Realität der Repression

Autor_in: 
Klaus Viehmann


„SoziologInnen, PolitikwissenschaftlerInnen, RechtswissenschaftlerInnen, KriminologInnen, politisch Interessierte“ nennt der Verlag als Zielgruppe. Ein sich so definieren der Personenkreis wird einen guten Überblick über kriminologische Debatten erhalten.

Die Autoren haben als antifaschistische Linke und Anwalt des Legal-Team sicher Einblick in die konkrete Realität von Repression, lassen den im Buch aber leider kaum erkennen. Die akademische Sprache mag die genannte Zielgruppe im Studium abholen, führt allerdings dazu, dass handlungsfordernde Zuschreibungen – die bei aller Ausdifferenzierung von Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung Ziel einer radikalen Kritik sind – nahezu unterbleiben. Wenn aus Klassen „Schichten“ werden und ausbeutungs- und entfremdungsbedingte Armut und Krankheit als „soziale Probleme“ sowie die neoliberale Offensive als „Wandel der gesellschaftlichen Bedingungen“ verhandelt werden, sind Lösungsvorschläge wie „mehr Demokratie und Zivilgesellschaft!“ zwangsläufig.
Hinter den im Buch hervorgehobenen „Selbstführungstechniken“ gesellschaftlicher Individuen und neuem Risiko-Management verschwindet die ewige Angst der Reichen vor dem Pöbel, der ihre Villen ansteckt – statt auf kulturelle Hegemonie wird auf bewaffnete Staatsorgane und bezahlte Sicherheitssöldner gesetzt. Dieses Element war auch im „Wohlfahrtsstaat“ der 1960er und 1970er Jahre präsenter (Notstandsgesetze, Werkschutz, NATO-Übungen gegen Fabrikbe­setzungen) als im Buch unterstellt wird. Der Analysezeitraum des Buches beschränkt sich ohnehin auf die letzten 20 bis 30 Jahre, ein Einbezug der (terroristischen) Sozialkontrol­le im NS wäre sicher gewinnbringend gewesen.

In ein paar Sätzen wird auch der Eindruck erweckt, das Strafvollzugsgesetz sei Anfang der 1970er durch fortschrittliche Kriminologen oder Juristen zu Stande gekommen – tatsächlich folgte es auf die Revolten in den alten Zuchthäusern…

 

Tobias Singelnstein, Peer Stolle: Die Sicherheitsgesellschaft: Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert.VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 181 Seiten, 19,90 Euro

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