Fußball ohne Rassismus?

Autor_in: 
Lars Bretthauer


Als Resultat der massiven Lobby­­arbeit von anti-rassistischen Or­ga­nisa­tionen hat der Weltfu߭ballverband FIFA Ende März 2006 fast unbemerkt von der Öffentlichkeit einen neuen Absatz in seine Dis­zi­plinarordnung eingefügt. Dieser sieht vor, dass „bei diskriminierendem oder menschenverachtendem Verhalten eines Spielers, Offiziellen oder Zuschauers, das einer Mannschaft zugeordnet werden kann, der betreffenden Mannschaft bei einem ersten Vergehen automatisch drei Punkte abgezogen werden. [...] Bei Spielen ohne Punktvergabe erfolgt die Disqualifikation“. Im Gegensatz zu den „anti-racist speaches“, die die Kapitäne der Viertelfinalmannschaften bei der Fußballweltmeisterschaft verlasen, hätte der letzte Satz schon während des WM-Finales gravierende Folgen im Fall Materazzi-Zidane haben können. Dazu kam es aber nicht, denn beide Akteure erklärten, dass keine rassistische Beleidigung vorgelegen habe. Grundsätzlich stellt sich natürlich die Frage, welche Ziele die anti-rassistischen Regeln der FIFA über die Beruhigung von Sponsoren und kritischer Öffentlichkeit hinaus erreichen können. Nichtsdestotrotz haben die neuen Regeln der FIFA, die auf den Protest anti-rassistischer Fanorganisationen gegen die weltweiten rassistischen und antisemitischen Fahnen, Fangesänge und Gesten reagierte, formell einen neuen Verhaltenskodex in den Fußball eingeführt.

„Plötzlicher Rassismus” im Fußball

Seit der Fußball-WM vergeht kaum eine Woche, ohne dass plötzlich interessierte SportreporterInnen über rassistische Vorfälle in deutschen Stadien berichten. Zwei Monate nach der WM drohte ein Bundesliga-Schiedsrichter mit Abbruch des Spiels Aachen gegen Mönchengladbach, nachdem Aachener Fans wiederholt rassistische Rufe gegen schwarze Spieler geschrieen hatten. Bei den Aachener Rechtfertigungen kam heraus, dass es vorher ebenfalls beleidigende Urwald-Rufe von Fans der Gegnermannschaft gegeben habe. Der deutsche Nationalspieler Asamoah wurde im selben Monat bei einem Gastspiel von Rostocker Fans rassistisch angegangen – kurz danach wurde der Spieler Aaron Hunt bei einem Spiel für eine deutsche Juniorenauswahl bezichtigt, zwei englische Spieler als „Affen” beschimpft zu haben und für zwei Spiele gesperrt. Fans der deutschen Nationalmannschaft skandierten im Oktober beim Länderspiel in der Slowakei „Zick-Zack-Zigeunerpack” gegenüber den heimischen Fans. Die höchsten Wellen schlug dann der Fall der tiefklassig spielenden TuS Makkabi Berlin, die im November 2006 kurz vor Spielende nach einer Serie antisemitischer Beleidigungen ihr Spiel gegen Altglienicke abbrachen. Nach Sprüchen wie „Dies ist kein Judenstaat“ und „Auschwitz ist wieder da“, die vom Schiedsrichter ignoriert wurden, verließen die Spieler aus Protest den Platz.

Die vielfältigen anti-rassistischen Ini­tiativen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass rassistische Vorfälle auch vor der plötz­lich aufkommenden Berichterstattung im Fußball an der Tagesordnung waren. Das seit 1993 bestehende Bündnis aktiver Fußballfans (B.A.F.F.) reiste bereits 2001 mit seiner Ausstellung „Tatort Stadion” durch Deutschland, um auf rassistische Übergriffe in Stadien und rassistische Kommentare durch Fußballfunktionäre aufmerksam zu machen. Neu ist jedoch ihre erneute Präsenz in den Medien und die Reaktion der Offiziellen aus Fußballbusiness und staatlichen Institutionen. Diese reagieren mit plötzlicher Empörung und Öffentlichkeitskampagnen auf die Vorkommnisse in den Stadien und verschärfen die Sanktionsmaßnahmen. Hierzu zählt sowohl die im Oktober durchgeführte Aktion „Zeig Rassismus die Rote Karte” des deutschen Fußballbundes, aber auch ein neues Meldesystem des DFBs, welches rassistische Vorfälle sammeln soll. Gleichzeitig rückt die rechte Fußballszene in das Blickfeld des Verfassungsschutzes: Dieser überwacht mittlerweile mehrere Fanszenen in Cottbus und Frankfurt an der Oder und problematisiert die Strategien der NPD, die angelehnt an das Modell der Schulhof-CD eine Stadion-CD in Vorbereitung hat.

Sanktionierung des Rassismus: Trennung zwischen Profi- und Amateurfußball

Die Diskussion um Rassismus auf Fußball­plätzen dreht sich dabei um die Verteidigung und Verdrängung des rassis­tisch aufgeladenen Fußballerlebnisses. Während rassistische Beleidigungen und Gesten am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit seit längerem rechtlich und durch Konventionen der political correctness sanktioniert werden, wurden diese im Amateur- und Profifußball bis vor kurzem mit wenigen Ausnahmen erlaubt und oft bejubelt, wenn sie sich gegen Fans oder Spieler der gegnerischen Mannschaft richteten. Zumindest für den Profifußball ändert sich dies nun. Seit den neuesten Vorfällen spaltet sich die Rassismus-Debatte in die Diskussion um den professionalisierten Hochleistungsfußball in Multiplex-Arenen und das wochenendliche Kicken in tiefklassigen Ligen. Eine im Oktober 2006 vorgestellte Studie des Fanforschers Gunter Pilz zu rassistischen Vorfällen im Fußball zeichnet einen längeren Wandel des Rassismus vor allem in den Stadien nach: „Der offene Rassismus ist zur Ausnahme geworden. Durch intensivere Gegenmaßnahmen hat eine Verlagerung des verbalen Rassismus in das Umfeld der Stadien und in die unteren Ligen stattgefunden“.

In vielen Debatten wird dabei offensiv gefordert, das private Bolzen müsse als Ort der ungebrochenen Entladung des Alltagsfrusts erhalten bleiben. Entsprechend werden anti-rassistische Forderungen und Normen als zugleich „äußerlich“ und „unrealistisch“ abgetan. So schreibt ein Sportredakteur der Frankfurter Rundschau direkt nach der Verabschiedung der neuen FIFA-Regeln: „Wer je Vereinsfußball gespielt hat, weiß, dass derlei derbe Sprüche gang und gebe sind. Da ist nichts zu beschönigen, aber auch nichts zu dramatisieren“. Diese Argumentation erinnert in weiten Teilen an Diskussionen um die staatliche Regulierung vormals „privater“ Lebensbereiche. Sei es das Verbot gewaltsamer Übergriffe in Familien oder die Mobbing-Diskussion am Arbeitsplatz: Immer wird auf die vermeintliche Autonomie und private Reaktionsmöglichkeit der Subjekte verwie­sen, die eine rechtliche Verregelung und offizielle Sanktion unnötig mache. Die im Rassismus transportierten gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse und deren gewaltförmige Folgen werden dabei schlicht ignoriert und den jeweils Betroffenen aufgebürdet. Im Falle des Fußballs bedeutet das: Eine rassistische Beleidigung gilt es „mannhaft“ auszuhalten, und dabei spielerisch zu beweisen, dass man der Bessere ist.

Im Gegensatz dazu wird der Profi-Fußball zunehmend von einer oberflächlichen anti-rassistischen political correctness erfasst. Diese Dynamik entwic­kelt sich parallel zur immer weiter fort­schrei­tenden Öffnung des Profi-Fußballs für ein sich als politisch korrekt verstehendes, mittelschichtsorientiertes Zuschauer- und Werbepublikum. Nach allen Studien über die weite Verbreitung rassistischer Ressentiments quer durch alle Gesellschaftsschichten kann jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass unter Fußballzuschauern rassistische Ressentiments im Kern abnehmen. Diese sind weiterhin fest verankert, werden jedoch nicht mehr im Stadion als offene Schmähung artikuliert, sondern meist durch karnevalesque Spielkommentare über die „kulturellen Andersartigkeiten” ausländischer Spieler. Der Rassismus im Fußball passt sich somit der Form rassistischer Stereotype in den gesellschaftlichen Leitmilieus an: Ein auf bio­logischer Grundlage operierender, abwertender Rassismus gegenüber dem „Anderen” wird durch einen kulturalis­tischen und leistungsorientierten Rassismus ersetzt, der die homogene „kulturelle Andersartigkeit” außenstehender Kollektive betont. Setzt sich dies durch, könnte das mittelfristig zu einem Verschwinden offen rassis­tischer Schmähungen aus den Stadien führen, da die Integration von ausländi­schen Spitzenkräften in diesem leistungsorientierten Modell durchaus als gewinnbringend akzeptiert wird.

Rassisten = Proleten?

Diese Spielart der political correctness identifiziert offen rassistische Verhaltensweisen direkt mit proletarischen Milieus und distanziert sich von diesen. Die Abgrenzung vom biologischen Rassismus wirkt damit auch als Abgrenzung der Mittelschicht „nach unten”. So äußerte der DFB-Prä­sident Theo Zwanziger nach den letzten rassistischen Vorfällen: „Wir dürfen das Integrationserlebnis der Fußball-WM 2006 nicht durch vereinzelte Proleten und Rassisten verspielen”. Diese Aus­grenzung des vermeintlich „proletarischen” biologischen Rassismus wird zunehmend Teil wirtschaftlicher Strategien von Fußballclubs. Angesicht massiv steigender Ein­tritts­preise in den Mulitplex-Arenen und der zunehmenden Relevanz von Mer­chan­dising­strategien sehen die meisten Fu߭ballclubs und Werbeträger das kaufkräftige Mittelschichtspublikum als primäre Kunden der Ware Fußball. Dementsprechend nehmen sie rassistische Ausfälle als ruf- und gewinnschädigend wahr und schließen sich den anti-rassistischen Kampagnen an.

Es ist anzunehmen, dass diese Abnahme direkter rassistischer Angriffe für die von rassistischen Beleidigungen betroffenen Spieler und Funktionäre mit großen Er­leichterungen verbunden ist. Aus der Sicht linker Fußballfans stellt sich daher die Frage, wie mit den aktuell entstehenden anti-­rassistischen Effekten und der gleichzeitigen Verdrängung proletarischer Milieus aus den Fußballarenen umgegangen werden kann. Dabei scheint es zum einen sinnvoll, eigene Rassismusdefinitionen stark zu machen, um sich aus dem aktuell vorherrschenden Diskursgegensatz „Rassismus” (= „biologisch begründeter Rassismus”) und „Anti-Rassismus” (= „kulturell begründeter Rassismus“) zu befreien. Auf dieser Grundlage kann zum anderen gegen die zunehmende Ökonomisierung und finanzielle Abschottung des Fußballs protestiert werden, in der „rassistische Vorfälle” zu verhindern zum Trittbrett für die ökono­mischen Interessen der Fußballclubs wird. In England ist die Strategie der überproportionalen Anhebung der Eintrittspreise, um „gewaltbereite Jugendliche” aus den Stadien zu verdrängen, bereits erfolgreich umgesetzt worden. Den damit verbundenen Ausschluss proletarischer Milieus zu verhindern und gleichzeitig anti-rassistische Politiken in den Stadien zu stärken scheint der einzige Ausweg, um der polit-ökonomischen Interessenskonstellation innerhalb der Fußballindustrie etwas Wirksames entgegen zu halten.

 

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