Irrwege der Solidaritätsbewegung

Autor_in: 
Christian Schröder

Josef (Moe) Hierlmeier

Internationalismus
Eine Einführung in die Ideengeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart
[Reihe theorie.org]

Schmetterling Verlag | Stutgart | 2006
2. erw. Auflage | 216 Seiten | 10 EUR

 

 

Wer sich politisch engagiert, begeht Irrtümer. Sie abzustreiten wäre verlogen. Fatal wäre es, sich ihnen nicht zu stellen.

Moe Hierlmeier hat als langjähriger Bewegungsaktivist im Lateinamerika Komitee Nürnberg und in der Bundeskoordination Internat­ionalismus (BUKO) viele mit­erlebt und mit begangen. In seiner Einführung in die Ideen­geschichte des Internatio­nalismus, die jetzt in einer erweiterten Neuauflage erschienen ist, nimmt er die LeserInnen mit auf eine essayistische Reise der „Um- und Holzwege und Sackgassen“ internationalistischer Politik und führt gekonnt in „große“ Theorien ein.

Er beschreibt die Geschichte des Neuen Internationalismus – den „alten“ Internationalismus der ArbeiterInnenbewegung streift er nur am Rande –, den er in drei Phasen unterteilt: Mit der außerparlamentarischen Opposition in den 1960er Jahren erlebt er seine Wiedergeburt. Sein Ende findet er mit dem Niedergang der 68er-Bewegung. Nicaragua und die Schuldenkrise stehen im Mittelpunkt der zweiten Phase der Internationalismus­be­we­gung, die stark christlich geprägt ist. Es ist die Blütezeit der De­pen­denz­theorie und Be­freiungs­theo­logie. Mit 1989 endet diese Phase abrupt. In den 1990er Jahren macht die Bewegung radikale Veränderungen durch. NGOs treten als neue Akteure auf, etliche von ihnen kommen aus der Dritte-Welt-Bewegung. Mit der Professionalisierung geht ein neuer Politikstil einher: Nicht mehr Protest steht im Vordergrund, sondern Lobbyismus. Hierlmeier führt dieses gewandelte Staats­verständnis auf seine geistesgeschichtlichen Wurzeln zurück. Ein konfliktives Verständnis der Zivilgesellschaft à la Antonio Gramsci sei einem harmo­nischen à la Jürgen Habermas gewichen. Es dauert lange, bis der Internationalismus nach dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus mit der globalisierungskritischen Bewegung in Seattle 1999 sein Comeback erlebt. Ein „Bewegungszyklus von hoher Intensität“ setzt ein, der den Neoliberalismus symbolisch angreift, auch wenn dieser an Kraft verloren habe.

Seit der Erstauflage 2002 ist ein Kapitel zur Theorie der globalisierungskritischen Bewegung und ihrer Sozialforen hinzugekommen. Das Buch ist hoffnungsvoll. Es beschreibt die Bewegungsgeschichte als einen permanenten kollektiven Lernprozess und lässt sie reflektierter und selbstkritischer erscheinen, als sie oftmals ist. Den roten Faden bildet das Staats­verständnis der internationalistischen Bewegung in ihren verschiedenen Phasen und theoretischen Wurzeln. Indem der Autor den Interna­tionalismus und seine Ideen im zeitgeschichtlichen Kontext Westdeutschlands – es fällt kein Wort über Solibewegungen in der DDR – erläutert, erfährt man erstaunlich wenig über diejenigen, mit denen sich hierzulande solidarisiert wurde. Die enttäuschende Entwicklung der „Bewegungen an der Macht“ in der Dritten Welt wird deshalb ebenso weitgehend ausgespart wie der Reflektionsprozess, der Anfang der 1980er Jahre in Teilen der Bewegung einsetzt. Trotz dieser Leerstellen ist das Buch sehr zu empfehlen, denn es vermittelt auf wenigen Seiten eine kompakte und tiefsinnige Einführung.

 

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