Konzertkritik: Kennen Sie das?

Autor_in: 
Herr Stenzel

Man steht unter der Dusche, freut sich auf das bevorstehende Konzert und dann hört man im Radio ein Stück und überlegt die ganze Zeit, wer denn verdammt noch mal der Interpret war. Man kommt und kommt nicht drauf, mensch, irgendwas aus den 80ern, klar, wer war das jetzt noch, da gab`s ja sooo viele Gitarrenbands, war das nun Hüsker Dü mit dem brillanten Bob Mould (der in seiner Band Sugar dann seinen musikalischen Höhepunkt hatte), oder eher Gang of  Four? Und dann vorbei das Lied, Moderatorin, tja, die 1000 Euro-Frage habe ich nicht gelöst, das war gerade eine dieser neuen britischen Bands, den Namen habe ich schon wieder vergessen, aber ist ja auch nicht so wichtig.
Wichtig ist eins: Ich werde alt! Ich gehöre zur Generation, die die 80er bewusst mitgemacht haben (zumindest die zweite Hälfte) und den Rest in den 90ern dazugelernt haben. Und die nun vor Bands wie Franz Ferdinand steht und sich wundert, was denn daran bitte nun so toll sein soll und echte Schwierigkeiten haben, verschiedene Bands zu unterscheiden). Klar, auch in der Riege gibt es Ausnahmen, Chikinki zum Beispiel, die muss man nur mal fünf Minuten live gesehen haben und weiß Bescheid. Das Go! Team, nicht nur wegen der zwei Schlagzeugerinnen. Architecture in Helsinki, die es ebenso wie die vorher genannten schaffen, drei Lieder in eines einzubauen, ohne dabei verwirrt zu klingen. Aber insgesamt gehöre ich wohl nun zu den Senioren, die gerne über die Jugend schimpfen, senil und altersschwach werden. Wie kürzlich bei Deep Purple (jawohl, ich habe eine Ader, Legenden mal live gesehen haben zu wollen – und die hatte ich noch nicht). Nun ja, jedenfalls große Halle, viele Sitzplätze außen rum – und die mei­sten saßen. Im Innenraum war noch sehr viel Platz, auch um weit nach vorne zu kommen, aber die Damen und Herren Altrocker saßen tatsächlich lieber. Auch wenn sie deswegen nicht viel gesehen haben, die Halle war wirklich sehr groß.
Ist das also nun der Anfang, wenn man der aktuellen Musik nicht mehr viel abgewinnen kann und von „der Jugend“ redet? Wenn man das Gefühl hat, alles schon zu kennen, was neu erscheint? Wenn man sich lieber alte Schlager-Singles kauft, als neue Indiescheiben? Nun gut, genug gejammert, Radio ausschalten abtrocknen, anziehen und los, auf zum Konzert der kanadischen Band Mobile, die ich nebenbei auch noch etwas interviewen sollte. Das Interview war dann auch sehr nett, freundliche junge Menschen, die den Journalisten ein Bier anbieten (nicht selbstverständlich, auch wenn sie`s eh nicht zahlen müssen) und die vor ein paar Jahren beschlossen haben, lieber erst mal einige Zeit im Übungsraum zu verbringen, als mit  ihrer Musik gleich nach draußen zu gehen. Gar nicht dumm, denkt man, und dann sieht man sie live und  denkt sich, oh, doch dumm: Leider war das ganze Konzert  so vorhersehbar und dadurch etwas langweilig, wenn auch gar nicht schlecht. Aber es klang  so, als hätte sich ihre ganze jugendliche Gewalt und Leidenschaft im Laufe der Übungsstunden verflüchtigt. Vorbei die Zeiten von „Teenage Kicks“...
Nun ja, meine Begleitung und ich tranken uns den Abend dann doch noch schön, tanzten zu Musik, bei der ich Ihnen leider nicht mehr sagen kann, was das war (Haben wir gar zum Feind getanzt? Jedenfalls gilt: je mehr Alkohol, desto weniger Geschmack  – oder kennen Sie nicht das Gefühl, auf irgendeiner Hochzeit zu Marianne Rosenberg getanzt zu haben und sich am nächsten Morgen sehr vor seinen Freunden zu schämen?) und schnell vergessen ist so eine Band. Zurück bleibt  – neben einem Kater – die Gewissheit, dass früher, als man Bands wie Fishbone, Ween oder meinetwegen sogar Police für sich entdecken konnte und das Gefühl hatte, etwas Außergewöhnlichem beizuwohnen, alles besser war.

Herzlichst,
Ihr Herr Stenzel

Der Autor ist Hauptstadtkorrespondent des Freien Radio Kassel und Chefredakteur des Webportals www.guteware.de, auf dem neue CDs, DVDs und Bücher vorgestellt werden.

 

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