Musikrezensionen

 
Autor_in: 
Theo Kraevin


Portishead
Third
Island (Universal)

Unbeschreiblich groß war die Freude, als ich erfuhr, dass Portishead ein neues Album herausbringen werden. Die alten Songs haben einen festen Platz in meinem Musikgedächtnis, aber mit ihnen beschäftigt habe ich mich schon lange nicht mehr. Ist ja auch schon ein paar Jahre her.
Ich drücke auf Play und ein treibendes Schlagzeug und eine fiepende Gitarre erklingen. Die Musik zieht an, wird dichter, bricht ab und dann ist da Beth Gibbons Stimme, getragen von einem vertraut klingenden Bass. Die zehn (!) Jahre seit dem letzten Album sind wie weggewischt, Portishead sind wieder da und waren nie weg. Musikalisch hat sich einiges geändert, sie sind sperriger geworden. Die Beats sind teilweise schneller und vertrackter, anstatt der bekannten und geliebten Scratchattacken bringen jetzt Noisegitarren Konfusion und Unordnung in die melancholische Welt von Portishead. Gerade nach einer so langen Pause war es klar, dass sich Third auch an den Vorgängeralben messen lassen muss.
Das ist allerdings nicht wirklich möglich. Die dichte Atmosphäre schließt nahtlos an den alten Werken an. Und als hätte die Band die vergangenen Jahre mit nichts anderem als Musik hören verbracht, werden die verschiedensten Stile zitiert und in das bewährte Klangbild eingebettet. ‚We carry on‘ – sicherlich einer der außergewöhnlichsten Tracks – kann am ehesten mit einem runtergepitchten Rhytmussample von der 1960er Legende The Monks in Verbindung mit Gitarrenkrach á la Sonic Youth beschrieben werden. Die Single Machinegun ruht auf einem kalten, monotonen Industrialbeat. Deep Water ist ein kurzes Intermezzo mit Ukulele, und, und, und... Dabei klingen sie nie übertrieben oder gezwungen experimentell. Und sowieso und überhaupt thront über der ganzen Platte diese engelsgleiche Stimme, die zärtlich, zerbrechlich, verzweifelt, stark und selbstbewusst ist und das Gesamtkunstwerk wie eine Klammer zusammen hält. Alles irgendwie anders, aber alles immer Portishead. Genial!

  

Benga
Diary of an Afro Warrior
Neuton Med (rough trade)

Die Platte für jede Gelegenheit und definitv eine der feinsten Platten für diesen Sommer. ‚You‘re listening to Benga, diary of an afro warrior‘ begrüßt uns eine Vocoderstimme, und es erklingt ersteinmal ein wenig klassisch entspannte Fahrstuhlmusik, bis es dann richtig BUMMS macht. Eine Mörderbassline, die wie ein zehn Meter großer Brüllfrosch klingt, gibt den ersten Vorgeschmack auf das was Benga uns da aufgetischt hat. Der britische Garage und Dub Produzent setzt auf Vielseitigkeit und bringt das gesamte Arsenal an verfügbaren Schlagwerkzeugen mit ein. Egal, ob Claps, Kuhglocken, Steeldrums, Kickdrums, Toms, whatever. Sie werden eingespielt, durch die Filterbank gejagt und mit mächtigen Bässen und treibender Elektronik zusammengemixt. Der Cocktail, der dabei entsteht, schmeckt nicht nur herrlich, sondern knallt auch wie Hölle. Ob zum Frühstück oder zum Feiern, beim Liegen auf der Wiese oder Laufen durch die Straßen, Benga erfrischt immer.

  

Pluxus
Solid State
Kompakt Sc (rough trade)

Das Kölner Label Kompakt steht nicht nur für grundsolide Tanzmusik, sondern veröffentlicht auch immer wieder vielfältige und innovative elektronische Musik. So haben sie jetzt den 2006er Release der schwedischen Kombo Pluxus neu auf den Markt gebracht. Ursprünglich nur in ihrem Herkunftsland im Selbstvertrieb erschienen, bekam diese Perle nur geringe Aufmerksamkeit. Dabei präsentieren sich die zehn – irgendwo zwischen Ambient und IDM angelegten – Tracks erfrischend abwechslungsreich. Kurzweilig manövrieren sich die drei Schweden durch skandinavisch aufgeräumte Soundlandschaften. Die musikalische Reise führt durch groovende Elektronik und chillige Akkustikparts. Fließende Strukturen wechseln sich mit gebrochenen Beats ab und hin und wieder wird noch ein Gang zurück geschaltet und zum verweilen eingeladen. So weben Pluxus einen Klangteppich, bei dem auch nach dem fünften Durchlauf nicht auffällt, dass der Player eigentlich auf Repeat steht.

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