Luftschlösser mit Bodenhaftung

Autor_in: 
Steffen Vogel


Eine Ideenschmiede für die globalisierungskritische Bewegung? Ein weiterer linker Think-Tank? Eine Plattform kritischer Intellektueller? An der amerikanischen Ostküste tagen an einem verregneten Sommerwochenende 2006 knapp drei Dutzend Aktivistinnen, Forscher und Autorinnen von allen fünf Kontinenten und gründen ein Netzwerk: Das International Project for a Participatory Society (IPPS). Das allein wäre nichts besonderes, auch die Beteiligung der alternativen Prominenz (Naomi Klein, Noam Chomsky) hebt das IPPS nicht aus dem No-Global-Mainstream. Was diesen Zusammenschluss auszeichnet: Er bleibt nicht bei der Kritik stehen, sondern will – aus einer zumeist libertären Perspektive – Alternativen und Utopien diskutieren und verbreiten.

Damit stoßen sie in eine klaffende Lücke; denn die nach wie vor stabile Hegemonie des Neoliberalismus resultiert nicht zuletzt aus einem Mangel an Visionen bei seinen KritikerInnen. Die AltermondialistInnen haben früh versucht, Abhilfe zu schaffen. Kaum ein Jahr nach Seattle tagte das erste Weltsozialforum, um zu ergründen, was anders werden muss, damit es besser wird.

Leben ohne Regierung

Es liegt in der Kultur dieser Bewegung, dass bislang keine einheitliche Antwort und schon gar kein Programm gefunden wurden. Und vom süßen Geschmack des Erfolgs konnten zumeist nur die kosten, die an den – oft bedeutsamen – Abwehrschlachten beteiligt waren. Die Französinnen und Franzosen etwa ersparten sich seit 1995 mehrere anti-soziale Sozialreformen und die Europäische Verfassung; soziale Bewegungen bestimmen seit Jahren den politischen Diskurs des Landes, meinte Naima Bouteldja vom Transnational Institute kürzlich im Guardian. In Argentinien erprobten einige Tausend Menschen Ende 2001, wie ein Leben ohne Regierung und in Selbstverwaltung aussehen könnte; die Zapatistas in Südmexiko leben das seit Jahren Tag für Tag. In Venezuela und Bolivien bauen die Regierungen mit Hilfe – und unter dem Druck – sozialer Bewegungen an einer neuen Gesellschaft.

Diese Experimente strahlen weit über kontinentale Grenzen aus, sind aber nicht unumstritten und liefern nur bedingt Blaupausen für den Wandel in anderen Weltgegenden. Weitere Visionen und Alternativen können also nur willkommen sein. Die Aktiven des neu gegründeten IPPS sehen das ähnlich. Sie meiden bewusst den scholastischen Streit linker Theorieschulen. Man will keine Luftschlösser bauen, sondern Fundamente für eine andere Gesellschaft errichten. Diese soll auf „Solidarität, Vielfalt, Gleichheit und Selbstverwaltung“ gründen.

Durruti und Keynes

Den Stein ins Rollen brachte US-Aktivist Michael Albert. Er hat mit „Parecon“ einen Ansatz solidarischer Ökonomie entwickelt und im Verlag South End Press in die Tat umgesetzt. Parecon steht für Participatory Economy und soll als ökonomisches Modell einmal den Kapitalismus ablösen; es funktioniert zugleich als Alternative innerhalb des Systems, wie neben Alberts Verlag weitere nordamerikanische Alternativbetriebe zeigen. Parecon ist eine Art radikaldemokratische Planwirtschaft (den Realsozialismus lehnt Albert strikt ab), in der Produktion und Verteilung an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert sein und zugleich individuelle Potenziale freisetzen helfen sollen. Entscheidungen treffen Föderationen der Beschäftigten und KonsumentInnenräte; wie viel jemand dabei zu sagen hat, hängt von seiner persönlichen Betroffenheit ab. ErzeugerInnen und VerbraucherInnen wägen gemeinsam ökonomische wie soziale Kosten und Nutzen ab. Das Einkommen orientiert sich an Dauer und Intensität der Arbeit sowie der mit ihr verbundenen Mühsal. Kopf- wird der Handarbeit nicht vorgezogen; jede und jeder soll „gemischte Verantwortlichkeiten“ übernehmen, so dass allen ein vergleichbares Maß an Ermächtigung und Lebensqualität während der Arbeit zukommt.

Bei South End Press heißt das: Wer über das literarische Programm mitentscheiden will, muss bereit sein, bestellte Bücher zu verpacken. Und umgekehrt: Ein Mitarbeiter schied aus dem Betrieb, weil es ihn überforderte, neue Titel vorzuschlagen.

Das Parecon-Modell, über das jüngst ein gleichnamiges Buch im Trotzdem-Verlag erschienen ist, nimmt auf der IPPS-Website breiten Raum ein. Zugleich gehört mit Susan George, einer Galionsfigur von Attac France, eine prononcierte Befürworterin keynesianischer Wirtschaftspolitik dem Netzwerk an. Alternativen werden im Plural geschrieben, wie schon ein oberflächlicher Blick auf die Internetpräsenz zeigt, dort entfaltet sich ein Panorama aus historischen Erfahrungen, gegenwärtigen Experimenten und grundsätzlichen Überlegungen. Argentinische Fabriken in Arbei­terInnenselbstverwaltung dürfen genauso wenig fehlen wie Land­kollekti­vierungen während der spanischen Revolution ab 1936. Das IPPS will weder volltönende Programme formulieren, um sie einige Jahre später in Regierungsposition zu verraten, noch auf eine ferne Revolution warten. Es fragt, wie wir vor unserer Haustür beginnen können, die Welt zu verändern.

www.zmag.org/ipps.html

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