Reclaim Linux!

Autor_in: 
Silke Meyer

Seit über 20 Jahren arbeiten Menschen an einer Alternative im hart umkämpften Softwaremarkt: Linux. Hinter Linux steht kein Konzern, sondern eine Community: Sie entwickelt freie Software, damit es welche gibt, Software, die sich dadurch auszeichnet, dass sie mit Quellcode veröffentlicht wird, weiterverteilt werden darf, dass sie also transparent, kostenlos und legal kopierbar ist. Aber Linux entsteht in einem männlich geprägten und teilweise sexistischen Umfeld. Dies verhindert seine erfolgreiche Durchsetzung.

Software für alle?

Ein zentrales Anliegen der LinuxerInnen und der gesamten Open Source-Bewegung ist es, das Wissen darüber, wie Software gemacht wird, offen zu teilen. Die Computerprogramme für Informations­verarbeitung und Kommunikation werden als öffentliche Güter angesehen. Mit Linux sind also demokratische und emanzipatorische Ansprüche verbunden. Aber warum setzt sich dieses Betriebssystem nicht besser durch? Müsste es nicht durch diese Ansprüche bestechen und gerade für all diejenigen attraktiv sein, die keine Mittel haben für Lizenzen aufzukommen und die dezidiert Wert darauf legen, Linux als alternatives Projekt zu unterstützen?

Dass Linux nur von verhältnismäßig Wenigen genutzt wird, kann vielleicht damit erklärt werden, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung der Linux-Community sich widersprechen. Die Community versteht sich selbst als offen: JedeR könne an den Projekten mitarbeiten, denn von der Programmierung über die benutzerfreundliche Gestaltung bis hin zur Übersetzung in diverse Sprachen gebe es genug zu tun. Und wer sich engagiere und funktionierende Vorschläge mache, ernte dafür Anerkennung. Die Transparenz dieser Software erlaube darüber hinaus allen AutodidaktInnen den Einstieg ins Programmieren. Partizipation und Empowerment werden intern demnach groß geschrieben. Dieses Image kontrastiert aber mit der verbreiteten Außenansicht, Linux sei nur etwas für Spezialist(Inn)en.

Offen oder freakig - auf jeden Fall männlich

Den ersten eingehenden Blick werfen NutzerInnen wohl dann auf die Community, wenn sie Hilfe in Linux-Mailinglisten oder Foren suchen, die das Internet in großer Fülle und Aktualität bietet. Zwei Dinge werden bald klar: Die Erklärungen helfen Laien nicht. Und: Dumme Fragen sind nicht erlaubt. Der Ton ist rau, so dass selbst Men­schen mit Vorwissen ihrer Frage vorausschicken: “Sorry, ich bin noch neu hier.” Zu Recht, denn ein arroganter Umgang mit­einander ist verbreitet. Einen Teil der Com­munity bilden Menschen, die sehr viel Zeit und Energie in die Lösung technischer Fragen stecken (können). Dies geht teil­weise so weit, dass die Suche nach technischen Lösungen zum Selbstzweck wird. Wer hier nach dem vorgeblich politischen Anliegen der Open Source-Bewegung sucht, findet kaum mehr als das ewige Microsoft-Bashing und damit die Pflege eines gemeinsamen Feindbildes („Wenn Word dazu geeignet wäre, richtige Texte zu schreiben, würde es ja ‚Page‘ heißen.“). Andererseits gibt es auch diejenigen, die wirklich bereit sind, ihr Wissen offen zu teilen, nicht nur in der Theorie oder in hochkarätigen Online-Fachbeiträgen, sondern indem sie EinsteigerInnen beibringen, wie Linux funktioniert.

Was vom Technikfetischisten bis zum geduldigen Lehrer dominant ist: Die Community ist männlich. Der Männeranteil liegt bei geschätzten 95 Prozent. „Männlich” meint in diesem Kontext nicht nur das bio­logische Geschlecht der LinuxerInnen, sondern darüber hinaus ein diffuses, implizites Zusammenspiel unterschiedlicher Ebenen sozial konstruierter Männlichkeit. Daraus ergeben sich die Fragen: Welche Bedeutung hat die Verknüpfung von Technik und Geschlecht für das Selbstverständnis der Linux-Community? Kann die Technik selbst “vergeschlechtlicht” werden und wie funktioniert das?

Geschlecht entsteht im Detail

Zwei Ebenen sind besonders von Bedeu­tung: erstens die Sprache und zweitens der Umgang miteinander und mit Technik. Die Sprache im Linux-Umfeld ist nicht nur in auffälliger Weise von technischem Vokabular durchzogen, das in neuen Kontexten wieder auftaucht (“backup-Stift” für “Ersatzkuli”), sondern es fallen auch sexistische Sprüche. Entweder erinnern sie frau daran, dass sie eine Frau ist (und eventuell die einzige anwesende) oder sie verknüpfen Technik und (männlichen) Sex miteinander (“Wow, bei dem Rechner krieg ich einen hoch!”). Dabei wird Technik zuweilen auch mit Sex gleichgesetzt. Ein “witziges” T-Shirt heißt beispielsweise “Linux is sexy” und beschreibt Geschlechtsverkehr in Befehlen: “unzip; touch; mount; fsck; more; umount; make clean; sleep” - Sex als mechanischer und vorprogrammierter Ablauf, ein “file system check” bei der Sexmaschine?

Auch der Umgang mit Technik ist speziell. Ein eingeschaltetes Notebook scheint jedeR dabei zu haben. Bei den LinuxerInnen selbst finden textbasierte Tools (also ohne graphische Oberfläche, Schaltflächen etc.) breite Verwendung, doch das trauen sie nicht allen zu: “Nenn‘ ihr irgendein graphisches Programm, das ist doch, was sie wissen will.” Liegt es am Frausein oder bekommen alle Neulinge die Tastatur weggezogen? Besonders wichtig ist der Style des eigenen Rechners: Hunderte selbst gemachte Hintergrundbilder und Themes stehen zum Download bereit, was auf ein nicht-pragmatisches Verhältnis zu Technik hindeutet. Viele davon kolportieren auch direkt eine unglaubliche Technikliebe oder - in kleinerer Anzahl - ein Bild von Frauen als nackten Körpern. Hat das der konkrete Tischnachbar vor sich, was will frau da noch fragen...? Linux steht damit nicht nur für die Emanzipation von Kommerzialisierung und Software-Lizenzen, sondern Linux erscheint auch als vergeschlechtlichter Wirkungszusammenhang, der Technik besetzt. Linux steht für Innovation und Offenheit, entsteht aber gleichzeitig in konservativen und ausschließenden Zusammenhängen.

Linux einfordern!

Um das eigentlich positive Konzept freier Software für all diejenigen, denen es wichtig ist, nicht aufzugeben, kann es nur heißen: Linux einfordern! Hineingehen in die Community und daran erinnern, dass technische Lösungen nur toll sind, wenn sie Menschen auch nützen und ihnen gezeigt werden. So wichtig technische Lösungen sind – Technik als Selbstzweck zu betreiben entfaltet wenig emanzipatorische Dynamik, auch nicht bei den Beteiligten. Das partizipatorische und emanzipatorische Potenzial des Open Source-Konzeptes kann nur zum Tragen kommen, wenn die Grundidee, Wissen frei zu teilen, ohne Ansehen der Interessierten verwirklicht wird.

 

Silke Meyer ist linux-affine Politologin und promoviert über den Umgang mit Technik in der Linux-Community.

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