Filmkritik: Zieh nicht nach Neukölln

Autor_in: 
Bettina Engels

Die Geschichte des neuen Films Knallhart von Regisseur und Schauspieler Detlev Buck (Männerpension, Liebe Deine Nächste) ist einfach und deshalb schnell erzählt: Michael (David Kross), 15, zieht von Zehlendorf nach Neukölln, wo „die Gang das Gesetz“ ist, wie die Film-Homepage erklärt. Die Ghetto-Gang, angeführt von Erol (Oktay Özdemir), hat es auch direkt auf den neu Zugezogenen abgesehen, verprügelt und erpresst ihn. Ein unverhofft auftauchender Beschützer, Hamal (Erhan Emre), entpuppt sich als Drogen-Großhändler, der Michael direkt als Kurier engagiert. Beim Transport einer Großlieferung Koks von Neukölln nach Wedding trifft Michael auf dem Rückweg auf Erol, der seinen Rucksack samt 80.000 Euro Inhalt auf das Dach einer S-Bahn befördert. Drogen-Großhändler Hamal bringt Michael dazu, Gang-Anführer Erol zu erschießen. Michael begibt sich freiwillig auf die Polizeistation und wartet auf den Polizisten Gerber (Hans Löw), der sich schon zuvor als Freund und Helfer erwiesen und Michael und seiner Mutter (Jenny Elvers-Elbertzhagen) eine Wohnung in Steglitz vermittelt hat.
Keine verworrenen Zusammenhänge, keine parallelen Handlungsstränge, dafür aber jede Menge Klischees. Die sind so simpel wie die Geschichte selbst:
Das unschuldige weiße deutsche Kind Michael wird vom türkischen Nachwuchs-Schläger Erol (Messer, Kopftuch und Gang) bedroht und verprügelt und vom arabischem Drogenboss Hamal (teure Autos und Assistent Barut) zum Drogenkurier gemacht. Gegenüber dieser migrantischen Kriminalitätspyramide ist sogar der freundliche Sozialarbeiter in grüner Uniform hilflos.
Einige Stereotype erspart uns Knallhart aber auch: Den schwarzen Dealer zum Beispiel. Genau genommen ist das Klischee vom arabischen Drogenhändler nämlich schlecht recherchiert, wird doch – laut den regelmäßig in der Lokalpresse zitierten PolizeisprecherInnen – der Drogenhandel rund um die Hasenheide von Afrikanern dominiert.
Was wir gelernt haben: Spiel nicht mit Araber-Kindern. Transportier kei­ne Großlieferungen Koks in der S-Bahn. Bleib in Zehlendorf. Zieh nicht nach Neukölln. Geh nicht über Los. Begib Dich direkt ins Gefängnis. Zieh nicht 80.000 Euro ein.
Was wir nicht gelernt haben: Warum Berlin-Filme immer wahlweise in Prenzlauer Berg (Sommer vorm Balkon, Die fetten Jahre sind vorbei) oder in Neukölln (Sonnenallee, Knallhart) spielen müssen. Warum ein deutscher Ghetto-Film so sein muss wie Knallhart und nicht wie La Haine. Letzteres könnte damit zu tun haben, dass die RegisseurInnen und DarstellerInnen solcher französischer Banlieu-Filme (l’esquive, wesh-wesh ­­­– qu’est-ce qui se passe) oft selbst Banlieu-BewohnerInnen mit „migrantischem Hintergrund“ sind. Die von Knallhart nicht.


Knallhart | D 2006 | 98 min | Regie: Detlev Buck | Buch: Zoran Drvenkar, Gregor Tessnow
www.knallhart-derfilm.de

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