Sandokan

Autor_in: 
Sarah Ernst



also der große Fehler von denen die sich mit diesen Dingen befassen ist dass sie nicht begreifen worin das wirkliche Problem besteht dass es nicht einfach um eine Gruppe von kriminellen Mördern oder Verrückten geht von Leuten die so schnell wie möglich unglaublich reich werden wollen es geht um die Mentalität hier darum dass du an einem Ort lebst an dem du auf rein gar nichts vertrauen kannst von deiner Geburt an hast du keine Rechte keine Garantien du hast überhaupt nichts

 

Dieses Zitat aus Nanni Balestrinis neuem Roman Sandokan zeigt anschaulich, worauf man sich bei der Lektüre einzustellen hat. Dieser Autor nimmt gegenüber seinen LeserInnen eine grundlegend fordernde Haltung ein; und das eben nicht nur wegen der Themenwahl oder Verknüpfen komplizierter Handlungsstränge, sondern schon aufgrund des formalen Aufbaus.

Sobald mensch eines seiner Werke aufschlägt und zu lesen beginnt, ist der Sog fühlbar, der einen voll unbändiger Kraft mit sich reißt. Es ist zuallererst die Textstruktur, die diesen Strudel auslöst: Keinerlei Konzession an vertraute Interpunktionsregeln, die Platz zum Atemholen lassen; in manchen Texten wird völlig auf Absätze verzichtet und mensch sieht sich einem reinen Fließtext gegenüber. Dies und das Stilmittel verschiedener ineinanderlaufender Stimmen schaffen die verführerische Anziehungskraft, welche zum freien Fall (oder auch Sturz) in diesen spannenden Lesestoff animiert.

Hinzukommt, dass Balestrinis Werke immer auch einen politischen Fokus besitzen, sie beschäftigen sich mit gesellschaftlicher Ungleichheit, sozialen Kämpfen und Ausschließungsmechanismen. In seinen Arbeiten stehen Beispiele unterschiedlicher gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse im Mittelpunkt: Ob Arbeitszwänge bei Fiat in Wir wollen alles, politische Kämpfe der 70er Jahre in Die Unsichtbaren oder die ungeschminkte Lebensrealität italienischer Fußballfans – so genannter Ultras – in I Furiosi.

Der nun Herbst 2006 bei Assoziation A erschienene Roman Sandokan birgt schon im Untertitel Eine Camorra-Geschichte einigen Zündstoff. Denn über diese Form des „Staates im Staate“, mit nach außen und innen perfekt durchorganisiertem Gewaltmonopol zu schreiben, bringt eine Menge Probleme mit sich. Mächtige Organisationen sind nur selten darüber erfreut, sich literarisch verarbeitet wiederzufinden und bringen dies auf unterschiedliche, meist wenig angenehme Art zum Ausdruck.

Aber auch von Seiten der Lesenden und der professionellen Literaturszene kann es überraschende Reaktionen geben. Die Mafia und die von ihr geschaffene und fest verankerte Alltagsstruktur innerhalb westlicher Demokratien ist auch auf dieser Ebene ein überaus heißes Eisen. Ein dermaßen belastetes Thema fordert Zuschreibungen und Positionierungen von Autor wie Leserschaft geradezu heraus. Ein Vorgang, in dessen Verlauf eine wirkliche Auseinandersetzung häufig auf der Strecke bleibt.

Diese Probleme hat Balestrini geschickt ausmanövriert. Denn auch wenn in Sandokan der Weg einer Camorra-Gruppierung von Tagelöhnern zu den neuen – nach klassischem Muster durch blutige Auslöschung der alten – Herren einer ganzen Region, ja eines Global Players  nachgezeichnet wird; steht dies nicht wirklich im Vordergrund. Es geht nicht um diese Menschen, um ihre Ziele, ihre Wünsche und auch nur begrenzt um ihr Handeln. Ihre durch Angst und Gewalt gefestigten Hierarchien bilden nur die begleitende Hintergrundmusik für diejenigen, die innerhalb dieser Realitäten, dieser durchaus nicht immer rationalen, aber offen gewalttätigen Business-Logik ihr eigenes Über-Leben sichern wollen. Jene, die sich in diesen Strukturen zurecht finden müssen, die sich dazu jedes Mal erneut zu positionieren haben und ihre eigenen Lebensentwürfe diesen Vorgaben anzupassen gezwungen sind – denn abgesehen von Flucht bleibt ihnen kaum Spielraum.

Die so genannte ganz normale Bevölkerung lebt schon längst außerhalb aller so genannten normalen Verhältnisse, die auch von Seiten eines riesigen Militär- und Polizeiaufgebots nicht einmal ansatzweise simuliert werden können. Hier existieren keine Alternativen, keine Auswege und wenn es derartiges jemals gegeben haben sollte, ist es dem kollektiven Gedächtnis schon lange entschwunden. Jeder kämpft in erster Linie für sich, dann für seine Familie, seine Zusammenhänge, familiären und sozialen Geflechte. Doch gerade die eigene Positionierung gegenüber der Camorra ist eine Frage, der sich jeder allein zu stellen hat.

Und so ist Balestrinis Roman auch eine flammende Anklage gegen eine regionale und allgemein sich über alle weltbestimmenden Grenzen hinweg vereinende Gesellschaft, in welcher sich derart grausame Strukturen so problemlos bilden und verankern können. Eine Gesellschaft, deren ureigenste Prinzipien der Angst und Unterdrückung die Camorra ungeschminkt vorlebt und  welche es dieser erst ermöglicht, zu werden was sie ist.

 

 

Nanni Balestrini: Sandokan. Eine Camorra-Geschichte. Aus dem Italienischen von Max Henninger. Assoziation A, Berlin 2006, 144 Seiten, 13 EUR

 

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