Jürgen Klinsmann als »organischer Intellektueller« des Neoliberalismus

 
Autor_in: 
Matthias Jaenicke

Einige Anmerkungen zur gesellschafts­politischen Rolle des Bundestrainers

Im Deutschland der Vor-WM-Hysterie verschmelzen Fußball und Politik zu einem unübersichtlichen Gemengelage. Mittendrin in dieser durchaus brisanten Mischung: Jürgen Klinsmann, Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Seine Bedeutung geht inzwischen weit über den Fußball hinaus. Höchste Zeit also für eine kritischeWürdigung des blonden »Revolutionärs« (Die Zeit).

Zugegeben: Es ist schon so einiges über Jürgen Klinsmann geschrieben worden. Wozu also noch zusätzliche Worte verlieren? Im Grunde, so könnte der geneigte Fußballfan einwenden, ist die Geschichte Jürgen Klinsmanns als Bundestrainer doch schnell erzählt. Sie ginge dann in etwa so: Im Juli 2004 sind die deutschen »Rumpelfußballer« gerade wenig ruhmreich bei der Europameisterschaft ausgeschieden, der Posten des Bundestrainers ist durch den Rücktritt Rudi Völlers verwaist. Nach einer kurios anmutenden Trainersuche präsentiert der DFB schließlich der überraschten Fußballwelt Jürgen Klinsmann als neuen Hoffnungsträger. Das Kalkül der DFB-Funktionäre ist dabei so einfach, wie offensichtlich: der polyglotte, aber als Trainer vollkommen unerfahrene Wahl-Kalifornier soll nach außen die schmückende Fassade geben, während andere im Hintergrund die Strippen ziehen. Doch der vermeintliche Sonnyboy entpuppt sich schnell als „eiskalter“ Machtmensch und knallharter Reformer, der seine ganz eigenen Vorstellungen hat - und diese auch konsequent umsetzt. Klinsmann geht nicht nur daran, die Strukturen des DFB in seinem Sinne umzugestalten, altgediente Angestellte in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen und sich mit einem eingeschworenen Zirkel von Getreuen zu umgeben; er verpasst der deutschen Nationalmannschaft auch ein neues, jüngeres Gesicht und vor allem eine offensive, aggressive Spielweise. Wenig zögerlich ist er auch im Setzen seiner Ziele: Gleich nach seinem Amtsantritt verkündet er, dass nur ein WM-Sieg die Messlatte sein könne. Der DFB, die Liga und die Öffentlichkeit goutieren das rigorose Vorgehen und den gnadenlosen Optimismus des Bundestrainers, solange es fußballerisch einigermaßen rund läuft – immerhin gibt es auf dem Platz nun etwas anderes zu sehen als Quer- oder Rückpässe und verzweifelte Flanken aus dem Halbfeld. Seit einiger Zeit allerdings schwächelt die deutsche Nationalmannschaft wieder bedenklich, der neue Geist scheint sich schon fast wieder verflüchtigt zu haben und Klinsmann gerät im Vorfeld der WM zunehmend ins Fadenkreuz der Kritik.
So weit, so gut, so bekannt.  Der Punkt ist, dass es bei Jürgen Klinsmann eben nicht nur um Fußball geht. Denn neben den zahlreichen Versuchen der offiziellen Politik, die WM für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, ist Jürgen Klinsmann mit seinem fußballerischen Projekt auf eine Weise in einen gesellschaftspolitischen Kontext eingebettet wie noch kein Bundestrainer vor ihm. Um dies zu verstehen, muss man allerdings etwas unter der glänzenden Oberfläche Jürgen Klinsmanns graben. Vor allem darf man sich nicht von dem PR-Feuerwerk blenden lassen, das der Bundestrainer und der ebenfalls 2004 neu bestellte Manager Oliver Bierhoff stets entzünden. Denn Jürgen Klinsmann ist mehr als ein schaumschlagender Motivationsguru. Hat man sich durch die ermüdende Klinsmann-Diktion mit den vielen Doppelungen und dem immer positiven Grundton gekämpft, tritt darunter tatsächlich ein harter Kern, ein konsistentes Weltbild zutage. Ein Weltbild, das dazu verleitet, einen Kontrapunkt zu all den Berichten über Jürgen Klinsmann zu setzen und ihn als das zu bezeichnen, was er (auch) ist: ein »organischer Intellektueller« des Neoliberalismus.

Intellektuelles

Eine absurde, eine verquere Behauptung? Nun, salopp gesagt ist Klinsmann schon allein durch Lothar Matthäus Vorwurf »er denkt zu viel« in den Rang eines Kopfarbeiters unter den Beinarbeitern gehoben worden. Doch hinter dem Begriff des »organischen Intellektuellen« steckt natürlich mehr. Antonio Gramsci, von dem der Begriff stammt, bestimmt diesen vor allem in Abgrenzung zum »traditionellen« Intellektuellen. Dabei ist es zum einen nicht die geistige Tätigkeit an sich, die einen zum Intellektuellen macht, sondern allein die Funktion, die jemand innehat. Intellektuelle können demnach nicht nur Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller und dergleichen sein, sondern alle, die in einer Gesellschaft auf den verschiedensten Ebenen für die konsensbildenden, hegemonialen (Alternativformulierung: konsensbildenden und somit Hegemonie herstellenden) Prozesse »zuständig« sind. Auch wenn Gramsci weniger an Fußballtrainer gedacht hat als an Beamte, Lehrer oder Funktionäre von Parteien und Gewerkschaften, lässt sich mit ein bisschen Phantasie von Klinsmann als einem »Intellektuellen« sprechen. Oder will jemand ernsthaft die enorme integrative Kraft des Fußballs leugnen? Zum anderen artikuliert der organische Intellektuelle im Gegensatz zum traditionellen immer die Weltauffassung einer dominanten oder aufstrebenden Gruppe oder Klasse. Bezogen auf die Welt des Fußballs im Allgemeinen und Klinsmanns Fall im Besonderen sind das die Vertreter des »Sportmanagements«, zu deren prominentesten Köpfen seine beiden Lehrmeister Warren Mersereau und Mick Hoban gehören. In der »Zeit« findet sich dazu: »Auch im Profifußball beginnt die Dämmerung der Ideologen, der schwitzigen Männerbünde und feucht-fröhlichen Mannschaftsabende«. Klinsmann gilt ihnen als »Vertreter einer neuen Rationalität«. Und tatsächlich hat Klinsmanns kalte und effiziente Amtsführung sehr wenig mit der alten Fußballschule gemein, wie sie etwa noch sein kumpelhafter Vorgänger Rudi Völler repräsentierte.

Klinsmanns »Agenda 2006«

Bleibt der »Neoliberalismus«, genauer das neoliberale Weltbild Klinsmanns. Hier hilft ein Blick in ein Gespräch Klinsmanns mit dem Magazin der »Süddeutschen Zeitung« vom Juni 2005, eines der erhellendsten Dokumente in diesem Kontext. Da ist zunächst – natürlich - die allgegenwärtige Marketingrhetorik, die ein offensives Spiel aus der Notwendigkeit begründet, sich am “Kunden Fan“ zu orientieren und die schließlich in folgendem Zitat gipfelt: “Ein Sieg im nächsten Jahr böte die Chance zu zeigen, wer wir sind. Wir haben die Möglichkeit, Deutschland neu zu definieren: eine Marke, einen ›Brand‹ zu schaffen.“ Dies ist also Klinsmanns Anspruch, sein Mittel ist die kontinuierliche Umwälzung der Verhältnisse: „Wir müssen alte Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Und zwar andauernd – nicht nur im Fußball. Das ist doch nichts Schlimmes. Reform ist kein Prozess, der in Episoden stattfindet. Das Reformieren muss zu einem permanenten Zustand werden – nicht nur vor der Weltmeisterschaft, auch danach.“ Klinsmann hat dem deutschen Fußball eine „Agenda 2006“ verordnet; und die entsprechende Subjektform hat er auch gleich parat: “Bisher machen die Athleten meist nur, was ihnen vorgegeben wird. Wir geben ihnen Hilfe zu Selbsthilfe. [...] Es gibt kein Recht auf Faulheit, sondern eine Pflicht zur Leistungssteigerung. Wir wollen den mündigen Spieler.“ Freilich bleibt dieses Programm nicht auf die semantische Ebene beschränkt; es schlägt sich vielmehr in ganz konkrete »Techniken der Führung« nieder, die man schon aus anderen Zusammenhängen kennt. So wurden für die als autonome Subjekte »angerufenen« Spieler individuell zugeschnittene Trainingspläne erstellt, mit denen diese in Eigenregie die letzten verborgenen Leistungsreserven aus sich herauskitzeln sollen – eine Art zeitgenössisches Selbst­optimierungsprogramm also. Und Klinsmanns bewusstes Offenhalten der Torwartfrage, mit der er die beiden Anwärter Kahn und Lehmann in einen harten Konkurrenzkampf trieb, erinnert an die Methoden, mit denen Unternehmen durch Vermarktlichungsmechanismen den Wettbewerb nach innen tragen.
Mit dem Bundestrainer Klinsmann hat der neoliberale Managementdiskurs Einzug in das Terrain des Fußballs gefunden; er trägt dazu bei, auch unter FußballanhängerInnen ein Gedankengut zu popularisieren, das sich an den einschlägigen Werten von Kundenorientierung, Effizienz und Eigenverantwortung ausrichtet. Nimmt man, etwas polemisch, noch einige eher äußerlichen Punkte hinzu, seine Vorliebe für Powerpoint-Präsentationen oder seine Affinität zu den USA und dem „American Way of Life“ generell, treten deutlich die Konturen eines Angehörigen einer neuen transnationalen (Sport)-Managerklasse hervor, eines »organischen Intellektuellen« des Neoliberalismus eben.

Was der DFB und der Sozialstaat gemein haben

Wer will, kann das alles für intellektuell spitzfindig oder auch für platte Propaganda halten. Dass man jedoch mit solcherlei Behauptungen nicht ganz auf dem Holzweg ist, das legt die Art und Weise nahe, in der Klinsmanns Wirken mancherorts begierig aufgenommen wird. Exemplarisch ein Artikel des »Spiegel« vom März 2006. In diesem wird über zwölf Seiten die Geschichte des »verfluchten Reformers« Klinsmann ausgebreitet und die dreht sich eben nicht nur um die Nationalelf und den DFB, sondern auch um Globalisierung, den Sozialstaat und andere deutsche Probleme. Denn wie das Nachrichtenmagazin weiß: »Die Geschichte des Reformers Klinsmann ist auch eine Geschichte über die Reformfähigkeit Deutschlands«. Das Klinsmannsche Projekt, den DFB umzukrempeln und nebenbei die WM zu gewinnen, wird parallelgesetzt zu den Anstrengungen der politischen Klasse, vermeintliche staatliche Rigiditäten zu lockern und Deutschland »wieder nach vorne« zu bringen. Dass beides im »Spiegel« eine durchaus wohlwollende Begleitung erfährt, ist dabei typisch für den herrschenden Zeitgeist. Ob gewollt, oder – wie in den letzten Monaten - eher ungewollt, Jürgen Klinsmann spielt seine Rolle im neuen Deutschland der pragmatischen, »unideologischen« Reformer. Die Hoffnungen, die die Öffentlichkeit in den Bundestrainer setzt, sind allerdings sehr viel höher als sie bei Merkel und Co. je sein könnten. Nicht weniger wird von ihm erwartet, als mit einem WM-Sieg den deutschen Fußball und die deutsche Nation gemeinsam aus der kollektiven Depression zu reißen.

Ambivalenzen

Genau solche übersteigerten Erwar­tungen könnten Jürgen Klinsmann letztlich zum Verhängnis werden. Denn anders als in der Politik lassen sich beim Fußball die Ergebnisse des Handelns sehr viel klarer und unmittelbarer ablesen: ein 0:4 kann durch keine Statistik verfälscht und durch keinen spin-doctor schön geredet werden. Und so könnte es mit der »spontanen Zustimmung« der Fußballmassen – die ja in den letzten Monaten sowieso schon arg gelitten hat - schnell wieder vorbei sein. Blamiert sich die deutsche Mannschaft bei der WM, wird nicht nur die »Bild« die »PR-Maschine« Klinsmann erbarmungslos in ihre Einzelteile zerlegen. Ob das, was danach kommt, dann unbedingt besser ist, darf nicht nur aus rein fußballerischer Perspektive bezweifelt werden.
Letztendlich trägt das Klinsmann-Projekt die gleichen ambivalenten Momente in sich, die auch die aktuellen politischen Entwicklungen kennzeichnen. Es ist wie mit dem Wohlfahrtsstaat. Jegliche Romantisierung des alten Modells verbietet sich. Will jemand etwa Otto Rehhagel als Bundestrainer, der dann alsbald mit Libero spielen lässt und mit rassistisch eingefärbten Plattitüden über den »Südländer an sich« um sich wirft? Oder Ottmar Hitzfeld, der in seinen letzten Jahren bei Bayern München mit gepflegtem Angsthasenfußball langweilte? Oder den bärbeißigen Matthias Sammer? Lothar Matthäus?? Wünschenswert wäre Offensivfußball ohne neoliberale Begleitmusik. Doch wo ist der Kopf, der solch ein Konzept vertreten würde? Okay, Christoph Daum vielleicht. Na ja. So sind leider auch im Fußball die Alternativen dünn gesät.

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