Mein Blick auf die Welt

 
Autor_in: 
Lars Bretthauer

 

Gesellschaftsanalyse wird immer von einem bestimm­ten Ort und aus einer spezifischen Perspektive unternommen. Das Erkenntnissubjekt ist der gesellschaftlichen Realität nicht vorgängig, sondern immer schon durch sie subjektiviert und in ihren Erkenntnismöglichkeiten geprägt. In seinem sehr lesenwerten Buch „Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell“ stellt sich Klaus Theweleit diesen philosophischen Lehrformeln mit der Frage, inwiefern Gesellschaft aus der Perspektive des Fußballsozialisierten verstanden werden kann. Das Lehrobjekt ist erfrischenderweise Theweleit selber: entlang seiner eigenen fußballbegeisterten Biographie schildert er seine subjektive Erschließung der Welt durch den Fußballsport als Realitätsmodell. Angefangen mit der Kartographierung Deutschlands durch die dort ansässigen Fußballclubs, der Formalisierung der sozialen Realität durch eine Vielzahl unterschiedlichster Tabellen, der Ausbildung subjektiver Bezüge wie Teamgeist aber auch das unbeliebte „Gewinnen-Müssen“ durch das Spielen in einer Fußballmannschaft, bis zu den ersten kollektiven Leidenserfahrungen im Fußballstadion – der/die Fußballsozialisierte weist doch so einige spezielle Eigenschaften auf.
Inwiefern das Realitätsmodell Fußballs „speziell fußballerische“ Einsichten ausbildet, stellt dabei die immer wieder neu beleuchtete Kernfrage des Buches dar. Theweleit betont gegenüber undifferenzierten Gesellschaftsverständnissen mit gutem Grund die spezifische Eigendynamik des Fußballspiels – trotz seiner medialen Inszenierung, politischen Instrumentalisierung und ökonomischen Ausbeutung. So entwickelte der Fußball als Spiel mit eigenen Regeln etwa historisch spezifische Raumverständnisse, deren Größe sich durch die abwehrende Viererkette zunehmend verkleinerte und sich im Sinne einer „Digitalisierung“ netzwerkförmig strukturierte (Sonderlob: Zidane). Explizit gegen das Gesellschaftsmodell Luhmanns gerichtet zeichnet Theweleit jedoch an vielen Stellen nach, warum der Fußball nicht als autonomes Subsystem, sondern als von anderen gesellschaftlichen Verhältnissen wie kapitalistischen Arbeitsbeziehungen, staatlicher Politik und Kunst durchzogenes System verstanden werden sollte.
Die Mischung aus Fußballverstand sowie gesellschaftswissenschaftlichem Interesse macht Theweleits Buch zu einem Lesegenuss für jeden Fußballfan oder/und Gesellschaftsinteressierten. Dabei geht die emotionale Bindung zum Spiel ebenso wie die subjektive Meinung über Entwicklungen innerhalb des Fußballs erfreulicherweise nicht verloren. Die Deutlichkeit, mit der Theweleit den mittlerweile üblichen oberlehrerhaften Gestus der Fußballberichterstattung als „totalitären Scheißdreck“ zurückweist, zeugt beispielhaft von den drei Aspekten, die das Buch in jedem Fall lesenwert machen: analytische Schärfe, politische Urteilskraft und der Standpunkt des Fußballsozialisierten, der letztendlich eine „Kritik von oben“ – sei sie journalistisch oder wissenschaftlich - als überflüssig markiert.

_____________________________________________Buchcover

Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell. Klaus Theweleit, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. EUR 9,95 » bei Amazon bestellen

 

 

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