Ist der Ruf erst ruiniert

Autor_in: 
Bettina Engels

Über hundert srilankische Peacekeeper werden im November kurzfristig aus Haiti abgezogen. Das marokkanische Kontingent der UN-Mission in der Côte d’Ivoire steht seit Juli unter Hausarrest. Ein Teil der Blauhelme soll Frauen und Mädchen sexuell missbraucht haben.

„Null Toleranz“, heißt es in jüngster Zeit aus dem Hauptquartier der Vereinten Nationen (UN) in New York. Anfang November müssen 107 Peacekeeper wegen sexuellen Missbrauchs den karibischen Inselstaat Haiti verlassen. Ihnen wird vorgeworfen, während ihres Einsatzes sexu­elle Kontakte zu Prostituierten gehabt zu haben, darunter auch Minderjährige. Ende Juli 2007 sorgen Vorwürfe gegen in der Côte d’Ivoire stationierte Blauhelme für Schlagzeilen. Das marokkanische Kontingent, über 700 Soldaten, wird geschlossen vom Dienst suspendiert. Die Blauhelme sollen Frauen und Mädchen in dem westafrikanischen Krisenland vergewaltigt und missbraucht haben. „Diejenigen, die für schuldig befunden werden“, heißt es in New York, „werden nach Hause geschickt.“ Für eine eventuelle Verurteilung und Bestrafung der Soldaten sind die Entsendestaaten zuständig, in den aktuellen Fällen Sri Lanka und Marokko.

„Null Toleranz“, hieß es in den letzten Jahren schon öfter im zuständigen Depart­ment for Peacekeeping Operations (DPKO) der UN. Zum Beispiel, als 2004 zahlreiche Fälle von Vergewaltigung durch Mitglieder der UN-Mission in der Demokratischen Republik Kongo aufgedeckt wurden.

Seit 2003 sind sexuelle Kontakte mit Minderjährigen und die Inanspruchnahme von Prostituierten für Angehörige von UN-Missionen explizit verboten. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan reagiert mit dem Verbot auf die schlechten Erfahrungen mit den Friedensmissionen in Kambodscha, Osttimor, Sierra Leone, Liberia, Mosambik und auf dem Balkan: Weltweit sind UN-Peacekeeper in (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und sexualisierte Gewalt aller Art verstrickt. Die Taten werden oft als Prostitution getarnt, viele der Opfer sind erst zwölf oder 13 Jahre alt.

„Jungs sind nun mal Jungs“

Zum ersten Skandal kommt es Anfang der 1990er Jahre im Zusammenhang mit der UN-Mission in Kambodscha. Dort steigt die Zahl der SexarbeiterInnen innerhalb eines Jahres um das Drei- bis Vierfache. Kambodschanische Frauenorganisationen sprechen von 25.000 SexarbeiterInnen allein in der Hauptstadt Phnom Penh. Laut UNAIDS, dem Programm der Vereinten Nationen gegen HIV/AIDS, haben 45 Prozent der Peacekeeping-Soldaten in Kambodscha Kontakt zu SexarbeiterInnen. Als sich 180 Unter­zeichnerinnen in einem offenen Brief über sexualisierte Gewalt durch die Peace­keeper beschweren, zeigt der Leiter der Mission, der Japaner Yasushi Akashi, Verständ­nis für das Verhalten der Blauhelme: „Jungs sind nun mal Jungs“, lässt er verlauten. Die Soldaten seien eben noch jung. Sie hätten ‚natürliche‘ sexuelle Be­dürfnisse, und außerdem tränken sie ab und zu mal einen über den Durst.

Akashi wird später Leiter der UN-Mis­sion im ehemaligen Jugoslawien. Dort leben Peacekeeping-Soldaten ihre „sexu­ellen Bedürfnisse“ auf ähnliche Weise aus wie ihre Kollegen in Südostasien. In Kroatien führt die Stationierung internatio­naler Truppen dazu, dass die Sexindustrie zeitweise zum am schnellsten wachsenden Wirtschafts­zweig wird. In Bosnien, wo insgesamt über 50.000 zivile und militärische internationale Kräfte eingesetzt sind, entsteht in der Nachkriegszeit 1995/96 ein neuer Markt für Sexarbeit und Pornographie. Auch Jahre später sagen Sexarbeiterinnen in Bosnien und Kosovo, dass über die Hälfte ihrer Kunden zu den Kreisen des internationalen Personals gehören, berichtet die Vertreterin des UN-Menschenrechts­kommissariats in Bosnien-Herzegowina, Madeleine Rees. 80 Prozent des Umsatzes der Sexindustrie im Kosovo entstehen durch die Präsenz der internationa­len Truppen, schätzt amnesty international im Mai 2004. Die NATO- und UN-Einheiten „begünstigen die Zwangsprostitution im Kosovo“, stellt die Menschenrechtsorganisation fest.

Gesundheit der Soldaten

Angesichts dessen macht sich Angelika Beer, ehemals verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen, Sorgen um die „psychische Stabilität“ von Bundeswehrsoldaten in Aus­lands­ein­sätzen. Im Dezember 2000 fordert sie das Ver­teidigungs­minis­terium auf, zu prüfen, welche Möglichkeiten deutsche Sol­da­ten im Ausland hätten, „Beziehungen auf­zu­bauen und ihre Freizeit zu gestalten“. „Auch Möglichkeiten der legalen Pros­ti­tu­tion sollten nicht außen vor bleiben“, so Beer. Anlass ist der Bericht eines ehe­mali­gen KFOR-Soldaten im ARD-Magazin Welt­spiegel über Kon­takte zu einer minder­jähri­gen make­doni­schen Zwangs­pros­ti­tuier­ten und Bordell­besuche von KFOR-Sol­daten.

Die US-amerikanische Wissenschaftlerin und feministische Aktivistin Cynthia Enloe vermutet, dass Prostitution erst dann zum öffentlichen Thema wird, wenn die Gesund­heit der Soldaten auf dem Spiel steht. Während der UN-Mission 1992/93 steigt die HIV-Infektions­rate in Kambodscha rasant an. Angela Mackay, ehemalige Gender-Beraterin des DPKO, berichtet von Vorwürfen, die UN-Mission hätte den Virus überhaupt erst nach Kambodscha mitgebracht. Schon in Frie­dens­zeiten sind die HIV-Infektionsraten im Militär doppelt bis fünf Mal so hoch wie die in der zivilen Bevölkerung. Die Wahr­scheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren, ist für Peace­keeping-Soldaten höher als die, in bewaffneten Auseinandersetzungen getötet zu werden. Zwei Vorstellungen sind im Militär präsent und führen dazu, dass sich Soldaten im Vergleich zur zivilen Bevölkerung besonders häufig mit sexuell übertragbaren Krankheiten infizieren – selbst, wenn ihnen Risiko und Schutzmöglichkeiten bekannt sind: zum einen das soldatische Selbstbild als furchtloser und risikofreudiger Mann und zum anderen die im Militär weit verbreitete Homophobie in Verbindung mit der Idee von AIDS als ‚Schwulenkrankheit‘.

Gender-Training für Blauhelme

Von ‚freiwilliger‘ Sexarbeit kann in Kriegs- und Nach­kriegs­situationen kaum die Rede sein. Mit der Zunahme an HIV/AIDS und anderen sexuell übertragbaren Krank­heiten wächst die Nachfrage nach immer jüngeren Sex­arbeiterIn­nen. Oft werden Ver­ge­walti­gun­gen als Prostitution ausgegeben. Ein Blau­helm-Soldat ist in einem Nach­kriegs­land einer der wenigen, die keine grund­legen­den materiellen Sorgen haben. Er kann relativ sicher sein, für sexuellen Miss­brauch nicht bestraft zu werden. Die Be­troffenen haben praktisch keine Chance, sich dagegen zu wehren. Ob sich anders­herum von Krieg, Flucht und häufig auch von sexualisierter Gewalt traumatisierte Menschen frei(willig) für eine Tätig­keit als SexarbeiterIn entscheiden können, ist fraglich. Oft erscheint sie Frauen und Mädchen in Nach­kriegs­gesellschaften als einzige Überlebenschance.

Im Oktober 2000 verabschiedet der UN-Sicherheitsrat eine Resolution über „Frauen, Frieden und Sicherheit“. Seither gibt es auch im DPKO Versuche, geschlechtsspezifische Fragen zu berücksichtigen. Peacekeeping-Kräfte müssen Gender-Trainings durchlaufen und sich einem Verhaltenskodex verpflichten. Eine Abteilung des DPKO befasst sich mit sexuellem Missbrauch. Einige Missionen verbieten ihrem Personal den Aufenthalt an für Prostitution bekannten Orten. In den größten Einsätzen gibt es eigene Teams für die Überwachung des Verhaltenskodexes. Im aktuellen Fall in der Côte d’Ivoire ist es dieses Team, das den Missbrauchsverdacht gegen die Blauhelme international zur Sprache bringt. Ivorische Frauenorganisationen beschweren sich schon lange über das Verhalten von Mitgliedern der UN-Mission. Keiner der Fälle bliebe unbestraft, so die Sprecherin der Mission, Margherita Amodeo. Allerdings wird sich die Strafe wohl bei den meisten darauf beschränken, in ihr Heimatland zurückgeschickt zu werden. Dass die marokkanische Regierung ihr Blauhelm-Kontingent sanktionieren wird, ist unwahrscheinlich. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass Sri Lanka seine aus Haiti zurückgeschickten Soldaten bestrafen wird – schon allein deshalb, weil die Regierung es sich nicht leisten kann, den Unmut der Armee auf sich zu ziehen.

Bettina Engels ist Politikwissenschaftlerin und promoviert an der FU Berlin.

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