Ich mag es, wie es ist

Autor_in: 
Charlotte Wild
Es ist der erste Tag, nachdem ich begonnen habe, als Sex­ar­bei­terin in Deutschland zu arbeiten. Und überall in Kreuzberg hängt dieses Poster, großer, markanter Text auf weißem Untergrund: „FUCK ME LIKE THE WHORE I AM“. Wie es da in der Straße hängt, ist es fast so groß wie ich.

Es sind drei Dinge, über die ich mich am meisten aufrege. Erstens suggeriert der Slogan Passivität und Dinge, die dir getan werden – und nicht von dir. Zweitens suggeriert es, dass „whores“ auf eine bestimmte Weise gefickt werden wollen, nämlich hart, gewalttätig und oft. Dieses Begehren wird mit einem moralischen Urteil aufgeladen – wenn du gerne viel oder harten (härteren) Sex hast oder nicht monogam lebst, bist du eine „whore“. Soll heißen, du stehst niedriger auf der sozialen Leiter als andere – niedriger als Frauen im Allgemeinen, als queers, als Menschen mit psychischen Krankheiten, als Menschen mit migrantischem Hintergrund. – Die Liste ist lang. Diese soziale Ordnung und Kontrolle der Sexualität werden nicht nur immer wieder durch Männer ausgeübt, sondern durch fast jede/n; Sie werden täglich in Medien, populärer Kultur und Graffiti begründet sowie auf der Straße, in persönlichen Beziehungen und Interaktionen.

Der Macher dieser Poster will dich nicht dazu bewegen, über die Sexualität und das Verlangen von SexarbeiterInnen nachzudenken, sondern produziert eine Bestärkung von Moral und sexuellen Codes. Ich bin mir nicht sicher, was seine wirklichen Beweggründe wären, wenn nicht zu provozieren. Ich vermute, er hat sich daran nur aufgegeilt und nicht groß weiter darüber nachgedacht.
Dieser Text ist meine Antwort, eine Antwort auf die Frage, wie ich –  eine irgendwie queere, migrantische Sexarbeiterin – ficke; eine Antwort der „whore that I am“.

Ich spreche nur für mich und über meine eigenen Erfahrungen. Ich will das klarstellen, denn Diskussionen über Sexarbeit werden von Menschen dominiert, die für andere sprechen – meistens PolitikerInnen, Lobby­gruppen, Aka­demi­kerIn­nen, Filme­ma­cherInnen etc. – und integrieren selten uns, die Personen über die gesprochen wird. In diesen Diskussionen wird von uns oft verlangt, dass wir glauben, die Erfahrung einer Sexarbeiterin oder eines Sexarbeiters sei die gleiche wie die einer anderen oder eines anderen. Aber meine Erfahrungen in einem Oberklasse-Bordell unterscheiden sich nicht nur von denen, die jemand auf den Straßen der Reeperbahn oder als Trans-SexarbeiterIn oder in Polen macht – sie sind sogar anders als die meiner nächsten KollegInnen. Unsere Motivation, unsere Geschichte, unser Verlangen und unsere Gefühle sind unsere eigenen. Was nicht heißt, dass sie isoliert und ohne Verbindungen sind – es heißt nur, dass es gefährlich und auch zerstörerisch ist, zu verallgemeinern.

The whore I am

Ich begann mit der Sexarbeit, um dem Land zu entfliehen, in dem ich aufgewachsen bin (ein Land, das viele Euro­päerIn­nen als Paradies begreifen) – nicht aus ökonomischen Gründen, sondern wegen einer Mischung aus Liebe und (queer & gender) Politik. Ich bin hier, weil ich hier sein will.

Meine Unsichtbarkeit in Deutschland, kon­trär zur Un­sicht­barkeit von hier illegal leben­den MigrantInnen, basiert auf einem Privileg. Es ist das Privileg der weißen Haut und des Umstandes, dass ich – bis ich meinen Mund öffne und spreche – aussehe, als könnte ich „hierher gehören“. Und selbst dann ist es nicht so schlecht – mein Akzent ist schwer einzuordnen und stiftet mehr Verwirrung, als dass er Vorurteile erzeugt. Ich habe Universitätsabschlüsse, sowie eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Ich erzähle das nicht, um die sehr realen und schmerzhaften Erfahrungen Anderer zu negieren, sondern weil ich mir meine Lage bewusst machen will.

Mich als migrantische Sexarbeiterin zu begreifen, bedeutet, das übliche rassistische, Klassen basierte und sexistische Stereotyp abzustreifen, das uns weiß machen will, migrantische SexarbeiterInnen ohne Papiere, aus armen osteuropäischen oder afrikanischen Ländern seien unter Zwang hier, seien misshandelt und ausgetrickst worden. Eine Auffassung, die erst recht stärkere Kontrollen der Grenzen im Allgemeinen und von Frauen im speziellen vorantreibt. Sie stigmatisiert uns als hilflos und naiv, als müsste man uns retten – wie immer. Sie erklärt das Bedürfnis für falsch, Kultur und ‚Heimatland‘ oder unsere Good-Girl-Ge­schlechter­rollen verlassen zu wollen, um etwas anderes zu beginnen.

Ich bin keine ‚Gute Migrantin‘. Ich bin auch nicht hier, weil Deutschland reich und mächtig ist oder mehr Job-Möglichkeiten bietet als mein Heimatland. Ich bin nicht hier, um mich zu integrieren, mich gut zu benehmen oder dem Gesetz zu gehorchen. Ich bin hier, um es zu zerstören. Ich bin hier, weil ich die Leute liebe, die versuchen etwas anderes aufzubauen. Ich mag die Lücken und Löcher, und ich will mehr davon machen.
Und ich frage mich, wenn ich nicht in das Konzept migrantischer Sexar­bei­terIn­nen passe, wieviele andere Leute passen da ebenfalls nicht rein?

Fuck me like

Ich verkaufe meinen Körper nicht, noch werde ich von meinen Klienten gefickt – ich ficke sie. Ich peitsche sie auch, fessele sie, pisse sie an, berühre sie sanft, spreche mit ihnen, halte ihre Hand, wenn sie das möchten. Wenn ich es möchte. In all diesen Situationen bin es üblicherweise ich, die handelt. Ich habe immer die Kontrolle über das Spiel, sogar wenn es devot/unterwürfig/passiv ist, was ich jederzeit stoppen oder verändern kann, zu jedem von mir gewählten Zeitpunkt.

Und ich bekomme eine Menge der unterwürfigen SM-Jobs – nicht nur, weil ich manchmal spanking [eine Tracht Prügel] mag – sondern weil ich dabei viel mehr lernen kann, als wenn ich immer nur die Dominante bin. Ich mag den Vertrauens­vorschuss, den es braucht, um zu neuen Erfahrungen geschubst zu werden; ich mag die Momente der Furcht und ich mag es, sie zu durchleben, mag es, meine Grenzen kennen zu lernen und sie zu verschieben, so wie ich es will.
Das geht über Körperliches hinaus, bis zu den Grenzen der Angst. Um konkreter zu sein: Da war mein Termin mit Henry*, der viel mehr für mich tat als ich für ihn. Henry war ziemlich jung und klein, mit sanften Augen. Zuerst fürchtete er sich, das Spiel zu spielen, wegen der sprachlichen Schwierigkeiten. Er war der Dominante, ich die Unterwürfige. Seine Bedenken waren für mich ein Zeichen, dass ich keine Probleme mit ihm haben würde, dass er meine Grenzen beachten würde. Wenn Leute sich nicht sicher sind, was sie wollen und nicht wissen, wie sie sich ausdrücken sollen, werden sie unsicher.

Wir spielten ein Spiel mit Seilen. Ich war nackt, sie kreuzten meinen Körper wie ein Tier, wie etwas das lebt, wieder und wieder geknüpft. Auch meine Handgelenke waren immer gefesselt, er band mich langsam, aber in einem Rhythmus, ich atmete schnell. Ich habe Angst vor Fesseln an meinen Handgelenken, habe Angst vor etwas Engem um meine Handgelenke. Diese Furcht spürte ich seit einem Jahr, seit ich mein Handgelenk gebrochen hatte; ich hatte eine überwältigende Angst vor der Polizei, Angst, das Gelenk werde wieder brechen, falls sie mich festnähmen.

Jetzt verlangsamte ich meinen Atem, ich fühlte das Seil um meine Handgelenke, ich wusste, ich konnte ihn darum bitten, mich loszubinden, wann ich es will. Ich konzentrierte mich auf mein Handgelenk und wie es sich anfühlte. Mein ganzer Körper war nun gefesselt. 30 Minuten lang blieb ich so, während er die Seile in verschiedener Weise um mich schlang.

Als die Seile langsam von meinem Körper genommen wurden, merkte ich, wie sich auch die Angst wieder löste. Ich betrachtete mein Handgelenk, und es fühlt sich stark an, und ich hatte das erste Mal seit einem Jahr keine Angst.
Bei der Arbeit werde ich abgelenkt von Texten, die ich schreiben will, vom Porno, den ich machen will.

In meinen Pausen rolle ich mich auf dem Sofa zusammen, in meiner Unterwäsche und in Stöckelschuhen, denke ans Zigaretten­rauchen, aber halte mich zurück, denke an die Löcher in meinen Strümpfen und lerne Deutsch. Es gibt ein Deutsch-Grammatikbuch, das immer auf dem Kaffeetisch rum zu liegen scheint, ich kann nicht herausfinden, wem es gehört. Ich versuche die Dinge nachzuholen, die ich letzte Woche in der Schule verpasst habe – Konjunktiv II – indirekte/irreale Rede.

The game is not over

Die Grenzen bekommen Kratzer und verwischen ein bisschen. Zu Hause, unter meinem schwarzen Kapuzenpulli und dem Ungdomshuset-T-Shirt spüre ich teure Unterwäsche und den schwindenden Geruch von Parfum. Nicht vollständig abgewaschenes Makeup, schwarz verwischt um meine Augen. Mein Körper ist gezeichnet. Es ist kein neutraler Körper – ich bin überall rasiert und trage noch Zeichen der SM-Verabredung des vergangenen Tages. So feminin sah ich nicht mehr aus, seit ich 17 war.

Ich bin heimlich in die Streetworker auf der Oranienstraße verknallt.
Ich mag es, wie es ist.

Auf meinem Weg nach Hause sehe ich die leeren Orte in Berlin durch das Zugfenster, welches derart mit Namen zerkratzt ist, dass die Szenerie konturiert und erhellt wird. Ich bin hier, ich existiere. Codierte Nachrichten auf dem Glas, den Wänden und verrosteten Metallzäunen draußen. Territoriale Szenen der vorigen Nacht. Beim Übergang vom Westteil der Stadt in den Ostteil bin ich zur Hälfte abwehrend (ich bin erschöpft und kann mich hier nicht entspannen), zur anderen Hälfte beobachte ich die Performance von gender und kulturellen Identitäten, die sich mir bietet. Ich beobachte ihren Zwang. Beobachte mein Spiegelbild unscharf im Fenster. Ich bin hier. Unscharf und ohne klar definiertes Territorium. Ich mag es, wie es ist.

* Namen geändert, um die Nicht-so-Unschuldigen zu schützen.

 

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