„Entweder raus oder krank oder ganz kaputt“ Selbstverletzungen und Selbstmordversuche im Abschiebeknast Berlin-Köpenick

Autor_in: 
Sarah Ehlers
 

Selbstmordversuche, Selbstverletzungen und Hungerstreiks kommen im Abschiebeknast Berlin-Köpenick seit Jahren immer wieder vor. Es sind Akte der Verzweiflung, aber auch der Entschlossenheit der Gefangenen, die dort bis zu 18 Monaten auf ihre Abschiebung warten müssen. „Entweder raus oder krank oder ganz kaputt“ sagt Wladimir C., der versucht hatte sich aufzuhängen. Die Gefangenen schneiden sich mit Rasierklingen, Dosenblechen und Plastikmessern oder zerstören ihren Körper durch das Verschlucken von Gegenständen und durch Hunger- und Durststreiks auf langsamem Wege.

Seit Januar diesen Jahres dokumentierte die Antirassistische Initiative Berlin (ARI) 56 Selbstverletzungen dieser Art, davon 28 Erhängungsversuche (Stand 14.04.2003) im Knast von Köpenick, in dem zur Zeit über 300 Menschen inhaftiert sind. Es ist davon auszugehen, dass dies längst nicht alle Fälle sind, da Berichte über solche Vorkommnisse nicht unbedingt nach draußen gelangen.

Einer dieser 56 „Fälle“ ist Zoran, ein 31-jähriger Roma aus Serbien, der seit 1995 in Deutschland lebt und eine dreijährige Tochter hier hat. Am 23. Februar 2003 verschluckte er aus Verzweiflung eine Rasierklinge und wurde daraufhin in die Psychiatrie gebracht. Die Ärzte attestierten ihm „Haft- und Verwahrunfähigkeit“, was nicht verhinderte, dass er nach Köpenick zurückgebracht wurde. Es folgte ein über zwei Wochen dauernde Unterbringung in der Isolierzelle – Tag und Nacht brennendes Licht und permanente Überwachung durch zwei Beamte. Rasierklingen bekam er keine mehr, dafür Essbesteck, von dem er Teile verschluckte. Damit wurde er zu einem weiteren „Fall“ der Dokumentation der ARI, entlassen wurde er trotzdem nicht. Seine Abschiebung steht weiterhin an.

Oder Larissa. Aus Verzweiflung über die monatelange In­haftie­rung, deren Ende nicht in Sicht ist, begann sie einen Durststreik, und wurde nach sechs Tagen aufgrund ihrer körperlichen Verfassung in das Haftkrankenhaus Moabit verlegt. Dort wurde sie isoliert und stand unter permanenter Videoüberwachung, weshalb sie ihren Protest fortsetzte. Die Ärzte äußerten ihr sowie einer Bekannten gegenüber, Larissa könne mit keiner Verlegung oder Entlassung rechnen, man warte auf das Eintreten der Bewußtlosigkeit, erst dann könne man sie künstlich ernähren. Der Psychoterror hat gewirkt: Larissa begann wieder zu trinken und wurde prompt in den Knast zurückgebracht. Hier wartet sie nun auf ihre Abschiebung.

 

Für weitere Informationen: www.berlinet.de/ari

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