Kick off Homelessness!

 
Autor_in: 
Christian Schröder

Homeless World Cup - Die Fußball-WM der Obdachlosen

Peter Skrabut ist Spieler der deutschen Nationalmannschaft. In seinem Alltag verkauft er seit 2001 die Regensburger Straßenzeitung Donaustrudl. 1,30 Euro kostet die monatliche erscheinende Ausgabe, die Hälfte der Verkaufserlös geht an ihn, der Rest geht an die Zeitung. Der 46-Jährige hat zwei fehlgeschlagene Versuche unternehmerischer Selbstständigkeit hinter sich. Seine Beziehung ging in die Brüche. Er machte Schulden, wurde mittel- und obdachlos. Im deutschen Team der Fußball-WM der Wohnungslosen ist er seit dem ersten Anpfiff 2003 dabei.

Von der Idee zum Cup

Die Idee eines Homeless World Cup entstand 2001 in einer Strandbar im südafrikanischen Kapstadt im Anschluss an die Jahreskonferenz des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen (INSP). Mel Young, Mitbegründer der Straßenzeitung Big Issue Scottland und Präsident des INSP, und Harald Schmied, damals Chefredakteur des Grazer Straßenmagazins Megaphon, waren die Initiatoren des Projekts. Das erste Streetsoccermatch des Homeless World Cup wurde schon 2003 in Graz angepfiffen. Die Redaktion von Megaphon war für die lokale Organisation zuständig, während Initiator Mel Young sich um die internationalen Kontakte und Sponsoren kümmerte. Megaphon mobilisierte vor Ort erfolgreich Unterstützung. So konnte im Rahmen der Inszenierung Graz als Kulturhauptstadt Europas die WM schließlich unter Mithilfe der österreichischen Caritas stattfinden.
Der Homeless World Cup 2003 in Graz war ein voller Erfolg. Insgesamt 18 Länder-Teams traten an. Die Presseresonanz des Events war gigantisch, eine Wiederholung stand außer Frage. Die folgenden Obdachlosen-WM‘s fanden 2004 im schwedischen Göteborg und 2005 im schottischen Edinburgh statt. Dieses Jahr wird der mittlerweile vierte Homeless World Cup vom 24.-30. September 2006 in Kapstadt ausgetragen - und findet damit zu seinen Wurzeln zurück. Peter Skrabut ist bisher bei allen Turnieren dabei gewesen. In Graz schoss er als Spieler das erste Tor für das Team aus Deutschland. In Göteborg war der Längbärtige aus Regensburg Torwart, in Edinburgh Co-Trainer. Auch in diesem Jahr wird er wieder dabei sein.

Warum Fußball?

Die Idee ist eigentlich einfach und genial. Gemeinsamer Sport mit Menschen, die in sozialen Schwierigkeiten stecken: Fußball kennt jeder und kann jeder mehr oder weniger. Viele Wohnungslose haben, bevor sie aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Bleibe verloren, gekickt, auf der Straße, auf dem Bolzplatz, im Verein. Fußball soll den Obdachlosen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zurückgeben, welches sie auf der Straße verloren haben. Wer jemals versucht hat, mit Obdachlosen ein Turnier zu veranstalten, merkt, wie viel sportlichen Ehrgeiz Menschen entwickeln können, die oft jahrelang überhaupt keinen Sport gemacht haben. Getreu dem Motto “Viva Football. Kick off Homelessness!“ soll Fußball als vereinende Idee und Sprache dienen, die sogar die Sprachbarrieren auf dem internationalen Event zwischen den Spielern zu überwinden scheint. „Sobald die Spiele beginnen, vergisst man, dass die Spieler obdachlos sind. Das war es immer, worum es ging - eine dauerhafte Chance schaffen und das Stigma der Obdachlosigkeit beseitigen“, schwärmt Mel Young begeistert. Die Idee eines Fußballturniers war damals noch neu. Sie entstand, bevor alle möglichen charity-Projekte im Umfeld der Profi-Fußballer-WM 2006 für jede sozial benachteiligte Gruppe eigene Fußballturniere erfanden, um damit Aufmerksamkeit und Spenden einwerben zu wollen.

Streetsoccer: Die Spielregeln

Streetsoccer, Straßenfußball, funktioniert anders als das richtige Fußballspiel. Es ist ein Spiel, bei dem es auf Schnelligkeit und Geschicklichkeit ankommt. Das Spielfeld misst nur 20 mal 14 Meter und ist durch hölzerne Banden begrenzt. Gespielt wird auf Beton oder Asphalt. Nur der Torbereich ist mit Filz ausgelegt. Streetsoccer hat recht einfache Grundregeln: Neben dem Torhüter gibt es drei Spieler auf dem Feld sowie weitere vier außerhalb, die beliebig oft eingewechselt werden können. Es werden zwei Halbzeiten zu je sieben Minuten gespielt. Bekommt ein Spieler die blaue Karte für ein Foul, muss er für zwei Minuten auf die Strafbank. Eine rote Karte hat wie immer beim Fußball den Ausschluss für den Rest des Spiels zur Folge. Bei richtig schweren Fouls und Verstößen gegen die Spielordnung können sowohl einzelne Spieler als auch ein ganzes Team vom Turnier ausgeschlossen werden. Aber das ist bei der Obdachlosen-Fußball-WM bisher noch nie vorgekommen. Obwohl die Mannschaften beim Homeless World Cup auch gemischt-geschlechtlich sein können, spielen insgesamt nur sehr wenige Frauen mit.

Unerwünschte Wohnungslose

Die meisten Wohnungslosen haben so gut wie nie die Möglichkeit, in ein anderes Land zu reisen - das scheitert schon allein am Geld. Die WM bietet einigen die Möglichkeit dazu. „Obdachlose haben existenzielle Sorgen und können es sich in der Regel nicht leisten, andere Länder zu besuchen und fremde Kulturen kennen zu lernen“, so Harald Schmied. Für jede Mannschaft werden Sponsoren für Reisekosten und Unterbringung gesucht, weil die kleinen, finanzschwachen Straßenzeitungen dazu nicht in der Lage sind. Das glückte nicht immer. Zur Obdachlosen-WM 2004 in Göteborg fand sich niemand, der die Reisekosten für das Team aus Uruguay übernehmen wollte. Zudem verweigerten die schwedischen Behörden der Mannschaft aus Kamerun die Einreisegenehmigung. Sie befürchteten, dass die Spieler „illegal“ im Land „untertauchen“ könnten. Noch besser kam es ein Jahr später: Die Streetsoccer-WM 2005 sollte eigentlich im Bryant Park in New York City stattfinden. Doch ein knappes halbes Jahr vorher untersagte das US-Ministerium für Homeland Security die Einreise und somit die Austragung der Spiele wegen der Vorstrafen einiger TeilnehmerInnen. Somit stand sechs Monate vor dem Turnier der ganze Cup auf der Kippe. Das verwundert, schließlich wird das Projekt wird seit 2004 von der UNO und der UEFA unterstützt. Edinburgh war der auf die Schnelle gefundene Ersatzaustragungsort. Trotz der Kürze der Vorbereitungszeit war auch der dritte Cup ein voller Erfolg.

Warum gerade Fußball?

In Anschluss an die Obdachlosen-WM in Göteborg wurde eine Evaluationsstudie mit den teilnehmenden SpielerInnen durchgeführt. Die Statistik ist beeindruckend und belegt eine wahre Erfolgsstory: Ein Großteil der SpielerInnen ist motiviert nach Hause gefahren. Ihre Lebenssituation hat sich entscheidend gebessert. Ob dass alles so stimmt, sei dahingestellt und es bleibt offen, was der Auslöser für was war. Auf Peter Skrabut trifft es jedenfalls zu. Nach dem zweiten Homeless World Cup hat sich bei ihm vieles zum Positiven verändert. Er ist inzwischen Redaktionsmitglied beim Donaustrudl, im Verkauf bei der Bücherkiste tätig und außerdem an einem Buchrecycling-Projekt beteiligt. Er hat wieder ein Dach über dem Kopf und bewohnt zusammen mit seiner Lebensgefährtin eine Wohnung in der Altstadt Regensburgs. Zudem ist er dabei seinen Schulabschluss nachzuholen.

Expansion des Projekts

Der Homeless World Cup wächst von Jahr zu Jahr. Fand die erste Streetsoccer-WM in Graz mit 18 Teams statt, waren es in Göteborg schon 26 und in Edinburgh 32 Teams. In Kapstadt werden mehr als 40 Teams erwartet. Und die Vergrößerungspläne gehen weiter: Geplant ist eine weitere Ausdehnung des Turniers bis 2008. Die Anzahl der teilnehmenden Nationen soll auf 64 verdoppelt werden. Dazu ist geplant, die Zahl der SpielerInnen in der Qualifikationsphase von 5000 (2005) auf 38.000 (2008) zu erhöhen. Auf regionaler und nationaler Ebene finden inzwischen Vorausscheidungen statt. In Deutschland findet in diesem Jahr vom 2.-3. Juni in Kiel die erste deutsche Meisterschaft im Streetsoccer statt. Dort soll das deutsche Team für Kapstadt zusammengestellt werden. Ausgetragen wird das Turnier vom Kieler Straßenmagazin HEMPELs, dem Bundesverband sozialer Straßenzeitungen und einer Reihe weiterer offizieller Veranstalter wie der Landeshauptstadt Kiel, Kiel Marketing, der Universität sowie gemeinnützigen und kirchlichen Organisationen.

Wohin?

Die rasche Expansion führte zwangsläufig zur Professionalisierung der Turniervorbereitung. Nach Göteborg wurde für die internationale Ebene eine Eventmanagement-Agentur eingeschaltet. Zuvor wurde die lokale Vorbereitung von ortsansässigen Straßenzeitungen und ihrem sozialen Umfeld durchgeführt, die versuchten, breite Unterstützung zu mobilisieren. Der Homeless World Cup gewann den UEFA Charity Award 2005, einen Preis für das beste Sozialprojekt aus Europa. Damit ist die finanzielle Basis bis 2008 gelegt, er ist aber trotzdem auf die langjährigen Sponsoren wie Nike, DHL und ’White and Case’ angewiesen. Mit wachsender Größe wird die WM zudem immer mehr von der Spendenbereitschaft langfristiger Großsponsoren abhängen. Zu hoffen ist allerdings, dass die Fußball-WM der Wohnungslosen mit weiterem Wachstum nicht ihren Charme verliert. Einen klaren Favoriten gibt es in diesem Jahr übrigens noch nicht. Auch Peter Skrabut will sich nicht festlegen, zu schwierig sei es, im Vorfeld die Stärke der einzelnen Teams einzuschätzen.


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Homeless World Cup 2006: www.streetsoccer.org
Internationales Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP): www.street-papers.org
Bundesverband soziale Straßenzeitungen: www.soziale-strassenzeitungen.de

 

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