Kolumne: Die Angst, die einen manchmal befällt... im Öffentlichen Personennahverkehr (1:23)

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Redaktion Sul Serio

Der schönste Tag in... U-Bahn schleicht dahin ...meinem Leben... Jetzt hält sie auch noch an ...war ein Donnerstag... Es dauert. Mulmiges Gefühl im Magen stellt sich ein ...an allen mir verhassten Orten... Beklemmung. Ich seh mich um im Wagen. Gleichgültig-erschöpfte Feierabendgesichter. Es scheint eine rein private Beunruhigung zu sein, die ich da empfinde und die sich gerade vom Bauch aus im ganzen Körper ausbreitet. Klar, klar, U-Bahn, voll sicheres Transportmittel. Außer damals in Tokio. Und vor kurzem in London, oder war’s Moskau. Mein linkes Bein zuckt. Ich würde am liebsten aufspringen und durch den Wagen tigern, schrecke aber vor den möglicherweise verwunderten Gesichtern der Mitfahrenden zurück. Außerdem muss ich ja nicht auch noch die andern nervös machen. Wo ist hier eigentlich der Notausgang? Und wo am besten raus springen, nicht dass einen noch die entgegenkommende U-Bahn zermatscht. Ist ja auch so dunkel draußen. Stehen eigentlich die Gleise unter Strom? Giftgas, Sprengstoffanschläge, ein Bekannter hat mir mal erzählt, dass seine U-Bahn gehijacked wurde. Irgendwelche verdächtig aussehenden Personen hier, die sich als Bombe auf zwei Beinen entpuppen könnten? Schwarze Witwen, Turbanträger mit entrücktem Gesichtsausdr... pfui, rassistische Gedanken. Meine Kopfhaut prickelt unangenehm, alle Körperhärchen stellen sich auf. Wie sich das wohl anfühlt, zu explodieren? Merkt man das überhaupt noch? Okay, jetzt mal auf andere Gedanken kommen. Das dauert aber auch... Irgendwer hier im Wagen mit dem ich noch gerne mal Sex hätte, bevor ich auf irgendeine undenkbar grausige Weise zu Tode komme? Wieso fällt mir das jetzt ein. Hat da nicht mal Freud was dazu...Oh, das riecht jetzt aber irgendwie komisch hier. Vielleicht der Surfertyp da hinten in der Ecke, ganz schnuckelig. Wie war das noch mal, wenn’s brennt in den Tunnel rein laufen, hat mir mal die Tochter eines Brandschutzexperten erzählt. Aber wenn die Bahn jetzt mitten im Tunnel stehen bleibt, wo ist dann in den Tunnel rein? Bin ich eigentlich die Person, die dann kleine Kinder und Gehbehinderte rettet oder würde ich einfach rennen? Passiert jetzt endlich ma... Aufatmen, grenzenlose Erleichterung, es scheint weiterzugehen, wenn auch langsam. Grade noch mal dem Tode entronnen ...und ich war allein, und völlig ohne Grund...Nächstes mal fahre ich wieder Fahrrad, das ist einfach sicherer.

 

... vor Konkurrenz

Ein Aufgang, weiße Tapeten, die Treppe wuchtig, aus dunklem Holz, vier Plastikstühle um einen runden Tisch drapiert, darüber ein in Folie geschweißtes Blatt Papier „Bewerberinnen bitte hier warten“. Eine junge blonde Frau sitzt hier bereits, die Beine übereinander geschlagen, als ich unsicher die Treppe hinaufsteige. Wir lächeln uns zu. Jetzt, da ich sicher bin, hier richtig zu sein, nehme ich erleichtert und etwas außer Atem Platz. Die andere wendet sich mir zu und wir beginnen eine Unterhaltung. Dass wir beide hier einen Termin haben, ob eine etwas Genaueres über die Arbeit wisse, was beide verneinen - ein Call Center-Job, aber auf jeden Fall nicht Outbound. Sie beginnt zu erzählen, dass sie das Geld gebrauchen könnte, ihre 2-Zimmer Wohnung koste doch recht viel, die Aufwendungen für das Studium und das Leben allgemein. Sie strahlt eine ruhige, sich nicht in Frage stellende Sicherheit aus und fiebert dem Moment der Prüfung sichtlich entgegen, auch wenn diese Fiebrigkeit ein wenig Furcht verrät. Ich kann es ihr nicht verdenken, niemand wird gerne begutachtet, bewertet und möglicherweise verworfen, selbst wenn die geforderten Qualifikationen noch so fraglich sind - ein Stich bleibt doch zurück. Ihre Gedanken scheinen in eine ähnliche Richtung zu gehen, sie beginnt von sich zu erzählen... Wo sie schon überall war, welche Sprachen sie spricht, welche vorherigen Jobs sie mehr als gut auf diesen hier vorbereitet haben. Der Kampf scheint schon eröffnet und vielleicht auch ausgefochten, bevor jemand offiziell nur andeutungsweise über Arbeitsbedingungen und Entlohnung gesprochen hat.

... vor der Selbstvermarktung

Wer immer schon mal wissen wollte, wie man Geld aus der Existenzangst der gemeinen Arbeitssuchenden herausholt, sollte „Bewerber gibt es viele doch nur einen wie mich“ von Veronika Zickendraht lesen. Wer kurz vorher noch dachte, doch ein ganz annehmbarer Arbeitsplatzbewerber zu sein, wird hier rigoros umgepolt. Soziale Urängste werden geweckt und gelenkt: auf das höchst kompetente Hilfsangebot zur Lösung sämtlicher Persönlichkeitsprobleme, Adresse hintere Umschlagklappe. „Hier werden Sie zum Gewinner konditioniert!“ „Flexibilität – das Schlagwort der Sieger”! Was unterscheidet mich von einem Gewinner? „Überlange Studienzeiten”, so die erste Mahnung, „können Argwohn beim Personalbearbeiter wecken: - ,Faul? Antriebslos?‘”. Oh weh, wenn das schon reicht! Wenigstens das Kapitel zur superschwer-vermittelbaren Problemgruppe „Vorstrafen“ kann ich überspringen. Nächster Punkt: Arbeitszeugnisse. Achtung! Vorsicht! Gefahr! Hinter vermeintlich positiven Beurteilungen kann sich üble Nachrede verbergen! Geben Sie acht, prüfen Sie sorgfältig, kontaktieren Sie unser Beratungsbüro (Adresse hintere Umschlagklappe)! „Denken Sie daran, welchen Eindruck Sie Ihrem potentiellen Arbeitgeber von sich vermitteln!“ Also ist „Lesen“ als Hobby doof, weil dann jeder an verhockte Sozialphobiker denkt. Aber allzu Geselliges ist ebenso tabu, weil so eine bestimmt die halbe Arbeitszeit verquatscht. (Fallstricke en masse. Gibt es Listen mit bewerbungskompatiblen Hobbys? Könnt ich jetzt gebrauchen). „Beeindrucken Sie mit Ihrer Persönlichkeit!“ – Welche Persönlichkeit? Ich hatte mittlerweile verstanden, meine 2 sei geschäftsschädigend. Gute Menschen sind anders: stets einsatzbereite, ihre Kinder, ihre politischen Aktivitäten und ihre pflegebedürftigen Eltern verschweigende Arbeitsmarktsoldaten, die natürlich kreativ und individuell, anpassungsfähig und sozial hyperkompetent darauf brennen, das zu werden, „wovon Arbeitgeber träumen”. Spätestens hier hat sich die Sinnfrage an den Bewerbungsmarathon in den hintersten Winkel meines Kleinhirns zurückgezogen. Auch an die ewige Männerfixiertheit bin ich längst gewöhnt. Eigentlich will ich nur noch eines: HIER RAUS!!

 

... bei der Prüfung

Ich eile eine hohe, schmale Treppe hinauf, über die sich ein dunkler Holzring erhebt, welcher sich auf mich herabzusenken droht. Schwankend stehe ich auf der schmalen Stufe, dem höchsten Punkt des Raumes, der einem Amphitheater gleicht. Weit unter mir und um mich herum sehe ich ein Meer von auf die Pulte herab gebeugten Köpfen, fahren Stifte leicht kratzend, in der ansonsten umfassenden Stille, über Papier. Am Ende der steil vor mir abfallenden Treppe öffnet sich ein kreisförmiger Raum, in dessen Zentrum kleine Figuren stehen und die Situation zu beherrschen scheinen. Es sind die Prüfer, wird mir in diesem Moment klar, jene die ich erreichen, an die ich mich wenden muss. Denn auch ich muss an dieser Prüfung teilnehmen, einer von den vielen gebeugten Köpfen, unter ihnen einer von vielen sein. Ich springe die Stufen in rasendem Tempo hinab, in jeder Reihe an der ich vorbeilaufe, wenden sich mir die leeren Gesichter in einer gleichförmig fließenden Bewegung zu, während ich blind weiter haste. Hunderte Augenpaare und zwischenzeitlich auch die Prüfer dort unten beobachten meine Sprünge, die Quelle des Aufruhrs und der lärmenden Unruhe. Je näher ich dem Boden des Abgrunds komme, desto weniger Kontrolle scheine ich über meine Gliedmaßen zu haben. Die Stufen sind immer ausgetretener und mit boshaften Buckeln versehen, meine Füße rutschen ab und zwingen mich zu gewagten Manövern, um nicht vollständig das Gleichgewicht zu verlieren. Meine Bewegungen werden immer unkoordinierter und ich versuche mich mit aller Konzentration auf den Beinen zu halten, während um mich ein saalfüllendes und von diesem zurück geworfenes Getuschel wogt. Ich fokussiere mein Ziel, die Gestalten der Prüfer, als könnte meine pure Willensanstrengung die Peinlichkeit eines Sturzes vermeiden. Aber das mir zugewandte Mienenspiel lässt nur zu deutlich erkennen, dass sie derart extravaganten Auftritten alles andere als freundlich gegenüber stehen. Befremdet, teilweise mit offener Abscheu blicken sie doch gleichzeitig fasziniert auf meinen Spurt und verharren, wechselseitig zu meinem Übermaß an Bewegung, im Zentrum dieser der Ruhe geweihten Halle. Und ich spüre wie meine Energie mir zu Ungeahntem verhilft und lächle – im Fluge fallend.

... auf dem Amt

Es stinkt. Der lange schmale Flur wird immer länger und schmaler. In Hoffnungslosigkeit erstarrte Menschen säumen sitzend und stehend meinen Weg. 240-3. Wo ist 240-3? Von rechts und links gehässige Blicke. Die würden mich bestimmt ans andere Ende dieses Bürgerpalastes schicken, wenn ich jetzt nach dem Weg frage. Ein Warnschild beherrscht mein geistiges Auge: „Bitte suchen Sie zügig den Raum auf, neben dem Ihre Nummer erscheint.“ Was ist zügig? Wie weit ist es noch? Warum ist der Warteraum 2 Kilometer von den Sachbearbeitenden entfernt? Habe ich mich verlaufen? 240-6, 240-5,...239-10! Was soll das, wo ist mein Raum? Heute ist Abgabeschluss! Noch mal zurück. 240-5, 240-6... Ich wage es:  Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht..?“ –“240-3? Das is doch nich hier! Das is doch drüben im andern Flur!“ –“Ja, aber, ich dachte, wo hier doch die 240er...“ –“Sie sind  aber auch zum ersten Mal hier? Jetzt is eh zu spät. Da müssen Sie schön ne neue Nummer  ziehen!“ ...WARUM WECKT MICH JETZT NIEMAND AUF???

 

... im Park

“He, junge Frau, nu haben sie doch mal keine Angst. Der tut doch nix. Nee, das isn ganz  Lieber. Ja, weiß ja, was man immer so hört, furchtbar is das ja mit diese Kampfhunde immer, und dann auch noch Kinder, schrecklich, normal müßten Hunde das doch wissen. Ich weiß auch gar nicht, was die Leute da immer machen. So aggressiv, die Tiere, wenn man das dann sieht im Fernsehen... und dass da die Eltern aber auch nich... nee Frollein, der tut nix, der spielt nur. Nu aber mal ruhig! Ich versteh ja nix von Hunden, aber dass der... Adolf! Fuß! Ruhig! Ja, „Adolf”, niedlich, nicht, hat mein Sohn vorgeschlagen den Namen, oder nee, sein Freund war das. Der Adolf hieß schon so, mein Junge hat den Hund mitgebracht, von einem Freund, sagte er, der wohl keine Zeit... Adolf! Da ham wir natürlich gesagt, das arme Tier, einer muss doch... – Adolf!! Ja, braver Hund, lieb sein, nicht so doll zerren an dem Frollein, die... Also der Junge  hatte ja versprochen mit ihm Gassi zu gehen, aber wie die Jungs so sind...Adolf! Nein! Hierher! Aus! Adolf! Ogott! - Frollein, wie tut mir das jetzt leid! Aus! Adolf! Ogott! Hilfe! Das hat er ja noch nie gemacht!”

... in 10.000m Höhe

Zögerlich, mit Herzrasen begebe ich mich durch den harmlos aussehenden Tunnel in die Höllenmaschine von China Air. Ich verfluche die blöde Ärztin, die mir statt Schlaftabletten nur Baldrian und Bachblüten verschrieben hat. Hilft gar nix, das Zeug, selbst wenn man es flaschenweise runterschüttet. Dass ich auch immer an solche Heilpraktikerinnen geraten muss. Anschnallen so schnell es geht. Wir starten, schaffen es gegen jede Wahrscheinlichkeit sogar, vom Boden abzuheben.  Herzrasen wird schlimmer. Essen und Trinken natürlich ablehnen, man weiß ja wie das endet: Ich entgurte mich um auf die Toilette zu gehen, die Seite des Flugzeugs reißt auf, es saugt mich nach draußen. Scheußlicher Tod. Warum erzählen einem die Leute ständig, Fliegen wäre so verdammt sicher, Autofahren sei ja viiiiel gefährlicher? Trotzdem drehen sie einen Flugzeuggruselfilm nach dem anderen. Jetzt hab ich natürlich die ganzen Bilder im Kopf. Massenpanik, großes Geschrei und ins Leere fallenfallenfallen, vom Aufprall ganz zu schweigen. Mir wird schlecht. Wie soll ich mich zehntausende von Kilometern über der Erde denn auch nur im Geringsten sicher fühlen? Oder fliegt man nur bei Kurzstreckenflügen so niedrig, kann es sein, dass wir grade noch viel höher...Es gibt ja diese Anti-Flugangst-Trainings von der Lufthansa, vielleicht sollte ich so was mal machen. Aber dann verlangen die womöglich noch, dass ich in ein Flugzeug steige. Oder diese dämliche Sex-auf-Flugzeugtoiletten-Geschichte. Muss ja unglaublich Spaß machen, so im Angesicht des Todes noch ein bisschen zu ficken. Ohne Gurt. Ob Flugangst vielleicht wirklich was mit einem gewissen Kontrollfreaktum zu tun hat? Würde ich mich als Pilotin vielleicht sicherer fühl... -Moment, hat sich da gerade das ständig präsente nervige Geräusch verändert? O Gott. Das wars. Flugzeug sackt ab. Fallenfallenfallen. Angestrengtes Lauschen. Der Typ nebenan liest seelenruhig in seinem Reiseführer weiter. Sollte ich vielleicht auch mal tun. Tempel, Tempel, Strand, Tempel, ja, super. Kann mich nicht konzentrieren, vielleicht der Film. Film ist chinesische Komödie ohne Untertitel. Gut, dass Slapstick universalverständlich ist. Haha. Zieh mir ein T-Shirt über den Kopf und fange leise an zu weinen und Abschied vom Leben zu nehmen. Eine Gruppe holländischer Touristen, schon mehr als angesäuselt, findet das unglaublich witzig und zwanzig Videokameras richten sich auf mich. Scheine lustiger zu sein als die chinesische Komödie. Schön, wenn sich jemand noch so am Leid anderer Menschen erfreuen kann. Sobald die Schaulustigen sich wieder beruhigt haben, nehme ich noch einen tiefen Schluck aus der Baldrianflasche, schließe die Augen und richte mich auf acht weitere Stunden extremer Todesangst ein, wissend, dass dieser Flug nur der Anfang von zwei äußerst erholsamen Monaten Panik vor dem Rückflug ist. Falls ich das hier überlebe, gehe ich nur noch Wandern in der Sächsischen Schweiz.

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