Rettet die amerikanische Mittelschicht!

Autor_in: 
Christian Schröder


Nach ihrem Ausflug in die Arbeitsverhältnisse der amerikanischen Unterschicht in „Arbeit Poor“ (2001), widmet sich die Journalistin Barbara Ehrenreich in ihrem neuen Buch wie schon in „Angst vor dem Absturz“ (1994) wieder der „abstürzenden“ Mittelschicht. Wieder ist sie undercover unterwegs, diesmal jedoch nicht in schlecht bezahlten Niedriglohnjobs der Working Poor, sondern auf Jobsuche mit der arbeitslosen Mittelschicht. Sie nimmt sich den Menschen an, die „’alles richtig gemacht’ haben“: Sie haben einen hohen Ausbildungsabschluss, sind leistungsorientiert, verfügen über einen ungebremsten Aufstiegswillen und stehen sinnbildlich für den American Dream.

Wer nach dem Titel vermutet, das Buch handle von der „Generation Praktikum“, irrt sich. Denn Ehrenreich widmet sich ihrer eigenen Generation der heute über 50-jährigen angestellten Führungskräften, die seit den 1990er-Jahren den Prozessen der Unternehmensverschlankung und des Outsorcings zum Opfer fallen. Unsicher und verängstigt, weil ihre Berufserfahrung nicht mehr zählt, die Aufstiegsmuster sich geändert haben und ein Statusverlust droht, suchen sie verzweifelt wieder den Einstieg in die Arbeitswelt.

Mit neuer Identität und neuem Lebenslauf voller Referenzen ausgestattet begibt sich Ehrenreich auf Jobsuche. Was sich schnell als kompliziert herausstellt. Deshalb begibt sie sich in die Schattenwelt der Vermittlungsagenturen, Karrierecoachs und Berater-Szene. Diese „Übergangsindustrie“ mit ihren über 10.000 BeraterInnen lebt von den verzweifelten Jobsuchenden, die meist mit Gespartem in die Arbeitslosigkeit gehen. So zahlt Ehrenreich viel Geld für überteuerte Beratungen in Sachen Bewerbungsunterlagen, Image und Style und für populärwissenschaftliche Belehrungen über Selbstvermarktung.

Nachdem sie sechs Monate nach Stellen recherchiert und unzählige Bewerbungen verschickt hat, sich unzählige Male coachen ließ und auf Networking-Events, Jobmessen und christlichen Arbeitslosenveranstaltungen besuchte, bekommt sie ganze zwei Jobangebote: unseriöse Vertreterstellen auf Provisionsbasis, ohne Sozialleistungen und mit hohen Einstiegskosten als Franchisenehmerin. In ihrem leicht konsumierbaren Buch gelingt es Ehrenreich, die verzweifelte Hoffnung der Arbeitslosen auf einen Job einzufangen und die Beraterindustrie bissig-ironisch auf die Schippe zu nehmen.

Nach einem Jahr als Arbeitslose auf Jobsuche gibt sie auf und steigt aus. Sie will nicht der Abwärtsspirale ihrer gleichaltrigen LeidensgenossInnen folgen und „Überlebensjobs“ im Niedriglohnsektor annehmen, die doch eigentlich MigrantInnen und dem White Trash vorbehalten sind. So kann das nicht weiter gehen, dachte sich Ehrenreich und wurde politisch aktiv für die, „die doch alles richtig gemacht haben“: 2006 hat sie die "United Professionals" (www.unitedprofessionals.org) gegründet, eine Gewerkschaft für “Büroangestellte, unabhängig von Beruf und Dienstverhältnis, deren „Mission es ist, die amerikanische Mittelschicht zur beschützen und zu bewahren”. Das nennt man Klassenbewusstsein: Für die Working Poor hat sie das nicht gemacht!

        

Barbara Ehrenreich: Qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Sonja Schuhmacher. Verlag Antje Kunstmann, München 2006. 256 Seiten, Hardcover, 19.90 EUR

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