Jenseits der engen Grenzen - Auf dem Europäische Sozialforum in Athen gelang der Brückenschlag nach Osteuropa und in die Türkei

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Steffen Vogel

Um den Platia Omonia, den Platz der Eintracht, tost der Verkehr. Sechs stark frequentierte Straßen treffen hier an einem zentralen Ort der griechischen Hauptstadt zusammen. Die AthenerInnen fahren schnell und betrachten rote Ampeln meist als überflüssiges Hemmnis. Motorisierte Zweiräder aller Art erfreuen sich großer Beliebtheit und tragen zum enormen, auch Nachts kaum gemilderten Lärmpegel bei. Auf dem Platz, vor der Glasfront eines teuren Hotels sitzt auf einem flachen Schemel ein alter Mann, das Gesicht von einer Bräune, die vom ständigen Arbeiten unter einer südlichen Sonne zeugt. Zuweilen bleiben Männer in gut geschnittenen Anzügen stehen und heben ihre Füße auf ein kleines Holzpodest zwischen den Beinen des Alten. Der krempelt mit einer geübten Bewegung die Hose seiner Kunden leicht hoch, greift zu Lappen und Dosen, wendet sich dann den Schuhen zu. Gelegentlich sieht man ihn bei seinem etwa gleichaltrigen Nachbarn stehen, der Sesamringe verkauft. Das Bild komplettiert ein Tamile, er umkreist mit einem Tablett voller Sonnenbrillen den Platz. Eine nostalgische Szene, ein romantisches Überbleibsel traditioneller Berufe? Vielleicht. Vielleicht aber auch ein Vorgeschmack auf eine europäische Arbeitswelt, die keine Sicherheit mehr bietet, sondern allenfalls Einkommen, die zum Leben gerade oder kaum noch reichen.

Der Omonia-Platz wartet mit einem Dutzend Kiosken auf, Zeitung lesen ist populär und die Buden sind dicht umdrängt. Für Schlagzeilen sorgt der drohende Krieg gegen Iran. Der griechische Verteidigungsminister Meirmarakis hatte kürzlich erklärt, die Souda-Bay auf Kreta stünde der US-Armee als Ausgangspunkt für Angriffe bereit. Doch 90 Prozent seiner Landsleute lehnen das ab.

Viel Stoff für das 4. Europäische Sozialforum, genug Gründe, es für die AthenerInnen interessant zu machen. Kostenlose Werbung liefert sogar die Polizei. Sie sieht sich außerstande, zugleich die Abschlussdemo des Forums und das Pokalendspiel zwischen den Fußballclubs AEK Athen und Olympiakos zu betreuen. Die Begegnung muss verlegt werden, obendrein auf einen Wochentag. Die AthenerInnen scheinen es den GlobalisierungskritikerInnen nicht übel zu nehmen. Jedenfalls finden sich zahlreiche GriechInnen unter den 35.000 Menschen, die vier Tage auf dem ehemaligen Olympiagelände nahe der Küste zusammentreffen.

Dort bleiben trotz der zahlreichen Fotoausstellungen die Konferenzräume farbarm: weiße, schmucklose Wände, kaltes Neonlicht, graue Plastikstühle. Umso mehr erfreuen die Klangfarben: mal sorgsam artikuliertes, mal temporeiches Italienisch, Französisch im langsamen oder überbordenden Singsang, Englisch mit hartem bulgarischen Akzent und Deutsch mit weicher österreichischer Einfärbung. Doch von babylonischer Verwirrung keine Spur, das ESF will Alternativen aufzeigen, etwa zur europäischen Einigung. Einige prominent besetzte Foren widmen sich der europäischen Verfassung. Angereist ist beispielsweise Jean-Luc Melanchon, einer der wenigen Verfassungsgegner im Vorstand der französischen Sozialisten. Eine „Charta unserer gemeinsamen Prinzipien für ein anderes Europa“ soll auf den Weg gebracht werden. Sie enthält neben grundsätzlichen Erwägungen auch konkrete Reformschritte.

Wo verlaufen die Grenzen jenes Europas, dessen Zukunft hier teilweise vehement debattiert wird? In der riesigen Haupthalle, zwischen Infotischen, Plakaten und Ständen mit Kaffee aus Chiapas bewegen sich MigrantInnen mit oder ohne Aufenthaltsgenehmigung, das gehört zur Tradition des ESF. In Athen stoßen erstmals große Abordnungen aus europäischen Nicht-EU-Staaten dazu. In leuchtendem Orange die türkische Friedensbewegung etwa, die Gewerkschaften und Parteien ebenso vereint wie NGOs und KünstlerInnen. Auch Tayfun Serttas gehört dazu, er trägt Poncho und einen akkurat getrimmten Vollbart. Fröhlich verkündet er, „allein von der Friedensbewegung sind 900 Leute gekommen, mit den anderen türkischen Organisationen sind wir weit über 1.000 in Athen“. Und fügt lachend hinzu: „Ich bin der einzige Schwule unter ihnen“. So viele Türken seien noch nie beim ESF gewesen, bestätigt auch Foti Benlissoy von der ÖDP, einer linkssozialistischen Partei. Das Forum sieht er als „Erfahrung im Internationalismus“, die einer oft nationalistisch gestrickten türkischen Linken nur gut tun könne. Hofft er, das Sozialforum werde sich für einen EU-Beitritt der Türkei aussprechen? Benlissoy überlegt kurz und erläutert dann, einige türkische Linke sähen die EU als imperialistisches Gebilde und wollten nicht beitreten. Wer so argumentiere, drohe aber ins Fahrwasser der NationalistInnen zu geraten. Andere Linke würden hoffen, dass Brüssel ihnen mehr Demokratie bringe. Allerdings ignorierten sie die Privatisierungspolitik der Union. Benlissoy teilt beides nicht, wie auch seine Partei hofft er auf einen dritten Weg jenseits der neoliberalen EU wie jenseits des türkischen Nationalismus.

Unter Europa verstehen hier viele mehr als die EU, auch wenn sich wohl niemand auf scharfe Abgrenzungen einlassen will. „Wir müssen die engen Grenzen überwinden“, postuliert Foti Benlissoy etwas allgemein. In diesem Sinne widmen sich zahlreiche Seminare dem Mittelmeerraum, durch den seit geraumer Zeit eine hochgesicherte Außengrenze der EU verläuft, der täglich MigrantInnen aus Afrika zum Opfer fallen.
Europa ist mehr als die EU, das bestätigt auch Alena vom russischen Sozialforum. Ist Osteuropa hier stark genug vertreten? Die junge Frau zeigt sich ob der Frage verblüfft, „zu westlastig“ sei das Treffen keineswegs. Überdies denkt sie bei Osteuropa nicht an Ungarn, sondern eher an Georgien. Unzufrieden ist sie mit den Nahost-Debatten: „zu wenig Details, zu wenig Lösungsvorschläge“.

Das Athener Sozialforum präsentiert sich auf eine sympathische Weise traditionell. Auf dem zweiten kontinentalen Treffen in Paris herrschte noch nüchterne Konferenzatmosphäre. Das diesjährige ESF hingegen lebt, ähnlich dem ersten in Florenz, von einer fröhlichen Gelassenheit, trotz aller Widrigkeiten, die einer semi-professionell organisierten Großveranstaltung anhaften. Vor den Getränkeständen bilden sich lange Warteschlangen, die Übersetzungen klappen oft nicht auf Anhieb. Dennoch murrt hier niemand, wie auch alle mit Geduld und Gelassenheit die rituellen MaoistInnen­demonstra­tio­nen durch die engen Hallen über sich ergehen lassen.

Und in einigen stillen Räumen blüht die konkrete Utopie. So versuchen sich knapp 20 Leute unter Schirmherrschaft von Tariq Ali am genuin europäischen Journalismus. Ihr Magazin Eurotopia erscheint in acht europäischen Ländern in der jeweiligen Landessprache, gemeinsam erstellt von einer europäischen Redaktion. Als Beilage findet es sich etwa im italienischen Wochenmagazin Carta (Auflage: 15.000 Exemplare), in der von Literaturnobelpreisträger Harold Pinter herausgegebenen Monatszeitschrift Red Pepper oder in der mehrfach ausgezeichneten kroatischen Feral Tribune.
Eines der Blätter aus diesem Zirkel, die Avgi, findet sich auch am Omonia-Platz. An einer Wäscheklammer befestigt, baumelt es unter der schmalen Überdachung des Kiosks, neben den Großen der Branche und neun täglichen Sportzeitungen. Ein paar Meter weiter schläft einer der zahlreichen Straßenhunde, unbehelligt von der ihn umgebenden Eile.

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