Kriegsökonomien und „nation building“

 
Autor_in: 
Nikolai Brandes

In seiner tagebuchartigen Reportage Eine Stadt wird zugemacht schildert der kürzlich verstorbene polnische Reporter Ryszard Kapusczinski den Zerfall des kolonialen Staates in der angolanischen Hauptstadt Luanda kurz vor der Unabhängigkeit des Landes 1975. Mit der portugiesischen Kolonialmacht verschwinden auch Polizisten, Feuerwehrleute und Müllmänner.

Der in New York und Kap­stadt lehrende Politologe Assis Malaquias geht in Rebels and Robbers davon aus, dass sich bereits in dieser Zeit der fragilen Staatlich­keit dennoch Struk­turen herausbilden, die ein neuerliches „state building“ heute ermöglichen. Die Ausgangsbedingungen für das unabhängige Angola sind denkbar ungünstig. Aus den konkurrierenden Unab­hängig­keits­be­we­gungen entstehen keine demokratischen Parteien, sondern Kriegsparteien, welche die Auseinandersetzungen über die Herrschaft im Staat gewaltsam fortsetzen. In einem 26 Jahre an­dauern­den, ver­heeren­den Bürgerkrieg steht dabei eine ­lange ­aus Moskau finanzierte regierende Einheitspartei zwei von China, den USA und dem südafrikanischen Apartheid-Staat unterstützten Rebellengruppen gegenüber. Für den Autor hat ­diese kollektive Gewalterfahrung einerseits zu einer gemeinsamen Identität beigetragen. Andererseits habe sich während des Krieges ein zwar extrem ungleich verteilter, aber doch beträchtlicher privater Wohlstand angehäuft, der in jüngster Zeit zunehmend in die Entwick­lung des Landes fließe.

Zudem möchte Malaquias in seinem Buch darlegen, wie die Gewalt der Bürgerkriegsjahre die angolanische Gesellschaft auch heute noch prägt und strukturell andauert. Er bietet hierzu einen historischen Überblick, der die bereits in den Jahrhunderten portu­giesischer Kolonialherrschaft beginnende Fraktionierung der Gesellschaft in soziale Klassen und ethnonationalistische, ideo­lo­gische oder regionale Zuge­hörig­keiten nachzeichnet. Dabei beschreibt der Autor aber auch Eigen­dynamiken des postkolonialen Angola, die weite Teile der Bevölkerung von den potenziellen Reichtümern des Landes ausschließen. Neben diesem informativen Überblick über die (Konflikt-)Geschichte des Landes ist es sein Versuch, die Rolle von Gewalt als Motor und Hindernis staatlicher Strukturen zu untersuchen, der das Buch lesenswert macht.

Die Abwesenheit des Krieges seit 2002 bedeutet für Malaquias noch keinen Frieden. Angelehnt an den Friedensforscher Johan Galtung definiert er Frieden als positive Qualität, die erst durch die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und einer Versöhnung unter den Konflikt­parteien geschaffen werden kann. Das besondere Interesse des Autors gilt dabei dem Potenzial und den Schwächen einer von staatlichen Institutionen unabhängigen Zivilgesellschaft, die in Angola erst noch zu schaffen sei.

 

 

Assis Malaquias:

Rebels and Robbers. Violence in Post-Colonial Angola.

Nordiska Afrikainstitutet, 2007.
263 S., 34,90 EUR

 

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