Plattenkritik: Stellen Sie sich vor: London, 1999

 
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Herr Stenzel


Herr Smith sitzt an seiner Orgel und denkt an die Zeit in den 50ern, 60ern und 70ern, als er berühmt war, auf Jazzfestivals spielte und ordentliche Plat­ten­verkäufe hatte. Nun spielt er vor einem essen­den Publikum, das sich während des Konzertes auch noch laut unterhält. Obwohl ich zu der Zeit Urlaub in London machte, war ich nicht dort, es war leider unfassbar teuer. Andererseits hat er es ja noch gut getroffen – im Vergleich zu Menschen wie Toni Marshall, die bei Baumarkteröffnungen singen müssen und daran noch viel leichter zerbrechen können.

Wie aber wird das wohl in 30 Jahren sein, wenn unsereins um die 60 ist, und die Bands und Interpreten unseres Vertrauens ebenfalls? Stellen Sie sich vor: London 2035, in einer Hotelgaststätte spielen Bloc Party. Sie sitzen gemütlich mit ihrem dritten Mann (oder ihrer dritten Frau) beim Essen, unterhalten sich ein wenig über den schönen Englandurlaub und lauschen nebenbei der Band, zu der Sie in den 00ern wild herumgehüpft sind. Mensch, was waren das noch Zeiten, 2007, da war „A Weekend In The City” die erste relevante Platte des Jahres. Sie fanden sie damals recht gewöhnungsbedürftig, als Sie sich aber mit ihr angefreundet hatten, fanden Sie die Scheibe ganz toll.

Aber das war eh eine spannende Zeit, nach der ganzen elektronischen Musik der letzten Jahre wurden nun endlich wieder Bands gegründet, mit richtigen Gitarren, und auch Sie spielten in einer solchen. Gut, erfolgreich waren Sie nie, einen Tonträger (die es damals ja noch gab), haben Sie nie rausgebracht, aber Ihre Seite auf Myspace war doch recht erfolgreich, Ihre Songs wurden oft heruntergeladen. Es war schon symptomatisch für die Zeit. Eine Band wie Jeans Team, die vorher tollen Elektropunk und -pop machte, brachten „Kopf auf” raus, eine Platte, die plötzlich klang, als wäre sie von einer richtigen Band eingespielt worden und nicht nur von Nerds auf ihren Laptops programmiert. Und das klang toll. Oder Cassius, zwei French House - Programmierer mit Titeln wie „Cassius 1999”, wurden mit dem Album „15 again” eine Band mit Instrumenten. Fein war das damals.

Und nun bekamen Sie von Ihrem/r Partner/in diese Reise geschenkt und siehe da, Bloc Party spielen in Ihrem Hotel. Klar, dass Sie sich das nicht entgehen lassen, früher waren die ja auch immer ausverkauft. Gut, die letzten drei Alben haben Sie gar nicht mehr gehört, aber das ist ja auch egal, die werden ja sicherlich auch ihre alten Hits spielen. Und Sie denken zurück, gleiche Zeit, als Sie eine Phase hatten, in der Sie sich viele alte Helden angeguckt haben: Deep Purple war dabei, die zusammen mit Alice Cooper die Max-Schmeling-Halle gerockt haben, Arrested Development, die live unfassbar gut waren und eine Stimmung verbreiteten, der sich niemand entziehen konnte. Und dann haben Sie, nachdem Sie lange Zeit House verachtet und für langweilig befunden haben, entdeckt, dass das doch gar nicht so schlecht ist: Sie hatten im Café Moskau Basement Jaxx gesehen, und dabei ist nicht nur ein Funke übergeflogen, die beiden Briten haben vielmehr mit ihren drei Sängern einen Flächenbrand angezettelt, der sich gewaschen hatte. Nie zuvor hatten Sie auf einem Konzert die Arme in die Luft geworfen und so Unfug, den Sie sonst aus Peinlichkeitsgründen vermeiden. Seitdem haben Sie sich alle ihre Alben gekauft, auch das „Crazy Itch Radio”, eines Ihrer Lieblingsalben, das Sie anfangs ebenso irritiert hatte wie schon das zweite Bloc Party-Album.

Nun ja, Ihr Essen ist vorbei, die Band spielt fast nur neue Stücke, die Sie nicht kennen, also gehen Sie mit ihrem Mann (oder ihrer Frau) lieber noch woanders hin, in eine ruhige kuschelige Bar, in der sie Hip Hop - Oldies spielen. Pharrell Williams zum Beispiel, der 2006 das großartige Album „In My Mind” herausbrachte und außerdem auch einige tolle Tracks produzierte, zum Beispiel auf dem Album „The Sweet Escape” von Gwen Stefani, wo er für die besten Stücke verantwortlich zeichnete. Ob sie hier auch deutsche Sachen spielen? Dendemann fällt Ihnen da ein, das war doch auch in der Zeit, als er „Die Pfütze des Eisbergs” veröffentlichte und Sie dachten beim Hören von Tracks wie „Endlich Nichtschwimmer” an ganz früher, als Sie Hip Hop für sich entdeckten, die Fantastischen Vier nach ihrer ersten Platte live gesehen haben, in einem sehr kleinen Club, und begeistert waren.

Aber das ist eine andere Geschichte, die Sie mir später mal erzählen müssen!

 

Herzlichst, Ihr Herr Stenzel

 

Herr Stenzel ist Künstler, DJ und Schrifsteller. Er arbeitet für einen Kleinstadt-Radiosender als Berlin-Korrespondent, v.a. für die Bereiche Musik, Kunst und Kultur. Außerdem rezensiert er auf www.guteware.de v.a. neue DVDs.

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