Fußballfans sind Touristen sind Kunden sind Exporteure...

 
Autor_in: 
Lars Bretthauer


WM ist WM. So könnte man meinen, egal wie man zum Fussball steht. Die „WM im eigenen Lande“ stellt jedoch eine spezielle Eigenart dar, die es lohnt, genauer betrachtet zu werden.  Denn die Bewerbung und spätere Durchführung einer Weltmeisterschaft ist in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Länder integriert, die sich um die Ausrichtung einer WM bewerben und diese durchführen.

Die „Sorge um die deutsche Volkswirtschaft“

Parallel zur „Sorge um die deutsche Mannschaft“ als Repräsentantin der Nation hat sich im Zuge der Vorbereitungen für die WM2006 eine Diskussion um die „Sorge um die wirtschaftliche Lage Deutschland“ entwickelt, die an die gesellschaftspolitische Debatte um die „kränkelnde deutsche Binnenwirtschaft“, mehr als 5 Millionen Arbeitslose und die beispiellosen Sozialkürzungen durch die Rot-Grünen Hartz-Reformen anschließt. Diese Diskussion konzentriert sich besonders auf die konjunkturellen Auswirkungen der Weltmeisterschaft auf die deutsche Volkswirtschaft. Zu Beginn der WM-Mania diente die WM als pure Projektionsfläche für mehr wirtschaftliches Wachstum im deutschen Binnenmarkt, wobei die WM mit mehr Investitionen und mehr Arbeitsplätzen innerhalb des Wettbewerbsraums Deutschland gleichgesetzt wurde. Ausländische Fans wurden in „ausländische Kunden“ verwandelt, deren Konsum während der WM in den deutschen Leistungsbilanzen als Export deutscher Güter auftaucht.
Jedoch hat sich dieser euphorische Diskurs, analog zu dem über die deutsche Mannschaft, mit der immer näher rückenden WM beruhigt. Zwar wird immer noch von „positiven“ ökonomischen Effekten ausgegangen,  diese werden jedoch nur noch bestimmten Wirtschaftszweigen zugeschrieben. Schätzungen zufolge werden aus der WM ca. 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, davon werden 30.000 nach der WM nicht mehr existieren, und die Schätzungen über das wirtschaftliche Volumen der Weltmeisterschaft als ökonomischem Ereignis (incl. aller vorbereitenden Maßnahmen) schwanken zwischen 2 (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung) und 10 Milliarden Euro (Postbank). Das ist verhältnismäßig viel für ein Spiel, welches sich immer noch als außerhalb der ökonomischen Sphäre stehend inszeniert, jedoch relativ wenig für das Bruttosozialprodukt Deutschland, nämlich zwischen 0,1 und 0,5 %. Es ist also abzusehen, was nach der WM wie vor der WM sein wird: Konjunkturschwäche und Massenarbeitslosigkeit allerorten.

Die wettbewerbsstaatliche Organisation der WM2006

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Fußballweltmeisterschaft in die aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussionen integriert wurde, die sich um die Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschlands ranken. Der Sozialwissenschaftler Joachim Hirsch beschreibt die aktuelle Transformation der Staats in westlichen Ländern mit dem Begriff des „Wettbewerbsstaats“ (Hirsch 1994). Dieser beschreibt die Verschiebung der wirtschaftspolitischen Prioritäten von Vollbeschäftigung und sozialer Absicherung durch den Wohlfahrtsstaat hin zu einer Wirtschaftspolitik, deren Priorität auf der Wettbewerbsfähigkeit Deutschland liegt. Im Modell des Wettbewerbsstaats konkurrieren unterschiedliche Zonen (Regionen, Staaten oder suprastaatliche Gebilde wie die EU) durch geringe Löhne und Lohnnebenkosten (zu denen so „neben“-sächliche Dinge wie Gesundheitsversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Rente usw. gehören)  um die höchsten Investitionen in ihrer Region, Nation oder Staatenverbund. Bei der Transformation zum Wettbewerbsstaat wird die wirtschaftspolitische Gleichung „mehr Investitionen durch geringe Lohnkosten bedeuten mehr Arbeitsplätze“ zur ersten Generalformel: soziale Absicherung wird durch die sog. Workfarepolitik in den Hintergrund gedrängt, und Lohndumping sowie soziale Spaltungen entlang von rassistischen, nationalistischen und sexistischen Trennungslinien billigend in Kauf genommen. In diesem Projekt wird die Fußballweltmeisterschaft als Konjunkturmotor verstanden, der den entsprechenden Regionen ökonomisches Wachstum bringen soll.
Die Konkurrenz der einzelnen Regionen im wettbewerbsstaatlichen Modell findet sich im WM-Bewerbungsverfahren wieder und zeigt die ambivalente Bedeutung des Großereignisses WM2006 auf. Die Bewerbung für die Austragung einer Fußballweltmeisterschaft war durch die Konkurrenz einzelner nationaler Bewerbungskomitees vermittelt und verfügte so über eine ähnliche Form, wie dieses für die Politik der Nationalstaaten im wettbewerbsstaatlichen Idealen angenommen wird. Während die Akteure der Fußballbranche das Prestige der Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft betonten, war die Bewerbung gleichzeitig eingebettet in die wirtschaftspolitischen Strategien von Regierungen und Unternehmen, mit dem Effekt, dass sich diese selber aktiv an der Bewerbung beteiligten.
Im Vergleich zu anderen Industrie­­sektoren können die WM-Bewerbungs­verfahren als wirtschaftspolitischer Aus­nahme­fall verstanden werden. Werden In­vestitionsentscheidungen sonst intransparent hinter den verschlossenen Türen der Unternehmenszentralen getroffen, so ist das WM-Bewerbungsverfahren mit offenen Konkurrenzsituationen (die Bewerber müssen durch mehrstufige Be­werbungsverfahren) und  relativ offenen Ent­scheidungs­kriterien (Fu߭ball­stadien, Unterkünfte, Sicherheits­lage) als Wettbewerb der einzelnen Bewerbernationen von einer relativ transparenten medialen Inszenierung begleitet. Dem Ideal einer „Bewerbung unter Gleichen“ wird soweit entsprochen, wie die vielen Fälle von Korruption, politischer Lobbyarbeit und ungleichen infrastrukturellen Ausgangsbedingungen  (wie z.B. Südafrika und Deutschland bei der Bewerbung um die WM2006) in den Hintergrund gedrängt werden können. Umso ungehaltener wird dann reagiert, wenn diese Machtverhältnisse offen gelegt werden, wie es bei der Entscheidung über die Vergabe der WM2006 durch den geschmackvollen TITANIC-Präsentkorb passierte. Das „Schöne“ bei WM-Bewerbungsverfahren: im Unterschied zu Investitionsströmen, die gesplittet werden können, gibt es nur „einen Sieger“, im Falle der letzten WM-Bewerbung eben die deutsche Bewerbung. In dem Sinne erinnert das WM-Vergabeverfahren eher an eine öffentliche Projektausschreibung denn als eine Investitionsbewerbung.
Nach der Zusage für einen WM-Standort setzte sich die konkurrenzielle Organisation der Weltmeisterschaft innerhalb der weiteren Planungsphase weiter fort. Nun konkurrierten einzelne Städte um die Austragungsorte für die WM: nach einer ersten Bewerbungsphase wurden 15 Städte ausgewählt, die später wiederum auf 12 reduziert wurden. Bereits bei der ersten Bewerbungsphase war als einzige ostdeutsche Stadt Leipzig mit dabei. Der Aufschrei durch Politik und lokale Unternehmen war groß, als bekannt gegeben wurden, dass Städte wie Düsseldorf oder Bremen nicht zum erlauchten Kreis der WM-Spielorte gehören. Ebenso wurden harte Bewerbungskämpfe um die Schlüsselereignisse und infrastrukturellen Zentren der WM geführt: der prominenteste wahrscheinlich um die Eröffnungsfeier (erst Berlin, fällt nun aus), das WM Finale (Berlin) und vor allem um de Standort des internationale Medienzentrums der WM, in dem 20.000 Journalisten und Techniker während der WM arbeiten werden. Bei letzterem lieferten sich Berlin als Hauptstadt und München mit der Lobby des WM-Außenrepräsentanten Franz Beckenbauer ein hartes Duell, welches München für sich entschied, so dass nun dort für mehr als 90 Millionen Euro ein neues Medienzentrum entsteht.
Die wirtschaftspolitische Einbettung der WM setzt sich bis zu den Fußball­mannschaften durch, die über ihre WM-Unterkünfte zu entscheiden hatten. Bei den bekanntesten Teams bewarben sich einzelne Städte und Hotels um die Beherbergung der Superkicker. Der Jubel war groß, als die vermögende Kommune Königsstein mit dem noblen Kempinski Hotel den Zuschlag durch den brasilianischen Verband erhielt. Auch in der Landespolitik war die Freude über die zusätzlich PR gross: „Das ist eine wunderbare Nachricht für das Sportland Hessen. Hessen heißt die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft ganz herzlich Willkommen bei Freunden“, so Hessens Innen- und Sportminister Volker Bouffier. Hinter den Kulissen wurden jedoch hart über diese Entscheidung verhandelt: Fußballverbände, regionale Politiker, Hotelketten und Sportkonzerne wie Nike, die ihre Mannschaften als Ausrüster in den Metropolen platzierten wollten, feilschten um die Unterkünfte.  Als bekannt wurde, dass der brasilianische Verband 500.000 Euro für eine Zusage forderte, zog sich jedoch ein Teil der Bewerberstädte zurück. Es darf am Ende der Entscheidung nur gemutmasst werden, wie hoch die einzelnen Summen waren, die von Tourismusverbänden, Kommunen und Unternehmen gezahlt wurden.  Innerhalb der regionalen Standortkonkurrenz um die Unterkünfte der WM-Mannschaften haben sich schlussendlich eindeutige regionale Sieger und Verlierer herausgebildet. Nordrhein-Westfalen (7), Baden-Würtemberg (6) und Bayern (6) sind mit 19 von 32 Mannschaften die eindeutigen Sieger im Standortwettbewerb der Bundesländer. Als einziges ostdeutsches Bundesland hat sich Brandenburg die ukrainische Nationalmannschaft als Gast in Potsdam sichern können: alle anderen ostdeutschen Bundesländer gingen leer aus.  

Die WM als wirtschaftlich selektives Ereignis

Fußballweltmeisterschaften in kapitalistischen Staaten stellen somit immer eine Gradwanderung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert dar, zwischen dem Fußball als Spiel und der Einbettung des Spiels in ein volkswirtschaftliches Geflecht aus Kommunen und Unternehmen, die entweder direkt oder indirekt am Verkauf des Produkts „Fußballweltmeisterschaft“ interessiert sind.
Dem wettbewerbsstaatlichen Modell entsprechend kommt staatlichen Institutionen vor allem die Aufgabe zu, die regionalen Rahmenbedingungen für Investitionsanreize zu setzen, um die Kosten für die jeweiligen Unternehmen möglichst gering zu halten. In dem Sinne hat die öffentliche Hand die Bewerbung einzelner Regionen erst ermöglicht. Als der 1. FC Kaiserslautern 2004 in eine finanzielle Krise geriet, half die rheinland-pfälzische Landesregierung mit Ausfallbürgschaften, um die Finanzierung des dortigen WM-Stadions zu garantieren. Ebenso in Berlin, wo der klamme Landeshaushalt eine Sanierung des Olympiastadions verunmöglichte: hier sprang der Bund mit Finanzmitteln ein, um Berlin als repräsentativen WM-Spielort zu retten. In allen WM-Städten sind neue infrastrukturelle Maßnahmen mit besonderem Elan vorangetrieben worden: Verkehrsprojekte wie der neue Berliner Hauptbahnhof oder der Hauptbahnhof in Gelsenkirchen werden bis zum Beginn der WM fertiggestellt sein. Die von der WM profitierenden Unternehmen sind von den Kosten für die WM weitgehend freigestellt worden. Diese werden mit dem entsprechenden Risiko von der öffentlichen Hand übernommen, in der Hoffnung, dadurch winzige makroökonomischen Wachstumsanreize zu setzen.
Von den in Deutschland angesiedelten Unternehmen profitieren jedoch ebenfalls nicht alle gleichermaßen von der WM. Wie bei Großereignissen üblich, gehören zu diesen vor allem die Bauwirtschaft, die an den infrastrukturellen Ausbaumaßnahmen im Vorfeld der WM verdienen, die Tourismusindustrie und die Fanartikelhersteller. Nicht aus dem Blick zu nehmen sind zudem die Unterhaltungsindustrie, deren HD-TV Offensive pünktlich zur WM anrollt, Transport- und Logistikunternehmen und Sicherheitsdienste, die in Zeiten des „war on terrorism“ das Großereignis bewachen. Für andere Wirtschaftssektoren wird die WM jedoch ein ökonomisch irrelevantes Ereignis sein.
Selbiges gilt für die ostdeutschen Bundesländer, die im Gegensatz zu den westdeutschen Bundesländern bis auf Leipzig keine WM-Spiele und damit auch keine nennenswerten konjunkturellen Aufschwung durch infrastrukturelle Maßnahmen oder Tourismussektoren zu erwarten haben. In dem Sinne macht es (nicht nur im Berliner Slang) durchaus Sinn von der WM in „West-Deutschland“ zu reden....
In seiner Kurzfristigkeit stellt die Fußballweltmeisterschaft daher ein selektives, d.h. ein- und ausschließendes wirtschaftliches Ereignis dar, in dem bestimmte Regionen und Wirtschaftszweige kurzfristig von der WM profitieren, während andere von diesem ökonomischen Wachstum ausgeschlossen sind. Die erzeugten Spaltungen zwischen den Verlierern und Gewinnern werden dabei – wie sonst auch in der marktvermittelten Konkurrenz kapitalistischer Ökonomien und in neoliberalen Politikmodellen – mit der „schlechteren Leistung“ der Verlierer begründet. Über ungleiche Ausgangsbedingungen und Erfolgschancen wird dann ebenso geschwiegen wie über die Mehrzahl der Arbeitslosen und die Minderheit der auf WM-Dauer befristet Beschäftigten, die dazu noch länger und für weniger Geld prekär arbeiten dürfen. „Hauptsache Arbeitsplätze bei uns“, so wird dann das Credo wettbewerbsstaatlicher WM-Euphorie lauten.

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