Leben im Übergang - Notizen zum Wandel von Arbeit und Gesellschaft

 
Autor_in: 
Sarah Ernst
Gunnar Zerowsky
Serge Goéland
 

Leben im Übergang - Notizen zum Wandel von Arbeit und Gesellschaft

Der sich vor unseren Augen zügig abspielende Wettlauf um die schnellste Reform greift so grundlegend in politische und vor allen Dingen soziale Bereiche ein, dass es manchmal schwierig scheint, den Überblick zu behalten, geschweige denn die Vorgänge zu analysieren. Ein wichtiger Faktor für die schon vollzogenen und noch anstehenden Umgestaltungen ist der Wandel der Organisation der Produktion und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen.

1. Der Traum von der unendlichen Produktion

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich – begleitet von teilweise schweren Auseinandersetzungen und tatkräftigem Widerstand seitens der ArbeiterInnen – eine Wirtschaftsform zu etablieren, die heute unter dem Begriff Fordismus gefasst wird, in memoriam ihrem „Schöpfer“ Henry Ford.
Eines der wichtigsten Schlagwörter dieses Akkumula­tions­regimes (also der konkreten Form des Produktions- und Reproduktionsprozesses) lautet Wachstum, bzw. quantitatives Wachstum oder häufig auch Entwicklung genannt. Es wurde von einem unersättlichen Markt ausgegangen, dessen Bedürfnisse gar nicht zu decken seien, so viel auch produziert würde. Und es wurde viel produziert; die Entwicklung der Bandarbeit, die Zerstückelung des Schaffensprozesses und dessen rationale Aneinanderrei­hung in monotone und unüberschaubare Handgriffe sind grundlegende Voraussetzungen für die heute fest institutionalisierte Massenproduktion. Die Fließbandproduk­tion ermöglichte eine gewaltige Produktionssteigerung; aber bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte sich, dass die Märkte zwar geographisch nicht begrenzt waren, dass aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung (auch in der reichen westlichen Welt) in der Lage war die hergestellten Waren zu kaufen. Die neben anderen Faktoren auch darauf zurück zu führende Weltwirtschaftskrise stellte die erste große Prüfung des neuen Wirtschaftsregimes dar – und um ein Haar wäre es dessen letzte gewesen. Diese Entwicklung war gleichzeitig eine der Voraussetzungen, welche die Einführung wohlfahrtsstaatlicher Regulationsformen bedingten. Die perfekte Kombination einer aggressiven, auf weitest gehende Ausbeutung der einzelnen Arbeitsleistung fokussierten Ökonomie und eines auf Milderung, bzw. Verschleierung der sozialen Konflikte bedachten Gesellschaftssystems waren die Grundlagen für die 50 Jahre währende Prosperität der westlichen Industriestaaten – nicht zu vergessen natürlich die Ausbeutung von „Dritte-Welt-Staaten“.
Wie fließend die Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen Staat und Ökonomie waren, zeigt sich etwa daran, dass der industriellen Produktion keinerlei Rücksichtnahme auferlegt war. Vielmehr galt der charakteristische Aufbau des tayloristisch-fordistischen Akkumulationsregimes jahrzehntelang auch als Ideal der Gesellschaft. Die technische Rationalität, die dieser Produktionsform eigen ist und die sich durch den Begriff eines bürokratisch-militärischen Organisationsprinzips durchaus treffend beschreiben lässt, hatte wie kein anderes Wirtschaftssystem vor ihr Auswirkungen auf gesellschaftliche Normen und Wertvorstellungen. Verdeutlicht wird dies beispielsweise in der gegenseitigen Abhängigkeit von Nationalstaat und speziellen Industriezweigen – als Paradebeispiel kann hier die Automobilindustrie angeführt werden, denn der Ausspruch „was gut ist für General Motors, ist auch gut für die Vereinigten Staaten“ (Charles Erwin Wilson) kann problemlos auf Italien und Fiat, sowie alle anderen Industriestaaten übertragen werden. Im internationalen Konkurrenzkampf standen sich sozusagen die jewei­ligen Interessen der Nationalstaaten gegenüber, aber auch diejenigen ihrer jeweiligen Industriechampions, deren wirtschaftliche Kämpfe mit teilweise noch härteren Bandagen ausgefochten wurden; und die vor allem von Auseinandersetzungen auf staatlicher Ebene nicht eindeutig zu trennen sind.
Diese faktische Gleichsetzung von wirtschaftlichen und nationalen Interessen erwies sich als so erfolgreich, dass sie trotz einiger Schwierigkeiten in der Rezessionsphase der 70er Jahre bis zum wirtschaftlichen und ideo­lo­­gi­schen Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satelliten­staaten von allen miteinander verbündeten westlichen Industrienationen praktiziert wurde.

2. Bruch

Mitte der 70er Jahre stieß das fordistische Modell an seine Gren­zen. Die sozialen Kämpfe gegen Ende dieser Epoche waren von Vorstellungen neuer Subjektivitäten getragen worden und ein wesentlicher Moment der Revolte bestand in der Ablehnung der fordistischen Disziplin in Arbeits- und Alltagsleben. Der nun folgende Wandel in der Unternehmensorganisation reflektiert genau das. Er trug den Anforderungen, der Kreativität und Individualität der ArbeiterInnen Rechnung und versuchte gleichzeitig, ihnen ihre ökonomische Macht zu nehmen. Werke wie Fiat Miafiori in Turin erwiesen sich als unkontrollierbar, da die zentrale Organisation der Produktion durch Streiks leicht lahmgelegt werden konnte. Und selbst in der sozialpartnerschaftlichen Bundesrepublik kam es bis Mitte der 70er zu wilden Streiks, die auch die Gewerkschaftsap­parate nur schwer steuern konnten.
Gleichzeitig erwies sich das bis dahin stabile fordistische Wachs­tumsmodell als der weiteren Kapitalakkumulation abträglich. Auch hier war erhöhte Flexibilität gefragt, wie der Bruch des Bretton-Woods-Abkommens (und damit der Dollar-Gold-Bindung) 1973 versinnbildlicht. Die Ölkrise Mitte der 70er zeigte zudem die Anfälligkeit der kapitalistischen Zentren.

3. Transformation

In der nun folgenden Phase änderten sich Unternehmens- und Arbeitsorganisation aber auch die gesellschaftliche Organisation tiefgreifend. Diese Prozesse wurden durch den Zusammenbruch der vermeintlich sozialistischen (oder vielmehr: ebenfalls fordistischen?) staatlichen Ökonomien und Gesellschaftssysteme beschleunigt und sind noch nicht abgeschlossen. Das betrifft zum Beispiel die marktförmige Neu-Organisierung gesellschaftlicher Bereiche wie Strom- und Wasserversorgung, Nahverkehr oder Bildung. Auch die im Fordismus entwickelten Systeme sozialer Sicherheit geraten in Auflösung. Meist sozialpartnerschaftlich und auf Generationenfolge aufgebaut, werden diese Sicherungssysteme zunehmend auf marktorganisierte Verfahren (z.B. Rentenversicherung) umgestellt.
Unternehmen konzentrieren sich verstärkt auf Kernbereiche, die sie mit gutbezahlten und hochqualifizierten Jobs sichern. Andere Bereiche werden ausgelagert oder nur noch locker angebunden und verstärkt mit prekären Arbeitsverhältnissen wie Zeitarbeit gestaltet. Analog dazu wird die Orientierung auf den Massenkonsum aufgegeben. Wohlstand und Wachstum sind im Postfordismus auch ohne Vollbeschäftigung möglich, wobei sich die Ausrichtung auf diejenigen konzentriert, welche die eben beschriebenen Kernbelegschaften ausmachen, gut gebildet und finanziell abgesichert sind, während die anderen sich mit den prekären Jobs zufrieden geben müssen, meist schlecht qualifiziert sind und wenig Aufstiegschancen haben. Ihnen wird im Zuge des allgemeinen Sozialsystem­um­baus die ohnehin geringe Unterstützung als erstes gestrichen.
Nicht nur durch die Veränderung zu Kern- und Randbelegschaften, sondern auch durch wachsende Arbeitslosigkeit und die veränderten und gestie­genen Ansprüche junger Frauen ändert sich das fordistisch geprägte Normalarbeitsverhältnis. Zwischenzeitlich reichen die durchschnittlichen 40 Wochenarbeits­stunden des „männlichen Normalverdieners“ nicht mehr zum Lebensunterhalt, diese Lebensführung gerät auch zunehmend gesellschaftlich in die Kritik. Hauptsächlich jedoch ist die Arbeitsplatzsicherheit dieser Arbeitsform nicht mehr gegeben. Gerade lebenslange Anstellungsverhältnisse kommen nicht mehr zustande, sondern es ist eine hochflexible Arbeitsweise in unterschiedlichen Phasen zu beobachten, die so genannte Patchworkbiographie befindet sich auf dem Vormarsch. Hier wird die Zwiespältigkeit ehemals linker und nun neoliberal umdefinierter Tugenden wie Flexibilität und Individualität deutlich. Die vorherrschende Ökono­mie der Unsicherheit bedeutet für viele ein Spagat zwischen der Möglichkeit, kreativ und weitgehend selbstbestimmt zu arbeiten und der Notwendigkeit immer neuer Anpassungsleistungen im Zuge der erforderlichen individuellen Selbstvermarktung.

4. Akteure

Mit der neoliberalen Offensive geht zumindest in Westeuropa eine Neuformierung und teilweise Erosion der Parteienlandschaft einher. Mit der Übertragung von Steuerungskompetenzen auf supranationale Organisationen wie die EU verliert der Nationalstaat zusehends an Bedeutung als Regulierungsinstanz gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Gerade im Bereich der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik wer­den so selbst geschaffene Sachzwänge wirksam, die Gestaltungsspielräume zusehends einengen. Für nationalstaatliche Politik bedeutet das u.a. einen Machtzuwachs bestimmter Staatsfunktionen gegenüber anderen, aktuell etwa des Finanz- gegenüber dem Sozialministerium. Mit Verweis auf EU-Richtlinien lassen sich Sparprogramme intern durchsetzen. Die direkt kontrollierenden und repressiven Funktionen hingegen sind davon derzeit weniger betroffen. Mit Pierre Bourdieu lässt sich das etwas plakativ als der Übergang vom „Fürsorge- zum Strafstaat“ beschreiben.
Hiermit ist schon ein wesentlicher Horizont für staatliche Politik vorgegeben, der sich in den Programmen der großen Parteien niederschlägt: sie unterscheiden sich in Tendenzen, nicht aber in ihrer Grundausrichtung. Dabei scheint sich eine Konstellation herauszubilden, die auf drei Blöcken basiert: die Wahlkoalitionen der ehe­ma­li­gen Links- bzw. Rechtsparteien, also SozialdemokratInnen, Grüne sowie vereinzelt (Ex-)KommunistInnen hier, Konservative und Liberale dort. Diese Blöcke konkurrieren vor allem mit-, gelegentlich aber auch untereinander und sind wechselseitig koalitionsfähig. Als dritte Kraft scheinen sich rechtspopulistische Kräfte etablieren zu können.
Der Wandel der Sozialdemokratie in den 90er Jahren stellt einen vorübergehend erfolgreichen Versuch dar, auf den Wandel des Kapitalismus zu reagieren. Im Gegensatz zu den bis dato in den meisten EU-Staaten regierenden Konservativen, verstand sie es, den ökonomischen und sozialen Veränderungen einen politischen Ausdruck zu verleihen. Zu ihrem zeitweiligen Erfolg bei der staatlichen Gestaltung des kapitalistischen Elends trug die geschickte Einbindung von Gewerkschaften und engagierten Mittelschichten bei. Anfang des Jahrtausends scheint diese Erfolgsgeschichte vorbei: fast durchweg mit der Hilfe rechtspopulistischer Parteien gelang den Konservativen der Wiedereinzug in die Regierungen. In den unter dem Schlagwort der „Inneren Sicherheit“ subsummierten Praktiken, Techniken und Diskursen der Überwachung, Disziplinierung und zumeist präventiven Kontrolle der Bevölkerungen unterscheiden sich die drei Blöcke fast genauso wenig, wie in Bezug auf den staatlichen Rassismus gegen MigrantInnen.
Arbeit taucht quer durch die Parteienlandschaft als gesellschaftliche Normalitätsvorstellung auf. Die Sicherung der sozialen und gesellschaftlichen Existenz ist nach wie vor an Lohnarbeit gekoppelt. Modelle wie das „Bürgergeld“ (U. Beck) oder das in der radikalen Linken populäre Existenzgeld haben sich bislang nicht durchsetzen können, bzw. spielen in abgewandelter Form im Niedriglohnsektor eine Rolle. Erwerbsarbeit erweist sich so auch als Mittel der Sozialkontrolle: das soziale Leben des Individuums wird normativ wie real in starkem Maße auf jene bezogen – relativ unabhängig davon, ob und was man arbeitet.

5. Ausblick

Im Zuge von Krise und Neuformierung betreten neue soziale Akteure die Bühne, andere existieren gewandelt fort. Nicht immer bedeutet Erneuerung dabei Fortschritt, wie die deutschen Gewerkschaften zeigen. Adaptierten sie gesellschaftliche Strukturmuster einst so perfekt, dass sie selbst Teil des Fordismus waren, so schwanken sie gegenwärtig zwischen dem Bürokratismus dieser Epoche und dem Einzug neuer Managementformen auf der Führungsebene. Die Gewerkschaften von links vernichtend zu kritisieren, hilft allerdings wenig. Zeigen doch gerade die jüngsten Kämpfe in anderen Teilen Europas, wie viel Gewerkschaften erreichen können – immer vorausgesetzt, sie sind konfrontationsbereit. So erzwangen die spanischen Richtungsgewerkschaften mit einem Generalstreik im vergangenen Juni die Rücknahme eines arbeitslosenfeindlichen Gesetzes.
Von anderen traditionellen politischen Akteuren, Par­teien nämlich, kann derzeit nichts erwartet werden: die so genannte linke Mitte übt sich in Herrschaftssicherung und linksradikale Parteien sind in den meisten Ländern Europas marginalisiert, oft zurecht.
So lässt sich ein linkes Projekt gegenwärtig nur im Rahmen der globalen Netzwerke des Widerstandes ausmachen. Allein schon aufgrund ihrer offenen Organisierung ermöglichen sie es, verschiedene Gruppen und Schich­ten, die von den gegenwärtigen Umstrukturierungen auf jeweils unterschiedliche Weise betroffen sind, zu vereinen. Darüber hinaus können sie Kämpfe sowohl auf der lokalen als auch auf der immer bedeutsameren globalen Ebene führen. Dass einige Akteure innerhalb dieser Netzwerke Positionen und Organisationskonzepte vertreten, die inakzeptabel, da beispielsweise staatszentriert und hierarchisch sind, sollte nicht dazu verleiten, die Bewegung der Bewegungen als solche aufzugeben. Im Gegenteil gilt es nun, den globalen Bezug lokaler Kämpfe herzustellen und umgekehrt die Risse in der neoliberalen Hegemonie, die die Bewegungen erreicht haben, zur Intensivierung oder Wiederaufnahme lokaler Kämpfe zu nutzen.

 

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