„Raubkopierer sind Verbrecher“?

Autor_in: 
Lars Bretthauer

„Knast on Tour“ – so lautete der spritzige Slogan einer Aktion der Zukunft Kino Marketing GmbH (ZKM – siehe Infobox), mit der diese in den letzten zwei Jahren durch die deutschen Lande zog. Auf öffentlichen Plätzen wurde eine nachgebaute Gefängniszelle inklusive Feldbett und karger Toilette aufgestellt, in denen Interessierte unter Aufsicht verkleideter Ordnungshüter „Probesitzen“ durften. Durch die direkte Konfrontation mit den möglichen Folgen einer strafrechtlichen Verfolgung sollte, so die Kampagnenleitung, die Bevölkerung „fünf Minuten im Leben eines Raubkopierers“ nachempfinden. „Knast on Tour“ war eingebettet in die seit 2004 laufende Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“, die in Kinospots, auf Plakaten und mit einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit gebetsmühlenartig darauf hinarbeitete, dass „der Raubkopierer sich der Illegalität seines Handels bewusst wird und sein Verhalten kritisch hinterfragt und ändert. Wir zeigen die Folgen von kriminell organisiertem Raubkopieren und verdeutlichen so: Das, was Du da tust, ist eigentlich Diebstahl von urheberrechtlich geschützten Werken und damit illegal“. In ihren Spots droht die Kampagne allen „Raubkopierern“ damit, vergewaltigt und verlassen von ihren Familien ein armseliges Dasein im Knast zu fristen.



Die private digitale Vervielfältigung von Spielfilmen

Die Öffentlichkeitsmaterialien der ZKM vermitteln den Eindruck, die „Verbrechen“ seien untragbar und menschenverachtend. Doch was steckt hinter den Aktionen der ZKM?

Die Filmindustrie kämpft mit den Auswirkungen der digitalen Revolution: Durch die Verbreitung von DVDs (dem ersten digitalen Filmformat), schnellen CD- und DVD-Brennern und DSL-Internetzugängen wird es immer leichter, digitale Kopien anzufertigen und mit anderen zu tauschen – und das Ganze außerhalb der Vertriebs- und Konsummöglichkeiten der Filmindustrie. Offiziellen Schätzungen der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge brennen ca. sieben Millionen Deutsche jährlich privat Spielfilme auf geschätzte 120 Millionen Rohlinge (Zahlen für das erste Halbjahr 2005). Dahinter verbergen sich laut Studien der Spielfilmindustrie in fast allen Fällen Kopien zum privaten Gebrauch, die seit Anfang der 1980er Jahre durch das deutsche Urheberrecht erlaubt sind. Die von den Lobbyverbänden der Spielfilmindustrie beklagten „Raubkopien“ gibt es als Rechtskonstrukt bis heute nicht. Zwar wurden mit der Urheberrechtsreform im Jahre 2003 Privatkopien von Werken untersagt, die mit einem Kopierschutz versehen sind oder durch eine unrechtmäßige Vorlage erworben wurden, z.B. aus öffentlichen Internettauschbörsen. Letzteres machen laut Studien 14 Prozent der Spielfilmkopierer, also 1,7 Millionen Menschen. Doch auch hier taucht im Gesetzestext nicht der Begriff „Raubkopie“ auf, sondern „unerlaubte Vervielfältigung“ als Bagatelldelikt. Die weite Streuung des Begriffs „Raubkopierer“ steht daher für den politischen Willen der Lobbyverbände der Spielfilmindustrie, die private und halb-kommerzielle Vervielfältigung generell zu kriminalisieren, auf die Nutzung ihrer Vertriebswege wie Kinos, Videotheken oder Onlinekaufhäuser hinzuwirken und die weiterhin erlaubte private Vervielfältigung symbolisch zu unterbinden.

Wunder gibt’s immer

Trotz dieser Kriminalisierung privater Vervielfältigung weit über die Grenzen geltenden Rechts hinaus, laden immer mehr InternetnutzerInnen Filme über Peer-to-Peer-Tauschbörsen herunter oder versuchen, Kopierschutzmaßnahmen zu umgehen. Was bringt diese hohe Zahl von Menschen dazu, sich auf digitalem Wege so alltägliche Konsumprodukte wie Spielfilme außerhalb der Vertriebskanäle der Filmindustrie zu beschaffen, obwohl sie weiterhin ins Kino und zur Videothek gehen?

Das Angebot scheint es nicht zu sein: Beim Großteil der kopierten Spielfilme handelt es sich um die auch auf dem „kontrollierten Markt“ der Kinos, Videotheken, und Verkaufsläden durch vielfältige Werbestrategien (Trailer, Kinomagazine, Feuilletons, Spielzeug) in Szene gesetzten „Blockbuster“. Kurz: Auch private FilmkopiererInnen sind gefügige Objekte von Werbestrategien – sie biegen nur vor der Kasse links ab und nehmen das Produkt so mit.

Das verwundert schon, schließlich sind Eigentumsrechte im Alltagsleben anerkannt. Niemand stellt als ArbeitnehmerIn in den Betrieben oder als KonsumentIn derzeit die Eigentumsverhältnisse in Frage. An diesem Alltagsverständnis von Eigentum setzt die Filmindustrie mit ihrer Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ an und beschallt die Welt mit „das ist doch Diebstahl“-Rufen.

Anonym tauscht es sich besser

Da es kaum dokumentierte Aussagen von FilmkopiererInnen gibt, kann man über die Motive der massenhaften Kopiererei nur spekulieren. Der „Diebstahlsgedanke“ scheint bei der Weitergabe und Aneignung von digitalen Spielfilmen in den Hintergrund zu treten. Eine digitale Kopie hat die gleiche Qualität wie das Original (was oft selbst eine Kopie ist). Als immaterielles Gut nimmt es keinen Schaden oder wird quantitativ weniger. Filme aus dem Internet herunter zu laden, zu vervielfältigen und zu tauschen sind anonymisierte Alltagspraktiken, die nur schwer nachvollziehbar sind. Diese „geringe Sichtbarkeit“ scheint vielen Leuten die Sicherheit zu geben, die Ambivalenz zwischen halböffentlicher (relativ kostengünstiger) Aneignung und weiterhin öffentlichem (kostspieligerem) Konsum von Filmen in Kinos oder Videotheken auszuhalten und zu leben.

Der Kunde ist doch König, oder?

Bemerkenswert ist, dass sich diese An­eig­nungs­prozesse im Bereich der Pop­kultur vollziehen, also dort, wo die Kon­sumierenden mit ihren Spaß- und Unter­haltungsbedürfnissen im Mittelpunkt erschwinglicher Produktentwicklungen stehen. Das Glücksversprechen der popkul­turellen Industrien scheint ein nicht zu unterschätzender Faktor in den Pro­zes­sen der Filmkopiererei zu sein. Den Kon­sumentInnen wird durch alle Poren des Alltags vermittelt, dass Unterhaltungsinhalte zuallererst auf ihren Lustgewinn angelegt sind. Dies scheint ihnen den Eindruck zu vermitteln, dass sie umgekehrt auch ein legitimes „privates Recht als Konsument“ auf das Produkt haben, wenn es ihnen umsonst angeboten wird. Jenseits aller eigentumsbezogenen Rechtsvorschriften, politischen Motivationen oder moralischer Skrupel.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten...

Die Filmindustrie reagiert auf die Kopiererei mit einer politischen Doppel­strategie: Sie schwankt zwischen einem (vermeintlichen) Aufklärungsanspruch gegenüber KonsumentInnen und der überbordenden Bedrohung und Drangsalierung der „Raubkopierer“. Beide gesellschaftliche Rollen stellen die prominenten Lesarten desselben Phänomens dar: Einerseits wird an die „stille Einsicht“ der KonsumentInnen appelliert, andererseits wird vorbeugend Gift und Galle gespuckt, um die gegenüber „vernünftigen Argumenten“ trotzig-renitenten SpielfilmguckerInnen durch Strafandrohungen auf Konsumlinie zu bringen.

Die mittlerweile etablierte Praxis der Weitergabe von DVDs oder anderen mobilen Datenträgern an Freunde, Familie, Arbeits- und StudienkollegInnen ist ein Anzeichen dafür, dass sich das Rad der digitalen Revolution auch im Filmsektor nicht mehr zurückdrehen lässt – auch nicht mit stumpfer symbolischer Gewalt. Stattdessen wird eine „Inwertsetzung“ der digitalen Technologien durch die Filmindustrie selber angestrebt. Hierbei sollen die „NormalverbraucherInnen“ durch Drohkampagnen und Über­wachungsaktionen (von Flohmärkten und Internetcommunities durch bezahlte Spitzel oder private Überwachungsdienste) soweit eingeschüchtert werden, dass sie es sowohl unterlassen, sich in die neueste Tauschbörse im Internet einzuklinken, als auch die Kopierschutztechnologien durch Crackprogramme zu umgehen. Vielmehr sollen sie wieder bezahlen, um ausschließlich die verwertbaren Kanäle der Filmindustrie zu nutzen: Online-Videotheken sollen den digitalen Filmkonsum bei gleichzeitigem paycheck an die Industrie ermöglichen. Durchschnittliche FilmkonsumentInnen können so „ganz einfach“ wieder rechtschaffener Bürger werden, um die verbliebenen „RäuberInnen“ kümmern sich dann die Strafverfolgungsbehörden.

„Raubkopiererei“ als Gefährdung der Gesellschaft

In der öffentlichen Diskussion dominiert der Eigentumsdiskurs der transnationalen Medienkonzerne. Gleichzeitig gibt die Filmindustrie alles daran, durch unzählige öffentliche Stellungnahmen den privaten Spielfilmtausch zu diskreditieren:

Zum einen würde er vor allem zur ungehemmten Verbreitung von Kinder­pornographie und Gewalt­darstellungen beitragen – wobei verschwiegen wird, dass es diese Graumärkte auch in nicht-digitalisierter Form und in vielen Fällen auch in kommerzialisierten Kanälen gibt. Außerdem verweist der Lobbyverband der US-amerikanischen Filmindustrie MPAA (Motion Picture Association of America) kontinuierlich auf die vereinzelte Aussage eines Interpoldirektors, die kommer­zielle Filmpiraterie sei zu einer wichtigen Finanzierungsquelle von terroristischen Gruppen geworden.

Zum anderen wird der Rückgang von Kinobesuchen und die damit verbundenen finanziellen Einbußen der „Raubkopiererei“ zugeschrieben. Bei diesen Rechnungen wird aber der seit Jahren parallel boomende Markt für DVDs außer Acht gelassen, der eine Veränderung des Filmsektors hin zum Home Cinema anzeigt. So verdoppelte sich der Verleih und Verkauf von Datenträgern in den Jahren 1999-2006 von 860 Millionen auf 1,68 Milliarden Euro des Gesamtumsatzes. Insgesamt wuchs der deutsche Filmmarkt zwischen 2000 und 2005 von 1,75 Milliarden Euro auf 2,43 Milliarden Euro Umsatz. Dennoch wird behauptet, dass eine ökonomische Krise vorliege, die den massiven Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge hätte. Dabei wird besonders gerne darauf verwiesen, dass die ohnehin schon nicht sehr starke deutsche Filmindustrie zusätzlich gegenüber der US-Industrie geschwächt würde – was anhand der Marktdaten nicht belegt werden kann: Laut Studien der Filmindustrie sind deutsche Filme von privaten Kopien in deutlich geringerem Ausmaß betroffen als die der US-Majors, zum anderen war 2006 das bisher erfolgreichste Jahr für deutsche Filme seit langem.

Politische Alternativen zum Schweigen der FilmkopiererInnen?

Dieser Fülle von Anschuldigungen durch die Filmindustrie steht bisher ein millionenstarkes Schweigen der Filmdownloader und -brenner gegenüber. Zwar zeigen sich Teile der community beeindruckt von den Drohgebärden der Industrie und ihrer Anzeigenflut, doch der Großteil schweigt – und kopiert weiter. Lediglich in anonymen Internetforen wird über Sinn und Unsinn der Neuregelungen des Urheberrechtsgesetzes und die Drohungen der Industrie diskutiert. Daneben existieren einige wenige Kampagnen, die offen gegen die Hetzkampagne der Filmindustrie protestieren oder eine „Kulturflatrate“ fordern, eine an die GEZ und GEMA angelehnte, staatlich erhobene Gebühr zur Entschädigung der Musik- und Filmindustrie.

Bei diesen Forderungen wird versucht, die Entstehung nicht-kommerziel­ler Vertriebs- und Konsummodelle über eine staatliche Umverteilung wieder in die Verwertungsketten der Spielfilmindustrien einzugliedern. Ausgeschlossen bleibt dabei der politische Versuch, die Praktiken der FilmkopiererInnen zum produktiven Ansatzpunkt neuer politischer Forderungen zu erklären. Denn die digitalen Vervielfäl­tigungsmöglichkeiten von Spielfilmen stellen eine neue bereits praktizierte Vergesellschaftung des Kulturkonsums dar, die sich als gemeinschaftliche, nicht-kommerzielle Nutzung von Kulturgütern faktisch bereits seit mehreren Jahren vollzieht.

In den aktuellen politischen Dis­kussionen wird diese Neuerung jedoch mit dem Argument konterkariert, den Kul­tur­produzierenden (Regisseur­Innen, Dreh­buch­autorInnen, CutterInnen etc.) breche durch ihre Abhängigkeit von den nun in Teilen versagenden kapitalistischen Marktstrukturen das ökonomische Fundament weg. Wie gezeigt wurde, trifft dieses Argument nur teilweise zu, da sich der nach neuer Rechtssprechung unerlaubte Tausch im Bereich von 10-14 Prozent der privaten Vervielfältigungen bewegt und der deutsche Binnenmarkt durch die Digitalisierung des Filmkonsums gleichzeitig massiv profitiert hat. Aktuell existieren somit parallel kommerzielle und nicht-kommerzielle Konsumformen. Die Illegalisierung des nicht-kommerzielle Online-Tauschs und die wachsende staatliche Verfolgung von Filmkopieren stellt keine befriedigende politische Antwort auf die Frage nach der gesellschaftlichen Verfasstheit der Kulturkonsums im digitalen Zeitalter dar. Denn diese unterläuft die technologisch mögliche unbeschränkte Nutzung von Kulturgütern zu Gunsten der ökonomischen Interessen von transnationalen Medienkonzernen und Kulturproduzierenden.

Produktiver erscheint daher der Ver­such, die aktuellen Konflikte um den Film­konsum in die Frage der gesellschaftlichen Organisation der Filmproduktion zu wenden. Eine kapitalistische Verfasstheit der Filmproduktion zwingt diese immer wieder zum Schutz und zur Monopolisierung ihrer Inhalte durch geistige Eigentumsrechte. Wenn diese durch die technologische Ent­wicklung faktisch nicht mehr gültig sind, stellt sich die Frage, ob andere Organi­sationsmodelle der Filmproduktion denkbar sind. Diese Frage wird dadurch erschwert, dass die Finanzierung der Kulturproduktion durch staatliche Institutionen nach den historischen Erfahrungen staatlicher Bevormundung und Kontrolle keine einfache Option sind, sondern maßgeblich von den Kon­junkturen von Kräfte­verhält­nissen innerhalb der Staatsapparate abhängen. Sind diese eher liberal als autoritär, ist eine staatliche Finanzierung der Kulturproduktion für die Filmschaffenden sicherlich besser zu ertragen.

Nichtsdestotrotz eröffnet sich bei einer gewissen Staatsskepsis die Frage nach einer Organisationsform der Filmproduktion jenseits von kapitalistischem Markt und Staat. Dies umfasst eine Diskussion über mögliche genossenschaftliche Strukturen der finanziellen Selbstverwaltung der Filmproduktion, aber auch die Nutzung anderer gesellschaftlicher Ressourcen. Um dieser zukünftigen Diskussion jedoch überhaupt einen Nährboden zu geben, müssten die aktuellen Praktiken von Filmkopierern als positiver Ansatzpunkt öffentlicher Zugänglichmachung (im eigentlichen Sinne) und nicht als zu denunzierendes „Verbrechertum“ verstanden werden.

 

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Zukunft Kino Marketing und FFA

Die ZKM ist eine gemeinsame Tochterfirma des Verbands der Filmverleiher, der Multiplex­verbände und der Kinobetreiber. Sie wurde ge­gründet, um „Branchen­kampagnen zur Erhöhung des Filmbesuchs in Deutschland […] durch­zuführen“. Als Ursache für den Besucher­rückgang im Kino werden von ihr in erster Linie die Nutzung und Verbreitung von „Raubkopien“ verantwortlich gemacht.

Die von der ZKM durchgeführte Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ wird mit Mitteln der halbstaatlichen Filmförderungsanstalt (FFA) gefördert, die sich über Abgaben von Kinos und Fernsehsendern finanziert. Daneben unterstützt sie die privatrechtliche Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) mit der Finanzierung von „Internetermittlern“ um „illegale“ Downloads strafrechtlich verfolgen zu lassen.

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Lars Bretthauer promoviert in Berlin zur staatlichen Regulierung der digitalen Kommunikationstechnologien am Beispiel geistiger Eigentumsrechte in der Spielfilmindustrie und der Vorratsdatenspeicherung.

 

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