Sexuelle Freiheit oder Verführung zum Konsum?

Autor_in: 
Sabine Grenz
Weshalb gehen Freier ins Bordell? Was bewegt sie dazu? Und was suchen sie, wenn sie eine Sex­arbei­terin aufsuchen?

Spätestens seit der Kampagne ‚Abpfiff’ des Frauen­rats zur Fußball-WM 2006 sind Freier und ihre Bedürfnisse, sowie ihr potenzielles Wohl- und Fehlverhalten in aller Munde. Nach derzeitigem Kenntnis­stand ist der Freier Herr Jeder­mann. Der An­teil der Männer, die wenigstens einmal im Le­ben zum Freier werden, schwankt je nach Studie zwischen 13 und 30 Prozent. Durch Cha­rak­teris­tika wie Alter, Aus­bildung oder soziale Schicht lassen sich diese Männer aber nicht eingrenzen. Das Kli­schee vom „all­gemeinen männlichen Bedürfnis nach kommer­ziel­ler Sexua­li­tät“ wird bereits dadurch widerlegt, dass überhaupt nur ein geringer Teil von Männern sexuelle Dienst­leistungen in An­spruch nimmt. Hinzu kommt, dass die Vorstellung eines stärkeren männ­lichen Sexual­triebs sexualwissen­schaftlich gesehen nicht mehr aktuell ist.

Nichtsdestotrotz haben sich die meisten Freier, die ich für meine Studie (Un)heim­lich Lust. Über den Konsum sexueller Dienst­leistungen befragen konnte, auf eben diesen Trieb und das allgemeine männliche Bedürfnis berufen. Dahinter verbirgt sich eine Strategie, die der britische Soziologe Colin Campbell bei vielen Männern beo­bach­ten konnte: Der Erwerb von Luxus­gütern wird von Männern häufig nicht mit Vergnügen begründet, sondern mit Not­wendigkeit. Man braucht den CD-Player eben, man hat keinen Spaß daran. Ganz ähnlich wird auch das Privileg verteidigt, mit Geld für den Genuss von Sexualakten bezahlen zu können. Aber nicht nur die Freier berufen sich auf den vermeintlichen Trieb. Die Sexindustrie appelliert permanent an ihn. Hier stoßen wir auf eine eklatante Leerstelle in der Forschung: Wie ist die Sexindustrie daran beteiligt, das Bedürfnis nach kommerzieller Sexualität zu erzeugen und aufrecht zu erhalten?

Denn bei der Sexindustrie ist wie bei allen anderen Industrien erklärte Absicht (und legitimes Recht), Produkte zu verkaufen. Dafür wirbt sie mit Leuchtreklame, Fernsehspots und persönlicher Ansprache. Ihr Versprechen lautet, dass jedes sexuelle Bedürfnis erfüllbar und damit das perfekte sexuelle Erlebnis käuflich seien. Es wird also eher die passive Seite der Freier, ihr Objekt­charakter, angesprochen. Dies soll keineswegs dazu verführen, den Kon­su­menten ihre Verantwortung abzusprechen – im Gegenteil. Auch die aktiv werbenden SexarbeiterInnen sind Teil der Sexindustrie. Ihre Freiwilligkeit ist dabei keine grundsätzliche Voraussetzung.

Doch wie Julia O‘Connell Davidson deutlich machte, haben beide Seiten die Fik­tion der Frei­willigkeit angenommen, selbst dann, wenn die Tätigkeit aufgrund mangelnder Al­ter­nativen aufgenommen wurde. Eine spe­zielle Dynamik ergibt sich daraus, dass das Han­deln der Freier ebenso wie das Han­deln der VertreterInnen der Sex­in­du­strie in his­to­risch gewachsene Dis­kurse von Sexuali­tät und Kon­sum eingebettet ist, die geschlecht­lich strukturiert sind. Es kommt darauf an, den Codierungen von Männ­lichkeit und Weiblichkeit, der Sexualisierung von Kultur, der Entwicklung von Emotionen im Kapitalis­mus und dem ‚Be­dürfnis’ nach kommerzieller Sexualität und ihren Wechselwirkungen nachzuspüren.

Allgegenwärtiger Sex

Sexualität ist aus der Werbung nicht mehr wegzudenken, Darstellungen von Sexual­akten in Fernseh- und Kinofilmen sind gewöhnlich. Dass dies auch die sexuellen Wünsche der ZuschauerInnen und AdressatInnen von Werbung anregt, ist anzunehmen. Leider gibt es bisher nur wenige Forschungsarbeiten, welche die Auswirkungen der ständigen sexuellen Ansprache auf Männer erforschen. Es gibt aber Mutmaßungen dazu: So weist die amerikanische Feministin Susan Bordo in ihrer Arbeit über Männerkörper darauf hin, dass diese Ansprache für Männer Vor- und Nachteile beinhalte. Einerseits können die eindringlichen Bilder einen in unangebrachten Momenten quasi aus der Fassung bringen, andererseits vermitteln sie die kulturelle Genehmigung des männlichen Voyeurismus. Diese theoretischen Ansätze werden von meiner Studie bestätigt. Einzelne Freier berichten davon, durch die Darstellung sexueller Akte – etwa im Fernsehen – zu einem Besuch bei einer Sexarbeiterin angeregt worden zu sein. Dass Sexualakte sexuelle Lust auslösen, erscheint noch einigermaßen einleuchtend. Doch wie kommt es zum Schritt von dem eigenen Begehren zum Bezahlen für sexuelle Dienstleistungen? Und wieso wird das Angebot auf dem Markt zunehmend diversifiziert?

Die israelische Soziologin Eva Illouz erarbeitete in ihren Adorno-Vorlesungen 2004 die gemeinsame Entwicklung von Psychoanalyse und Kapitalismus. Sie geht davon aus, dass die Psychoanalyse dazu geführt hat, dass wir unsere Gefühle tendenziell eher reflektieren als ausagieren. Daraus entsteht zum einen ein stärkeres Bewusstsein über die eigenen Emotionen, und zum anderen können die Emotionen dadurch auch isoliert werden. Auf diesen Umstand weist auch Colin Campbell hin, der den Zusammenhang von Romantizismus – dem Hang zur träumerischen Idealisierung der Wirklichkeit – und Kapitalismus erforschte. Dass Emotionen zunehmend reflektiert wurden, hält er für einen wesentlichen Antrieb der kapitalistischen Entwicklung. Was man genossen hat, entwickelte man in der Fantasie weiter und formte es zu neuen Genussversprechen. Es entstand ein Kreislauf aus Vorstellung, Konsum, Befriedigung oder Enttäuschung und Weiterentwicklung der Fantasie und der Bedürfnisse. Ohne die Fähigkeit, Emotionen zu reflektieren, hätte sich auch die Sexindustrie niemals so entwickeln können.

Alles, was ich will?

Abgesehen davon vollzieht sich die Liberalisierung der Sexindustrie parallel zur allgemeinen sexuellen Liberalisierung. Sexuelle Angebote können immer offener und direkter gemacht werden. So war es beispielsweise in den 1940er Jahren den Sexarbeiterinnen in Amsterdam nicht gestattet, mit nackten Schultern in den Fenstern zu sitzen. In den 1980er Jahren waren sie nur noch in Unterwäsche zu sehen. Zeitungsanzeigen von SexarbeiterInnen sind seit der Änderung des Prostitutionsgesetzes 2002 in Deutschland wesentlich eindeutiger geworden. Die häufigen Angebote für ungeschützten Sex deuten darauf hin, dass die Geschäfte in wirtschaftlich schlechten Zeiten härter werden.
So oder so wollen SexarbeiterInnen und InhaberInnen von Bordellen und Clubs ihre Dienstleistungen an den Mann bringen. Unabhängig davon, wie freiwillig SexarbeiterInnen diese Erwerbstätigkeit aufnehmen, wollen sie davon leben können. Je schlechter ihre Arbeitsbedingungen und je höher ihre Abgaben sind, umso mehr sind sie auf eine große Anzahl von Freiern angewiesen. Genau das trägt dazu bei, dass sich der Markt immer weiter ausdifferenziert, sei es in Bezug auf das Angebot von S/M-Praktiken oder in Bezug auf Saunen, die Männern Sexualakte gestatten, die nicht durch das strenge 20 bis 30-Minuten-Regiment reguliert werden. Letzteres spricht vor allem Männer an, denen es nicht gelingt, in kurzer Zeit mit einer fremden Frau Sex zu haben und die die ganze Erfahrung eher in ein allgemeines Wellness-Programm einbetten möchten.

Diese Beobachtungen zeigen, wie die Männer selbst zu Objekten der Sexindustrie werden, aber auch, wie sie selbst zu dieser Entwicklung beitragen. Es ist eine gegenseitige Dynamik im Spiel: Einerseits verspricht die Sexindustrie, das perfekte sexuelle Erlebnis sei jederzeit käuflich. Andererseits entwickeln die Freier immer neue Fantasien, wie dies auszusehen hat. Allerdings war bei den meisten meiner Interviewten deutlich spürbar, dass ihre Vorstellungen immer nur begrenzt in einem Angebot der Sexindustrie Entsprechung finden können: Sexuelle Dienstleistungen waren für sie mit einer zärtlichen Art der Ausführung gekoppelt. Dieser Anspruch gilt sicher für viele Bereiche der Prostitution. Denn selbst ein Freier, der zu einer Domina geht, bezahlt sie letztlich dafür, dass sie sich um seine sexuellen Wünsche kümmert. Das Sich-Kümmern schien ihnen nur mit Sympathie und einer gewissen Hingabe möglich zu sein. Daher beklagten sie sich über Situationen, in denen die SexarbeiterInnen sie auf die abgelaufene Zeit hin- oder in ihre Grenzen verwiesen. Solche Reaktionen erschienen ihnen kalt, eben nicht zärtlich. Sind sie doch auf der Suche nach ihrem innersten und wahrsten sexuellen Gefühl oder Bedürfnis – und verspricht die Sexindustrie doch, genau dieses Bedürfnis zu erfüllen. So verwundert es auch nicht, dass einige Freier ständig auf der Suche nach den perfekten SexarbeiterInnen und Einrichtungen für ihre Bedürfnisse waren – andere hingegen hatten sie schon gefunden und wieder andere waren weniger anspruchsvoll, bewegten sich aber dennoch in genau diesen Diskursen.

Sabine Grenz promovierte mit einer Studie über Freier und forscht zur Zeit an der Universität Göteborg.

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