Einseitig betrachtet: Blasphemie gehört verboten!

Autor_in: 
Neelke Wagner

Nicht genug damit, dass uns die Kommunikations- und Versammlungsfreiheit langsam aber sicher im Namen der Freiheit abhanden kommt, nun droht einem die gute alte Zwangsvergemeinschaftung Kirche mit einem Comeback.

Wer sich wundert, warum zum Teufel religiöse Werte, Traditionen und Gefühle auf einmal so herausragende politische Aufmerksamkeit und Pflege erfahren – das ist ganz einfach. Wahrscheinlich haben sich viele Menschen schon länger geärgert, weil erst die bösen 68er ihnen die Einheitskultur der Väter und dann die böse Globalisierung den Normalarbeitsplatz geklaut haben. Die Heilige Hüterin des „religiösen Gefühls“ nimmt sich das Recht, allen nichtautoritären HäretikerInnen ihre Gefühle zu verbieten – und darf dieses Recht nach herrschender Meinung auch fürs erste behalten. Mehr noch, aufgrund ihrer großen Erfahrung in der Kindererziehung bekommt sie diese gleich mit geschenkt – so kann man Auswüchse des Unglaubens wie die auf MTV geplante Ausstrahlung der Sendung „Popetown”, die zurzeit die weihrauchverwirrten Gemüter erregt, verhindern, bevor sie entstehen. Den neokonservativen Kämpfern hierzulande ist nämlich nichts heilig, wenn es darum geht, die kritikwürdigen von den nicht-kritikwürdigen Glaubenssätzen zu trennen.

Was gerade noch als überwunden geglaubte Drogensucht auf den Müllhaufen der okzidentalen Säkularisierung geworfen wurde, wird nun reuevoll wieder rausgesammelt: das religiöse Gefühl.

Wem sonst schon (fast) alles genommen wurde, was dem irdischen Leben Sicherheit bieten konnte, soll sich wenigstens der Unverletzlichkeit seiner Götzen sicher sein. In einer Welt, die sämtliche konsensualen (nimmt mensch die UN als Weltgemeinschaft ernst) Werteerklärungen wie Menschenrechte und Umweltschutz systematisch mit Füßen tritt, werden statt ethischen Grundsätzen jetzt wieder die guten alten Autoritäten vorgekramt. Und es ist erstaunlich, wie schnell die Grundlagen des modernen demokratischen Staates zugunsten der ländlichen Pastoraldiktatur vergessen werden: Wie schön war es doch, als die ganze leidliche Wertediskussion unter der Überschrift „Gehorsam“ zusammengefasst werden konnte! Als sich noch niemand wunderte, warum Schwule Kinder zeugen sollen und Priester nicht. Und sich
noch niemand dachte, dass dann wohl alle Schwulen ins Kloster gegangen sind. Als noch niemand auf die Idee gekommen war, dass die ständische Gesellschaftsordnung weltliche Ursachen haben könnte! Wer unangenehme Fragen stellte, hat noch richtig Feuer unterm Arsch gekriegt!Dazu kommt, dass dem ebenso leidigen Erziehungsthema mit dem neuen Autoritarismus eine Lösung winkt. Und damit nicht die lieben Kinder später Angst bekommen, wenn die hässliche Realität des Diesseits über sie hereinbricht, darf natürlich niemand ins Grübeln kommen. Deshalb verbietet es sich kurzerhand, über die fragwürdigen Autoritäten, die dort vermittelt werden, zu spotten oder auch nur nachzudenken. Dass der Kaiser nackt ist und der Papst ein lächerlicher Hühnerhabicht, diese Wahrheit zu sagen wird dann von der Religionsfreiheit verboten. Die Freiheit der Würdenträger, uns systematisch zu verblöden mit ihren wirren Geschichten über Propheten, Gottvater und Dreieinigkeit wird grenzenlos sein.

Dabei stört es bei aller Begeisterung überhaupt nicht mehr, dass die „religiösen Werte“ gar keine sind, zumindest nicht das, als was sie verkauft werden: Im Namen der Kirche werden immer noch Grundrechte verletzt und Menschen dem Tode preisgegeben: ‚Erst Bibeln und Beten, dann Brot!‘ lautet das Motto katholisch-brasilianischer Strassenkinderhilfe. Wo ist da die Religionsfreiheit?
‚Gott nicht mit teuflischem Latex betrügen!‘ lautet die päpstliche Empfehlung zum Umgang mit AIDS. Wo ist da die Nächstenliebe?

Die Frau ist noch immer geboren zum Gebären und Leiden, die Kinder sollen sich noch immer blutüberströmte Leichen anschauen, die an die Wand des Klassenzimmers genagelt sind. Da man inzwischen jedoch tolerant geworden ist, dürfen sich verwirrte pubertierende Jungs auch keine Klassenkameradinnen im Badeanzug mehr anschauen und verwirrte pubertierende Mädchen weder Sport treiben noch sonst irgendetwas, was sie an ihren Körper erinnert. Das könnte ja ihrer Entwicklung schaden. Und panreligiöse Einigkeit herrscht sowieso, wenn es darum geht, Homosexuelle als abnormal oder Menschen zweiter Klasse zu betrachten und Aidskranke als mit Gottes gerechter Strafe belegt. Das ist ja auch nicht beleidigend (im Gegensatz zu Popetown oder Mohammed in der Hölle). Und sollte wirklich unbedingt staatlich geschützt werden – weil das mit dem vernichtenden Blitz auf die Ungläubigen hat noch nie so richtig funktioniert.

 

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