Nach der Hurenbewegung

Autor_in: 
Dorothea Müth
Christian Schröder

Katharina Cetin und Joanna Lesniak von der Berliner Beratungsstelle HYDRA über Sozialarbeit für Prostituierte – zwischen Aktivismus und Professionalisierung.

sul serio: Welche Frauen kommen zu Hydra?

Katharina: Frauen mit sehr unterschiedlichen Anliegen: Es kommen Frauen, die ihr Gewerbe professionalisieren wollen. Das sind Frauen, die selbstbestimmt und sehr klar sind in dem, was sie möchten. Ich biete ihnen Beratung zum Thema, wie mache ich mich selbständig. Da habe ich das Gefühl, die kommen gut zu Recht mit der Tätigkeit. Dann gibt es Frauen, die grenzüberschreitende Erfahrungen gemacht haben, eventuell auch Gewalterfahrungen. Es gibt auch viele Frauen, die durch die Tätigkeit einen psychischen Schaden davongetragen haben. Oder sie sind aufgrund ihrer psychischen Verfassung in die Prostitution gegangen. Es gibt wirklich viele Facetten.

Joanna: In der letzten Zeit kommen zunehmend ‚reife‘ Frauen, weil sie woanders nicht Fuß fassen können. Es kommen nicht nur deutsche, sondern auch ausländische Frauen, die wir über Streetwork kennen lernen. Manche wollen bei uns auch erstmal abhängen, weil sie woanders diese Möglichkeit nicht haben.

Es gibt mehrere Einrichtungen in der Stadt für Prostituierte. Subway bietet Hilfe für männliche Stricher, das Café Olga ist ein Treffpunkt für Frauen, die in der Beschaffungsprostitution arbeiten. Wodurch unterscheidet ihr euch eigentlich von der Beratungsstelle Ban Ying?

Katharina: Ban Ying beschäftigt sich mit Frauen aus Südostasien, vor allem mit Menschenhandelsopfern. Dabei geht es nicht nur um sexuelle Ausbeutung, sondern auch um Ausbeutung der Arbeitskraft oder ‚Katalog-Ehen’.

Joanna: Wir arbeiten mit Ban Ying zum Thema Gewalt an Frauen in Migrations­prozessen zusammen. Hydra ist es aber wichtig, keine Vermischung zu haben. Gerade im letzten Jahr bei der Debatte zur Fußball-WM wurde deutlich, wie die Be­kämpfung der Zwangsprostitution dazu geführt hat, dass alle christlichen und konservativen Gedanken in die Richtung gegangen sind, Freier zu bestrafen und Prosti­tution abzuschaffen. Die Diskussion zum Thema Zwangs­prosti­tu­tion ist in den letzten zehn Jahren so eingleisig geführt worden. Das hat dem ganzen Bereich einen Rück­schlag gegeben und das ist nicht, was wir wollen.

Was ist euer Ansatz? Welche Politik verfolgt ihr?

Katharina: Wir sagen: Prostitution ist ein Vertrag zwischen zwei erwachsenen Menschen, die einvernehmlich etwas entscheiden – freiwillig. Das, worauf sich Ban Ying konzentriert, ist Gewalt gegen Frauen, Nötigung etc., aber es ist keine Prostitution. Es gibt auch keine Zwangs­küchen­mädchen. Deswegen finde ich es relativ schwierig, den Begriff Zwangsprostitution zu benutzen, weil er aufgrund des zweiten Wortes immer mit dem in Verbindung gebracht wird, was wir mit Prostitution bezeichnen.

Joanna: Ich sage immer, dass ich zum Thema Zwangsprostitution arbeite, obwohl wir den Begriff überhaupt nicht mögen. Dann kriege ich eine ganz andere Aufmerksamkeit bei meinen ZuhörerInnen als wenn ich sage: Ich arbeite bei einem Hurenprojekt. Es wird dann eher als etwas Missionarisches wahrgenommen, dass wir den Frauen helfen wollen.

Neben dem Artemis in Charlottenburg soll ein zweites Großbordell in Berlin entstehen. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen mobilisiert dagegen. Wie ist Eure Position?

Katharina: Wir finden es immer sinnvoll, wenn Frauen selbständig arbeiten können. Das können sie besser in einer Wohnung, die sie selbst angemietet haben und wo sie sich die Frauen aussuchen, mit denen sie zusammen arbeiten. Ich hab mir das Artemis angeschaut: Nach außen hin ist es ein sehr ‚schön‘ wirkender Arbeitsplatz. Es gibt gute hygienische Verhältnisse etc. Auf der anderen Seite gibt es diverse Anzeichen, bei denen ich sagen würde: auf gar keinen Fall dort arbeiten! Offiziell arbeiten dort alle selbständig. Trotzdem gibt es Arbeitsanweisungen, es ist also eigentlich eine Scheinselbständigkeit. So müssen die Frauen ohne Kondom anblasen und die Männer schon im Bar-Bereich scharf machen. Das bedeutet: Arbeiten ohne Geld. Ich wollte das nicht. Eigentlich sind das sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Dagegen wehren sich aber die Betreiber, weil sie sich dumm und dusselig zahlen müssten, wenn sie 100 Frauen anstellen würden.

Du sagst, das sind eigentlich sozialversicherungspflichtige Verhältnisse. Heißt das, sie haben einen Arbeitgeber und feste Arbeitszeiten, aber nicht die entsprechenden Rechte?

Katharina: Das Artemis ist so strukturiert: Frauen und Männer zahlen Eintritt, wobei Frauen gewisse Vergünstigungen haben. Aber ihr Verdienst wird erst hinterher gezahlt. Ich als Prostituierte würde das Geld immer vorher kassieren. Das heißt, es wird ein Preis ausgemacht, der wird gezahlt und dann geschieht die Dienstleistung – und zwar zum Schutz der Frau. Wenn im Artemis ein Gast sagt, ich war nicht zufrieden, ich bin nicht gekommen oder sonst was, dann hat die Frau Pech ge­habt. Für mich ist Selbständigkeit: Ich kann bestimmen, wie ich meine Arbeit regele. Diese Möglichkeit haben die Frauen dort nicht. Meiner Ansicht sollten sie einen Arbeitsvertrag kriegen, in dem nur zweierlei bestimmt wird und zwar Ort und Zeit.

Joanna: Wenn in einem Gewerbegebiet ein neues Großbordell aufgemacht wird und genehmigt wurde kann man letztendlich nichts mehr dagegen tun.
Was hat sich in den letzten Jahren in der Prostitutionsszene in Berlin insgesamt verändert?

Katharina: Die Verdienstmöglichkeiten sind geschrumpft. Aber das ist auch in anderen Städten so. Frauen erzählen, dass man in den 1980er Jahren wirklich gutes Geld verdienen konnte. Nach der Umstellung auf den Euro haben sich zwar die Lebenshaltungskosten angeglichen, nicht aber die Bezahlung für Prostituierte. Die ist immer noch auf DM-Stand. Das Preisniveau sinkt.

Was passiert auf der Oranienburger Straße? Die hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Dort ist es sehr chic geworden und es scheint, als hätte sich der Straßenstrich immer weiter ausgedehnt.

Katharina: In der Ecke gibt es ein großes Touristenaufkommen und die Reisebusse fahren inzwischen extra wegen des Straßenstrichs da entlang. Wir nennen ihn den ‚Barbiestrich‘, weil die alle gleich aussehen: Lange Haare, ganz eng geschnürte Taille und hohe Stiefel. Ich dachte immer, dass Frauen sehr ungern auf der Straße arbeiten, habe dann aber von einigen gehört, dass sie im Gegenteil gern auf der Straße arbeiten. Wir haben sehr wenig Kontakt zum Straßenstrich, weil die Frauen keine Schwierigkeiten mit dem Baurecht oder Sonstigem haben. Der “Barbiestrich” ist auch sehr organisiert. Einmal im Jahr laufen wir da entlang. Das ist am 2. Juni, dem internationalen Hurentag. Dann verteilen wir Lilien, das florale Symbol für Prostitution. Aber es ist schwierig, weil es da Männer gibt, die auf einen zukommen und sagen: Hier wird nicht ge­quatscht. Die Frau muss arbeiten.

Ist die Hurenbewegung in letzter Zeit stärker geworden?

Katharina: Sie ist geschrumpft. Die Frauen sind ausgebrannt und haben es aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation schwer, den Alltag zu bewältigen. Da fehlt aufgrund der Lebenssituation die Energie, sich politisch zu engagieren. Es gibt natürlich Ausnahmesituationen: etwa als die Finanzbehörden in Berlin versuchten, eine Pauschalbesteuerung für Sexarbeiterinnen einzuführen. Der Protest dagegen war so ein Aufflackern, aber letztendlich ist es sehr schwierig Mitstreiterinnen zu finden.

Joanna: Ich finde das sehr schade. Es wurde viel über die Frauen in der Prostitution geredet und für sie entschieden. Sehr oft sind sie nicht diejenigen, die Mitspracherechte haben. Auch bei uns ist das so, weil nicht jede die Erfahrung der Prostitution hat. Wir hören manchmal, dass die Frauen sich von uns Sozialarbeiterinnen bevormundet fühlen.

In den letzten Jahres haben sich zunehmend Ausstellungen und Filme mit Sexarbeit beschäftigt. Wie ist eure Einschätzung dazu?

Katharina: Kommt darauf an. Auf einem privaten Fernsehsender sah ich neulich, wie eine Frau begleitet wird, die in das Gewerbe einsteigen will, ein relativ junges Mädchen. Sie wurde komplett dabei beobachtet, wie sie es macht und was sie für einen Ekel hat. Es ist eine heikle Entwicklung, diesen Voyeurismus zu bedienen. Ausstellungen wie letztes Jahr in Hamburg mit dem Titel Sexarbeit:Prostitution - Lebenswelten und Mythen finde ich sehr gut: Da ging es wirklich darum, was für unterschiedliche Arbeitsplätze es gibt und um die Entwicklung der Hurenbewegung.

Joanna: In den letzten Jahren gibt es zunehmend Bewegung beim Thema Sexarbeit, die sowohl aus Indien, als auch aus Kanada oder Südamerika kommt. Es entsteht eine weltweite Lobby der Anerkennung als SexarbeiterIn. Es geht nicht mehr nur um Frauen, sondern um Männer und Frauen, und auch um transsexuelle Menschen. Und es stellt sich die Frage: Prostitution und Sexarbeit – ist das ein oder sind es zwei Begriffe? Deswegen gibt es zunehmend Kunstprojekte, die sich damit auseinandersetzen. Ein Projekt aus Kanada hat es auf die lustige Art gemacht: Sie haben Hackenschuhe mit Sicherheitssystem hergestellt. Die Frau kann in ihrem Täschchen eine Klingel anmachen, wenn sie sich von einem Typen schon verbal angegriffen fühlt. Die Schuhe leuchten dann und ihre Kolleginnen wissen, sie müssen etwas unternehmen. Sozialarbeit ist eben nicht der einzige Weg.

Das Gespräch führten Dorothea Müth und Christian Schröder.
 

Hydra - Treffpunkt und Beratung für Prostituierte

Sieben Mitarbeiterinnen beschäftigen sich mit den Themen Gewalt gegen Frauen, Migrations­prozesse, Prostitution und Menschenhandel. Sie machen Streetwork und kümmern sich seit 2003 außerdem um Frauen in der Ab­schie­be­haft. Angeboten wird Einstiegsberatung für Frauen, die sich mit Prostitution selbständig machen wollen und Ausstiegs-/Umstiegsberatung für Frauen, die überlegen, in einem anderen Bereich zu arbeiten. In den 1990er Jahren veranstalteten engagierte Frauen regelmäßig die legendären Hurenbälle. Parallel zur Pro­fessio­nali­sierung der Angebote ist Hydra mehrfach umgezogen. Aktuell befindet sich die Beratungs­stelle in Berlin-Kreuzberg. Hydra macht Lobby­­arbeit und immer wieder mit provokanten Aktio­nen auf die Situation von Prostituierten aufmerksam: Als Kondome verkleidet gehen sie dort auf die Straße, wo “High-Tech-Herren” zusammentreffen, etwa auf Auto- und Baumessen.

www.hydra-ev.org

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