Es ist noch alles drin...

 
Autor_in: 
Franz Schick

DFB-Pokal, Viertelfinale. St. Pauli gegen Werder Bremen. Eigentlich eine klare Sache – einer der Top-Bundesligaklubs gegen die Regionalligamannschaft, deren Verein unter hohen Schulden ächzt und sich keine großen Sprünge erlauben kann. Ein klare Sache – das dachte sich wohl auch Thomas Doll, Cheftrainer des Hamburger SV. Denn, so war am Tag nach dem Spiel in seiner kicker-Kolumne zu lesen: „Schade für St. Pauli zwar, dass es nicht zu einer weiteren Pokal-Sensation reichte, aber unser Nachbar [Bremen] ist wieder auf dem Weg nach oben.“ Tja, Pech für ihn, dass der Redaktionsschluss wohl vor dem Spielende lag und Pauli wider aller Erwartungen das Spiel doch gewonnen hatte. Wieder einmal hat der Underdog den großen Favoriten geschlagen, wieder einmal hat sich gezeigt, dass Fußball unberechenbar ist, dass jeder gewinnen kann.

Doch ist das wirklich so?

Rekapituliert man die gerade dem Ende entgegengehende Spielzeit, so bietet sich einem ein gänzlich anderes Bild. Zwar wurde in den Medien zuletzt wieder versucht, einen spannenden Titelkampf zwischen dem Hamburger SV und Bayern München auszurufen, aber wohl vergeblich: Bayern München führt bereits seit dem 2. Spieltag die Liga an und ist bei drei noch ausstehenden Spieltagen mit fünf Punkten Vorsprung kurz vor dem 20. Titeltriumph in insgesamt 43 Spielzeiten.
In den anderen großen Ligen Europas ist ein ähnliches Bild zu erkennen: Der letztjährige Titelsieger Chelsea führte die Premier League bereits ab dem 3. Spieltag an, hatte zuweilen bis zu 15 Punkte Vorsprung und steht zwei Spieltage vor Ende wieder als Meister fest. . In Spanien liegt der FC Barcelona uneinholbar vorne, Real Madrid und die anderen Mannschaften sind deklassiert. Und so weiter: In Italien erklomm Juventus Turin bereits frühzeitig die Ligaspitze und wird sie aufgrund ebenfalls großen Vorsprungs bis zum Schluss nicht mehr abgeben. In Holland war es der PSV Eindhoven, in Frankreich Olympique Lyon, die sich früh abgesetzt hatten und sich den Titeltriumph nicht mehr nehmen lassen werden. Also: Langeweile allerorten.

Is it just an illusion?

Natürlich wurde in den Medien trotz der gepflegten Langeweile noch intensiv an der Illusion eines offenen Rennens gearbeitet – jedes Pünktchen der Verfolger wurde zur Krise der weit vorne liegenden Erstplazierten hoch beschworen. Schließlich sollte die Illusion der Spannung, die Illusion der Chance, weiterhin wirkmächtig bleiben.
Doch es ist natürlich nicht nur eine Ein­bildung. Jedes Spiel lässt einen wieder glauben, jedes Mal steht es zu Beginn wieder 0:0, jedes Mal wieder können wir doch gewinnen. Und wenn wir dann 0:1 hinten sind, heißt es eben sich wieder rankämpfen, denn nicht zu vergessen: Ein Spiel ist bis zum Schluss nie verloren… Auch ein Underdog wie St. Pauli kann gegen die Großen gewinnen. In den Medien wird dieser Glaube gerne mit den klassischen Slogans versehen: Da zählt eben nur noch der „Kampf über den man ins Spiel kommt“, mit einer „ungeheuren Energieleistung“ können sie das Spiel gewinnen, und wenn nicht, dann haben sie zumindest „gekämpft bis zum Schluss“, denn: „Verloren ist es nie“.
Dennoch zeigen sich Risse des Glaubens an die immer noch vorhandene Möglichkeit des Erfolgs. Angesichts der klaren Verhältnisse in den Ligen fallen auch die hartgesottensten Fans langsam vom Glauben ab. An die Chance, Bayern München noch vom x-ten Meistertitel abzuhalten, glaubt(e) dann doch fast keiner mehr. Trotzdem haben wir in dieser Saison wieder einmal Rekordzahlen an Zuschauern zu verzeichnen – und auch der neue Vertrag über die Fernsehrechte ist wieder einmal mit einer Rekordsumme abgeschlossen worden. Und das alles trotz der gepflegten Langeweile, die der Blick auf die Ligen suggeriert? Tja, so einfach ist es eben doch nicht.

Denn, hier der vollendeten Ausgestaltung eines neoliberalen Systems nicht unähnlich, es werden in der Bundesliga verschiedene Kämpfe ausgefochten. Der Kampf gegen den Abstieg, der Kampf im Mittelfeld um eine halbwegs gesicherte Existenz oder um den Anschluss nach oben in Form des UI-Cups, der Kampf um die Uefa-Cup-Plätze oder dann der Kampf der nationalen Elite um die Champions-League-Plätze. Und über allen schweben die großen Klubs…

Die transnationale Elite kümmert sich gar nicht mehr um diesen nationalen Kampf, sie ist an Größerem interessiert. Der Wettkampf in der Champions League, der ist es der noch reizt – und Einnahmen verspricht. Deshalb haben sich die Elitenklubs mittlerweile auch  gemeinschaftlich organisiert, um ihren neoliberalen Kampf für deregulierte, kommerzielle, globale Fußballwirtschaft auszufechten. Der Name, den sie gewählt haben, lässt sogleich auf anderes schließen: G-14. Das hauptsächliche Ziel dieser transnationalen Elite: Die Etablierung einer geschlossenen Champions League mit ihnen als gesetzte Teilnehmer, um endlich die letzten Unwägbarkeiten der nationalen Qualifikation zu beseitigen. Schließlich soll es ja noch vorkommen, dass sie es mal nicht schaffen, Meister (oder Zweiter) zu werden.

Ideologische Momente

Der Glaube an den angeblich fairen, offenen Wettbewerb von „Gleichen“ ist jedoch nicht auf den Sport beschränkt. Das Weltbild des Neoliberalismus operiert mit Denk- und Glaubensmustern, die den sportlichen Konkurrenzkampf auf die ganze Gesellschaft ausdehnen. Hier heißt es, sich „fit zu machen“, um im globalen Wettstreit um Jobs, Ressourcen, Attraktivität und gesellschaftliche Teilhabe mithalten zu können. Der Underdog findet sich im Glauben an den „Tellerwäscher“ wieder: Wer sich nur ordentlich anstrengt, alles gibt, der kann es auch schaffen – den gesellschaftlichen Aufstieg, den finanziellen und privaten Erfolg, kurzum: den Titeltriumph. Dem „Erfolg“ gelte es alles unterzuordnen, das gesamte Leben muss darauf hin optimiert werden, im ständigen Wettkampf bestehen zu können.

Entscheidend hierbei ist die Anrufung an das neoliberale Subjekt, sich unter den Bedingungen der Ausdehnung der Gesetze des Marktes auf alle Lebensbereiche selbst zu führen, d.h. sich selbst zu managen, zu regulieren und zu kontrollieren. Das Konstrukt des totalen Marktes wird als Grundlage der gesellschaftlichen Realität postuliert. In dieser Sportarena des Neoliberalismus können die „UnternehmerInnen ihrer Selbst“ ihre Wettkämpfe ausfechten und ihre Erfolge feiern – verbunden mit der passenden medialen Begleitung: UnternehmerInnen des Jahres werden gekürt, Börsenberichte werden gleich spannender Sportereignisse inszeniert, und auch die Mannschaftsebene des Neoliberalismus wird mit speziellen Unternehmensrankings nicht vergessen.
Es gibt aber ein Problem, dass bei diesem „edlen Wettstreit“ auftaucht: Es kann nicht nur Gewinner geben. Das ist genauer gesagt noch nicht das Problem, schließlich wäre die Niederlage ja selbstverschuldet. Im Sport hieße es dann, man habe zu wenig trainiert, einen schlechten Tag gehabt, sich für die falsche Strategie entschieden usw.
Schwierig wird das Ganze aber dadurch, dass immer wieder die Gleichen gewinnen. Doch auch hierfür wurde bereits eine Lösung gefunden: Die Gründe für die Niederlagen -die Ursachen der sozialen Ungleichheit, für die Gesellschaft gesprochen - werden naturalisiert. Da kann noch so viel trainiert (auch: weitergebildet, qualifiziert, gelernt) werden, wenn man nicht das nötige „Talent“ besitzt, werde man keine Chance haben. Durch diese Naturalisierung von Leistungsunterschieden in Form der Annahme von vererbbaren Begabungen wird jegliche Gerechtigkeitskritik obsolet, denn an der „biologischen Natur“ wäre ja schließlich nicht zu rütteln. Soziale und materielle Gründe für die Stärke der individuellen „Leistung“ existieren in einem solchen soziobiologischen Weltbild nicht. Soziale Ungleichheiten werden hierdurch erklärbar und akzeptierbar gemacht.
Dennoch, bei der Erklärung sozialer Unters­chiede wird von den Meisten doch noch der Einfluss sozialer Faktoren in Betracht gezogen. Im Sport hingegen fällt die Annahme, dass die Gene (allein)verantwortlich für Leistungsunterschiede sind, leichter, da doch der wirkliche „Körper“ mit seinen „Fähigkeiten“ entscheidend ist. Hier muss dennoch zumindest eine ähnliche Kritik (siehe Fußnote) angedeutet werden: Der menschliche Körper ist (auch) durch soziale und materielle Verhältnisse geprägt und nicht das reine Produkt seiner Gene. Es ist hierbei interessant, wie im Sport die Mechanismen funktionieren, um den geeigneten Körper „herzustellen“: Mittels strikter Selbstdisziplinierung in Form von Training, Essenskontrolle, Ein­haltung von Regenerationsphasen, Spezialisierung... ist es möglich die Leistungsgrenzen zu erweitern, sich also seinen Körper neu zu „formen“. Selbstmanagement at ist best.

Identifikationsmuster

Dadurch, dass beide Sphären, (Profi-)Sport wie der Neoliberalismus, in ihrem Kern auf der Idee des Wettbewerbes beruhen, fällt es also leicht, Analogien zu ziehen. Der Beweis, dass sie als Realitätsmodell ähnlich funktionieren, soll aber weder aussagen, dass im Sport der entscheidende Vorlagengeber für die neo­liberale Theorie zu suchen ist, noch dass der Profisport heutzutage ein tatsächliches Gesellschaftsabbild wäre.
Die entscheidende Qualität liegt vielmehr darin, dass der Profisport ein zur Schau gebotenes Spektakel darstellt. Als ein solches „Event“ schafft er Identifikationspotentiale, ermöglicht es, seinen begeisterten Anhängern die ganze Bandbreite an Emotionen durchzuleben. Die Fußballarena stellt den Ort dar, in dem innerhalb des Wettbewerbs der „Gleichen“ Aggressionen gelebt und zugelassen werden. In diesem Sinne hat Fußball eine kanalisierende Funktion, da es die in beiden Sphären nicht existente Chancengleichheit, Ohnmachtsgefühle, Benachteiligungen, Ängste vor dem Absturz emotional re-inszeniert und zulässt, dass Leute schreien, ausrasten, beleidigen, verängstigt und parteiisch sind. Dieses „Erleben“ des Sports konstituiert ein spezifisches Wissensfeld, dass neben dem reinen Sportwissen auch ein Alltagswissen generiert, in dem sich die Elemente und Begründungen einer Wettbewerbsideologie wieder finden. Somit besitzt der Profifußball als Ereignis für die ZuschauerInnen zwei entscheidende Funktionen: Zum Einen stellt er eine Sphäre dar, in der man sich emotional artikulieren kann, sich über die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten (auch der Gesellschaft) aufregen kann, sich „abreagieren“ kann, und manchmal sogar den zeitweiligen Sieg über das „System“ feiern kann (siehe der Weltpokalsiegerbesieger St. Pauli). Diese Empfindungen werden in diesem engen Raum, reguliert durch Ordnungen und Polizei, kanalisiert abgeleitet. Zum Anderen kann der Profisport aber auch zur Legitimation der bestehenden Verhältnisse beitragen, da er Rechtfertigungen für ihre Existenz anbietet. Soziale Ungleichheiten erscheinen dann in einem neuen, gerechtfertigten Licht und werden als gegeben hingenommen.
Und gerade dadurch, dass im Sport manchmal doch alles möglich ist, und das Ergebnis unberechenbar bleibt, bleibt man bei der Stange. Es könnte ja dieses Mal doch passieren…

Weiterempfehlen (2 Klicks für mehr Datenschutz)