUB/WAY tagsüber zur Verfügung. In den großen, einladenden Räumlichkeiten können die Jungs sich ausruhen, ihre Klamotten waschen, schlafen und bei Tischfußball oder gemeinsamen Unternehmungen ausspannen. Jeden Freitag kommt eine Ärztin und bietet ihre Dienste an – kostenlos, anonym und ohne Fragen zu stellen.

Sexkino statt Bordell

Das homosexuelle Prostitutionsgeschäft findet in Sexkinos oder Kneipen, am Bahnhof oder im Internet statt. Das Hauptgeschäft läuft längst nicht mehr auf der Straße ab. In der seit Wir Kinder vom Bahnhof Zoo legendären Jebensstraße stehen nur noch eine handvoll Jungs und warten auf Kundschaft. Detlef, der Freund von Christiane F., verdiente sich hier das nötige Kleingeld für seinen täglichen Schuss Heroin. Auch in der Einem­straße in Berlin-Schöneberg ist kaum noch was los. SUB/WAY sitzt nicht umsonst am Nollen­dorf­platz – die Szene hat sich verlagert. „Hier um die Ecke gibt es drei Stricherkneipen. Es gab auch Zeiten, in denen es hier fünf oder mehr gab. Es gibt diverse Sexshops etwa in der Martin-Luther-Straße und am Bahnhof Zoo. Ganz viel läuft in den Videokabinen im Sexshop ab“, so Lutz Volkwein. Die fünf Streetworker von SUB/WAY sprechen die Jungs an, helfen ihnen mit Kaffee, Kondomen und Gleitmittel aus. Von allein kommen die Jungs nicht. Deswegen gehen die Streetworker von SUB/WAY zu ihnen, bauen Vertrauen auf und bieten ihnen Unterkunft und Rückzugsraum in der Schöneberger Anlaufstelle an. Projektvater Lutz Volkwein ist ein wenig traurig, dass er nicht mehr mit raus auf die Straße geht, sondern nur noch im Büro arbeitet. Seit einigen Jahren ist er in Altersteilzeit und lebt mit seinem Lebensgefährten außerhalb des Großstadttrubels im beschaulichen Brandenburg. Lutz Volkwein hat zwar die unterschiedlichsten Berufe in seinem Leben ausgeübt – Maurer, Bauingenieur, Architekt –, aber sein Herz hängt an der Sozialarbeit, die er seit Anfang der 1980er Jahre macht.

Der Strich als Coming-Out-Instanz

SozialarbeiterInnen schätzen, dass bis zu 3.000 Jugendliche im Laufe eines Jahres in Berlin anschaffen. Viele Jungendliche und junge Männer verkaufen sich nur für eine relativ kurze Episode in ihrem Leben, etwa um finanzielle Notlagen zu überbrücken. Der Strich spielt auch als Coming-Out-Instanz für bestimmte Jungs eine wichtige Rolle. Das hat mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität zu tun, erklärt Lutz Volkwein. Denn die Prostitution erlaubt, sexuelle Erfahrungen mit Männern zu machen, ohne sich selbst als ‚Schwuler’ erleben oder definieren zu müssen. „Die wenigsten sind die ganz strammen Heteros. Die meisten sind bi oder schwul. Oder ‚werden’ es, je länger sie hier sind.“ Harte Drogen spielen in der Berliner Stricherszene nur eine untergeordnete Rolle. Die Beschaffungsprostitution in Berlin schätzen die SUB/WAY-MitarbeiterInnen auf gerade mal fünf bis zehn Prozent, die in der Jebenstraße am Bahnhof Zoo stehen und sich für Geld anbieten. In Hamburg und Frankfurt hingegen mache sie den größten Bereich der männlichen Stricherszene aus.

Der Markt für männliche Prostituierte ist heute hart umkämpft. Im Gegensatz zu den 1980er Jahren ist das Angebot heute höher als die Nachfrage. Die Verdienstmöglichkeiten auf dem Männerstrich sind stark geschrumpft in den letzten Jahren. „Im Schnitt kommen die Jungs gerade so über die Runden.“ Für die schnelle Nummer gibt es zwischen zehn und dreißig Euro. „Oft sitzen die Jungs nächtelang in Kneipen, stehen an der Straße, und kein Freier lässt sich blicken.“Die Stricher sind zwischen 15 und 25 Jahren alt, die meisten um die 18. „In dem Alter, in dem Frauen professionell in der Prostitution anfangen, ist bei Jungen fast schon wieder Ende der Karriere“, so Lutz Volkwein. „Ab Anfang 20 haben sie schon große Probleme nachgefragt zu werden. Mit Mitte 20 ist es in der Regel vorbei.“ Manche schaffen den professionellen Einstieg und werden Callboys. Das sind aber die wenigsten. Was mit den anderen geschieht, darüber gibt es nur Vermutungen.

Etwa drei Viertel der jugendlichen Stricher sind Migranten. Sie kommen vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Lateinamerika und Nordafrika. Sergiu Grimalschi, der sprachbegabte Sozialarbeiter aus Rumänien, hat über Jahre ihre Herkunftsorte auf einer Landkarte mit kleinen Fähnchen markiert. Die meisten Flaggen stecken dort, wo ärmliche Regionen sind und diskriminierte Minderheiten leben: Roma und Sinti in Rumänien und Bulgarien oder von Kurden bewohnte Gebiete in der anatoli­schen Bergregion im Südosten der Türkei. Viele jugendliche Stricher aus Osteuropa haben große Probleme mit ihrer Tätigkeit. Sie kommen aus Ländern und Familien, in denen Homosexualität gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Ein Großteil der Jungs definiert sich deshalb als heterosexuell und kompensiert seine Scham mit übertriebenem Machoverhalten, um ihr kulturell erworbenes Männlichkeitsbild nach außen zu wahren. „Die Familien wissen in der Regel nicht, was die Jungs hier machen“, ist die Erfahrung der SozialarbeiterInnen. Sie schicken Geld nach Hause und täuschen der Familie vor, einen gut bezahlten Job zu haben.

Illegal und steuerpflichtig

Das rot-grüne Prostitutionsgesetz von 2002, das von vielen Hurenprojekten gelobt wird, hilft ihnen nicht. „Das Prostitutionsgesetz hat den Jungs keine Verbesserungen gebracht – im Gegenteil. Jetzt sollen sie Steuern zahlen, etwa 30 Euro pauschal am Tag, wenn die Finanz­ämter mitkriegen, was sie tun“, erläutert Projektleiter Volkmann. „Für die Migranten hat es sogar Verschlechterungen gebracht: Die Jungs aus Rumänien beispielsweise wurden früher abgeschoben, weil sie keinen Aufenthaltsstatus hier hatten. Heute sind sie EU-Bürger und werden abgeschoben, weil sie ohne Arbeitserlaubnis gearbeitet haben. Das geht erst, seitdem das Anschaffen als ‚illegale’ Arbeit gewertet wird und nicht mehr als Unzucht.“

Inzwischen ist es spät am Mittag. Die beiden Jungs sind nach ein paar Stunden Schlaf wieder wach. Genau wie alle anderen im Schlafraum. Denn alle Betten hatten sich in der Zwischenzeit mit Jungs in ihrem Alter gefüllt. Lutz Volkwein schenkt ihnen Kaffee ein. Gleich machen Jungs und SUB/WAY-MitarbeiterInnen wie jeden Mittwoch einen gemeinsamen Ausflug: heute gehen sie Eislaufen.

Christian Schröder ist sul serio-Redakteur.

 

SUB/WAY Berlin – Hilfe für Jungs, die anschaffen

In Deutschland gibt es nur wenige Projekte für männliche Stricher: in Essen, Stuttgart, Köln, Hamburg, Frankfurt, München und Berlin. Alle sieben Projekte in Deutschland haben ihren Ursprung in der AIDS-Hilfe.
Lange Zeit wurden die zum Teil zwölf- bis 15jährigen Jungendlichen, die anschafften, überhaupt nicht wahrgenommen. Erst als es das Thema AIDS die Gemüter erregte, wurden sie als Zielgruppe der sozialen Arbeit ‚entdeckt’. Gelder für soziale Projekte wurden erst bewilligt, als befürchtet wurde, dass über Familienväter, die ihr Schwulsein versteckt bei Stricherjungen ausleben, der AIDS-Virus in die ‚Normalbevölkerung’ getragen werden könnte.
Berliner Sozialarbeiter aus drei verschiedenen Projekten arbeiteten Anfang 1992 mit dem Ziel zusammen, eine spezielle Einrichtung für Jungs zu schaffen, die unterwegs sind. Daraus wurde noch im selben Jahr der Verein SUB/WAY Berlin, der seit 1994 von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Jugend gefördert wird.
Der Verein hat drei Arbeitsbereiche: subway - Hilfe für Jungs, die unterwegs sind und anschaffen, berliner jungs - Prävention von pädosexuellen Übergriffen auf Jungen und querstrich - Selbsthilfe für Callboys.

www.subway-berlin.org

 

 

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