„Mythen, Masken und Subjekte“

Autor_in: 
Pia Garske

Ein Sammelband diskutiert erstmalig umfassend den Stand der Kritischen Weißseinsforschung in Deutschland

 

Falls an deutschen Universitäten überhaupt über Rassismus diskutiert wird, passiert es oft, dass eine Auseinandersetzung der weißen1 Studierenden und Lehrenden mit diesem Thema auf einer sehr abstrakten Ebene bleibt – rassistisch seien „die anderen“ (weniger gereisten/studierten/fortschrittlichen), Hautfarbe spiele doch keine Rolle, alle Menschen seien gleich und die weißen Studierenden überlegen daraufhin, wie Rassismus abgeschafft werden kann. Solche „Colourblindness“ empfinden viele auch „antirassistisch“ eingestellte, sich als links verstehende weiße Menschen als angemessene Umgangsweise mit dem Problem Rassismus.
Dass diese Einstellung die weiße Position im rassistischen Setting nicht hinterfragt, und weißen Menschen erlaubt, sich selbst und ihre auf Rassimus basierende gesellschaftliche Machtposition unangetastet zu lassen, ist ein zentraler Ansatzpunkt der Kritischen Weißseinsforschung.
Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt hat in den USA die Kategorie „Critical Whiteness“ Eingang auch in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus gefunden. „Mythen, Masken und Subjekte“ macht nun erstmals die Fokussierung auf das „weiße“ Subjekt innerhalb Postkolonialer Theorie und Praxis einem größeren deutschsprachigen Publikum zugänglich. Dabei handelt es sich nicht um eine Übertragung des US-amerikanischen Diskurses, sondern um eine spezifische Untersuchung „deutscher Zustände“ im europäischen Kontext. Der Band versucht, „die Relevanz rassifizierter Hierarchien für die Struktur der bundesdeutschen Gesellschaft insgesamt“ aufzuzeigen.
Die Gestaltung des Buches ist dabei programmatisch: Nach einem „vierstimmigen Dialog“ der Herausgeberinnen versammelt der erste Teil „Der weiße Fleck und das Subjekt“ zuerst Schwarze Perspektiven auf Weißsein. Im zweiten Teil „Übergänge“ schließen sich Texte an, die jeweils sowohl aus Schwarzer/People of Colour- und weißer Perspektive geschrieben sind, der dritte Teil „Weiße Mythen, welche Masken? Kritische weiße Perspektiven“ stellt schließlich Texte weißer AutorInnen vor.
Der Sammelband zeigt, dass Critical Whiteness Studies/Kritische Weißseinsforschung keine neue Entdeckung ist, sondern Erkenntnisse über die Verbindung der Existenz von Rassismus und Weißsein für Minderheiten im „weißen Westen“ „notwendige Überlebensstrategie“ waren und sind. Er würdigt damit die Arbeit von AutorInnen of Colour, die sich gegen die bis heute bestehende Ignoranz des weißen wissenschaftlichen Mainstream  schon lange mit der Dekonstruktion der „pseudo-natürlichen“ Kategorie „Weißsein“ befassen und auf deren Werke die Anfänge „kritischer Weißseinsforschung“ zurückgehen. Die Beiträge des Bandes beleuchten Weißsein und Rassismus aus unterschiedlichsten Blickwinkeln: Kolonialismus und (post-)koloniale Spuren in Deutschland bis heute, Subjektwerdung und Ermächtigung gegen weiße rassistische Entsubjektivierung, Kants „race“ und Rassismus der Aufklärung, das Weißsein des deutschen Rechtssystems, (anti-)rassistische „Weißheiten“ im deutschen Universitätsbetrieb, Farbmetaphorik in der Kunst, Feminismus und Weißsein, Schwarze Kultur (-schaffende) im weißen deutschen Kulturbetrieb, Rassismus in der Psychologie, weiße Verleugnung von Rassismus, historische Zusammenhänge zwischen „Weißsein“ und „Deutschsein“.
Die Unterschiedlichkeit der insgesamt 42 Beiträge macht deutlich, wie überfällig eine breite wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kategorie „Weißsein“ ist, und dass sie eine Antwort (unter anderen) auf das von Paul Gilroy zurecht proklamierte „Ende des Antirassismus“ sein kann. Doch dabei, so bemerkt Peggy Piesche, „kann es nicht darum gehen, eine weiße „antirassistische“ Kritikelite zu bilden, die ihr eigenes Weißsein analysiert und von dieser Nische aus Diskurse produziert, die es ihr ermöglichen, sich wieder in ihrer eigenen weißen Progressivität zu verlieren“. Der Sammelband steht deshalb für eine Schwarze Kritik an hegemonialen, exklusiven weißen Diskursen – auch denen der kritischen „Selbstrepräsentation eines (antirassistischen) Weißseins“ und gibt angesichts eines sich zusehends verschärfenden Normalisierungsdrucks des „Weißen“, „Deutschen“ und „Christlichen“ notwendige und weitreichende Denkanstöße.


Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast-Verlag, Münster 2005, 24 Euro, 550 Seiten

 

Endnoten:
1  Die Schreibweise entspricht der im Buch

 

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