Prostitution oder Sexarbeit?

Autor_in: 
Neelke Wagner

Die feministische Diskussion über Prostitution ist so alt wie die Bewegung selbst. Die eingenommenen Positionen reichen dabei von der Forderung, Prostitution rigoros zu verbieten, bis zu dem Standpunkt, Prostitution als ‚Sexarbeit’ müsse als Beruf wie jeder andere anerkannt werden. sul serio hat zwei profilierte Feministinnen gefragt, wie sie die Situation der Prostituierten in Deutschland einschätzen und was sie sich an Verbesserungen wünschen.

Fünf Fragen an Emilija Mitrovic

sul serio: Was sind die Vor- und Nachteile einer Anerkennung von Sexarbeit als ‚normalem’ Beruf?

Emilija Mitrovic: Es ist nicht notwendig, Sexarbeit als ‚normalen’ Beruf anzuerkennen, sondern den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die ‚normalen’ Arbeitsrechte zu gewähren. Diese Sichtweise entspricht auch, kurz gefasst, der gewerkschaftlichen Position, wie sie etwa von ver.di vertreten wird.

Der Vorteil einer Anerkennung der Sexarbeit als Beruf: Es ist ein erster wichtiger Schritt, um gegen die Doppelmoral anzugehen, mit der Sexarbeit immer noch behandelt wird, und es ist ein Schritt zur Enttabuisierung dieses Arbeitsfeldes. Erst wenn diese Schritte gegangen sind, kann man vernünftig über die Ausbeutung und die Gewaltverhältnisse sprechen, in denen viele SexarbeiterInnen leben und arbeiten.

Ein Nachteil, den viele SexarbeiterInnen selbst betonen, ist die Veröffentlichung ihres Er­werbs. Viele wollen sich nicht ‚outen’. Sie fürchten die Öffen­tlich­keit und ziehen ein Doppel­leben vor. Auch deshalb lehnen sie Vor­schriften wie zum Beispiel in Dortmund ab, wo ein Ge­werbe­schein erforderlich ist, wenn sich mehr als drei Prosti­tuierte eine Wohnung als Arbeitsplatz teilen. Die damit verbundene namentliche Regis­trierung wird von vielen Betroffenen kritisch gesehen.

Wie definieren Sie ‚freiwillige Sex­arbeit’?

Eine pragmatische Definition wäre, dass eine oder einer sich frei dazu entschieden hat, auf diese Weise Geld zu verdienen bzw. so den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dazu muss kommen, dass sie oder er keine großen Abgaben leisten muss. Zwar gibt es indirekte Ausbeutung etwa durch hohe Mietforderungen oder andere Zwänge, die auch sonst in Er­werbs­arbeits­ver­hält­nissen bestehen. Frei­willigkeit heißt in Bezug auf Sexarbeit auch, dass sie in dieser Wohnung oder diesem Etablissement arbeiten, ohne dass sie festgehalten werden oder sonst ein Zwang oder Druck auf sie ausgeübt wird.

Welche Gründe haben Menschen, sich für Sexarbeit als Erwerbsquelle zu entscheiden?

Der ausschlaggebende Grund lautet: Geld verdienen, und zwar relativ schnell relativ viel. Dahinter können Schulden stehen, aber auch der Wunsch nach größeren Anschaffungen, der über andere Arbeit längst nicht so schnell erfüllt werden könnte.

Was brauchen SexarbeiterIn­nen am Dringendsten – an gesell­schaft­lichen Veränderungen oder kon­kre­ten Hilfen?

Am wichtigsten sind konkrete bundeswei­te Umsetzungsrichtlinien für das Prosti­tu­tionsgesetz, da alle Länder das Gesetz unterschiedlich auslegen. Zum Teil wird das Gesetz auch gegen die Betroffenen gewendet.

Auch muss die Situation der MigrantInnen in diesem Bereich dringend verbessert werden. Sie müssen entkriminalisiert werden und alle Rechte bekommen, die sie brauchen, um hier sicher und selbständig als SexarbeiterInnen tätig zu sein. Dazu gehört natürlich ein gesicherter Aufenthaltsstatus. Solche Maßnahmen wären auch die einzige Methode, um wirksam gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel vorzugehen. Denn je mehr Rechte die Frauen haben, desto besser können sie sich gegen Gewalt und Ausbeutung zur Wehr setzen.

Ist eine Gesellschaft ohne Sexarbeit denkbar/wünschenswert?

Tja, das ist eine sehr utopische Frage. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird es Sexarbeit immer geben, und auch im Realsozialismus gab es sie – wenn auch tabuisiert und versteckt. Es würde erst dann keine Prostitution mehr geben, wenn es auch keine Ausbeutungsverhältnisse mehr gäbe, wenn tatsächlich Gleichheit der Menschen und der Geschlechter herrschte und die patriarchale Verlogenheit, die noch immer im Umgang mit Sexarbeit vorherrschend ist, keinen Bestand mehr hätte. Auch die Ehe müsste dann abgeschafft sein.

Wünschenswert wäre, wenn Menschen ihre Sexualität frei ausleben und ohne Ausbeutung selbst gestalten könnten.

Emilija Mitrovic ist Sozialwissenschaftlerin und Dozentin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg für den Themenbereich Prostitution und Frauenhandel, Mitglied im Bundesvorstand des BdWi und Mit-Initiatorin des Ratschlags Prostitution in Hamburg.

 

Fünf Fragen an Ingrid Strobl

sul serio: Was sind die Vor- und Nachteile einer Anerkennung von Sexarbeit als ‚normalem’ Beruf?

Ingrid Strobl: Ein Vorteil: Die Frauen – da ich ausschließlich mit weiblichen Prostituierten gearbeitet habe und befreundet bin, beschränke ich mich hier auf Frauen – können sich versichern lassen. So weit ich weiß, haben das jedoch noch nicht allzu viele getan.

Nachteile: Die Frauen auf dem Straßen­strich werden ständig von Beamten des Finanzamts genervt, die Steuern von ihnen kassieren wollen. Wie diese Steuern berechnet werden, ist den Frauen ziemlich unklar. Die meisten finden sie viel zu hoch, denn sie verdienen in all den Stunden, die sie herumstehen, nicht unbedingt auch Geld. Zudem ist die Bezeichnung ‚Vergnügungssteuer’ der blanke Zynismus, denn mit Vergnügen hat der Job für die Prostituierten nichts zu tun.

Wie definieren Sie ‚freiwillige Sex­arbeit’?

Wenn eine Frau beschließt, als professionelle Prostituierte zu arbeiten oder sich dadurch etwas dazu zu verdienen, tut sie es ‚freiwillig’ – sofern sie über ihre Arbeitszeiten und -plätze selbst bestimmen kann und das Geld, das sie einnimmt, nicht an einen Zuhälter abgibt.

Die Grenzen sind allerdings fließend. Auch heroinabhängige Frauen gehen an­schaffen und tun dies ‚freiwillig’ in dem Sinne, dass kein anderer Mensch sie dazu zwingt. Sie werden jedoch von der Sucht dazu gezwungen. Wenn sie Beschaffungs­kriminalität meiden wollen und damit die Gefahr, dass sie selbst oder ihr Freund (wieder) in den Knast kommen, bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als auf den Strich zu gehen. Wirklich freiwillig ist das also nicht.

Man sollte auch auf keinen Fall freiwillig mit gerne verwechseln. Auch professionelle Prostituierte machen den Job nicht gerne, viele würden ihn lieber heute als morgen hinschmeißen, wenn sie eine andere Möglichkeit sähen, sich (und die Familie) zu finanzieren.

Welche Gründe haben Menschen, sich für Sexarbeit als Erwerbsquelle zu entscheiden?

Die Frauen, mit denen ich in mittlerweile 30 Jahren gesprochen habe, hatten vor allem zwei Gründe. Grund eins: Akuter oder chroni­scher Geldmangel. Unter diesen Grund fällt auch die Be­schaf­fungs­prosti­tu­tion, allerdings in verschärftem Maße, denn auf neue Kleider, Essen, etc. kann mensch zur Not mal verzichten, nicht aber – als Süchtige – auf den Stoff. Grund zwei: Ein Mann hat sie überredet oder gezwungen oder auch beides. Zusammen mit dem Geldmangel hält der Zwang durch den oder die ‚Liebe’ zum Zuhälter die Sache am Laufen. Viele haben auch die Haltung internalisiert, eine Frau könne ‚zur Not immer die Beine breit machen’.

Den Begriff Sexarbeit finde ich verharmlosend. Er suggeriert, Prostitution sei eine Arbeit wie jede andere auch. Das ist sie aber nicht. Die Frau verkauft ihren Körper und damit ein Stück von sich selbst. Das gängige Argument, mit Prostitution verdiene eine Frau in kurzer Zeit viel mehr Geld, als wenn sie für einen Billiglohn putzt, kellnert oder im Frisiersalon steht, verkennt die konkrete Realität. Es ist etwas völlig anderes, ob ich einen Boden wische oder jemandem die Haare schneide, oder ob ich fremde Penisse in mich eindringen lasse und in den Mund nehme. Der Mensch ist eine Einheit aus Körper und Geist. Was mit dem Körper geschieht, hat immer Auswirkungen auf den Geist, die Gefühle, das Selbstverständnis.

Was brauchen SexarbeiterInnen am Dringendsten – an gesellschaft­lichen Verän­derungen oder konkre­ten Hilfen?

Grundsätzlich wollen die Frauen als vollwertige und gleichwertige Menschen respektiert werden. Sie wollen von niemandem verächtlich, herablassend oder sonst wie diskriminierend behandelt werden. Sie wollen nicht begafft und bestaunt werden. Sie wollen in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen, sie wollen mit Kondomen arbeiten – was die meisten Freier nicht wollen – und für ordentliche Bezahlung – wozu viele Freier auf dem Straßenstrich auch nicht bereit sind.

Die Frauen vom legalen Drogenstrich am Stadtrand von Köln hatten folgende Wunschliste, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern (und die Frauen auf dem ‚normalen’ Kölner Straßenstrich antworten, wenn man sie danach fragt, ganz ähnlich): Licht, also ausreichende Beleuchtung der Straße; Bänke, um sich hinsetzen zu können, wenn nichts los ist; Unterstände, um Schutz vor Regen und Schneefall zu finden; Möglichkeiten, bei Übergriffen rasch Hilfe zu bekommen.

Die Frauen auf dem Drogenstrich müssen raus aus der Illegalität. Sie werden von der Polizei und dem Ordnungsamt gejagt, vertrieben, mit Platzverweisen belegt. Deshalb trauen sie sich nicht, sich die Freier, in deren Wagen sie steigen, kritisch auszusuchen und riskieren oft genug Vergewaltigung, schwere Verletzungen oder gar den Tod.

Ist eine Gesellschaft ohne Sexarbeit denkbar/wünschenswert?

Ja, unbedingt. Sexualität ist ein Grund­bedürfnis des Menschen, und gelebte Sexualität verschafft Lustgefühle, Wohlbefinden, Glück. In einer idealen Gesellschaft werden Menschen nicht zu Waren degradiert, sondern respektieren einander als gleichwertige Wesen. Dann wäre Sexualität etwas, das nicht mit einer Dienstleistung oder einer Ware verwechselt wird, sondern etwas, das sich zwischen zwei gleichermaßen beteiligten und sich gleichermaßen begehrenden menschlichen Wesen abspielt und beide gleichermaßen beglückt.

Ich denke allerdings, es wird immer Menschen (vorzugsweise Männer) geben, die auch sexuell den Ego-Kick und die Ent­fremdung der/des Anderen brauchen. Ideal wäre eine Gesellschaft für mich dann, wenn niemand auf Grund von Armut, Ausbeutung oder der Notwendigkeit, sich Geld für teure – weil illegale – Drogen zu beschaffen, dazu gezwungen ist oder sich gezwungen fühlt, andere sexuell zu bedienen.

 

Ingrid Strobl lebt als freie Autorin in Köln. Sie arbeitet für Print, Hörfunk und Fernsehen. Zuletzt erschien von ihr Es macht die Seele kaputt. Junkiefrauen auf dem Strich (Orlando-Verlag, 2006). www.ingrid-strobl.de

Die Interviews führte Neelke Wagner.

 

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