Ein Problem, das wir lösen müssen

Autor_in: 
Sarah Ernst

Christine Müller von der Arbeitsstelle „Eine Welt“ in Dresden über Interessenskonflikte zwischen NGOs und sozialen Bewegungen auf dem WSF

sul serio: Das Weltsozialforum (WSF) fand dieses Jahr zum ersten Mal in Afrika statt. Hat sich das inhaltlich widergespiegelt, konnten Gruppen und Bewegungen aus Afrika Themen setzen?

Christine Müller: Auf jeden Fall, es waren sehr viele Gruppen und NGOs da, die eine Vielfalt von Themen angesprochen haben. Das war in vielen Veranstaltungen präsent. Deswegen war ich überrascht, dass die sozialen Bewegungen Kenias ein eigenes People’s Forum im Uhuru-Park organisiert hatten. Das hatte gute Gründe, etwa den Eintrittspreis beim offiziellen Forum, der für KenianerInnen viel zu hoch war. Auch Getränke und Essen wurden dort erst nach Protesten kostenlos. Der Park war leider nur schwer zu erreichen, deswegen war es kaum möglich, beide Foren zu erleben.

Welche Eindrücke hast du vom WSF mitgenommen?

Mich interessiert, wie Menschen Widerstand leisten und dabei unterstützt werden können. Ich wollte die Perspektive afrikanischer Gruppen dazu kennen lernen. Da ich in der Entschuldungskampagne engagiert bin, habe ich am Gesprächsforum von Jubilee South teilgenommen, die ja eine viel radikalere Position vertreten als Entschuldungskampagnen im Norden.

Ein weiterer Punkt war die Rolle der Gewerkschaften. Gerade in Nairobi existiert ein riesiger informeller Sektor. In einem der größten Slums der Welt hat es vermutlich auch den größten informellen Arbeits- und Dienstleistungssektor der Welt. Dazu fand zwischen afrikanischen GewerkschafterInnen und GesprächspartnerInnen aus dem Norden ein Austausch statt. Wie kann man Menschen erreichen, die aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen worden sind? Das ist ein globales Problem.

Widerspricht das der häufig gehörten Kritik, das WSF bleibe theoretisch und lasse die Praxis beiseite?

Da fällt mir das Projekt einer vom EED (Evangelischen Entwicklungsdienst) unterstützten Landkommune in Kenia ein, die mit traditionellem Saatgut arbeitet. Dort wurde lange Mais angebaut, der sehr viel Wasser verbraucht. Auf dem WSF gab es einen Workshop zum Thema Saatgut. Eine brasilianische Gruppe hat gerade – gegen den Widerstand von Monsanto (Hersteller von genmanipuliertem Saatgut) – eine Datenbank aufgebaut und ein Buch herausgegeben, in denen das komplette traditionelle Saatgut Brasiliens aufgeführt ist. Der EED-Projektpartner hat sich natürlich gleich informiert und wird weiterhin Kontakt halten.

So hat es viele kleine Vernetzungen gegeben. Das macht den Charme des Forums aus, dass die kleinen Bewegungen sich kennen lernen und austauschen. Einer, hier die brasilianische Gruppe, ficht dann diese Kämpfe mit Monsanto durch, und auf dieses Beispiel kann man zurückgreifen.

Welches Fazit ziehst du aus deinen bisherigen WSF-Erfahrungen?

Das WSF gibt es jetzt seit sechs Jahren und man neigt oft dazu, schnelle Lösungen zu fordern. Für mich stellt es eine wichtige Gelegenheit für Treffen sozialer Bewegungen dar. Dieses Jahr gab es eine große Diskrepanz zwischen sozialen Bewegungen und NGOs. Die NGOs sind – einschließlich des EED – sehr zurückhaltend, was die Intentionen des WSF betrifft, die ja eindeutig antikapitalistisch, antiimperialistisch und anti-neoliberal sind. Die großen Organisationen sprechen dann von „Open Space“, um ja keine Aussage in irgendeine Richtung abzugeben, während die sozialen Bewegungen sich klar auf diese Ausrichtung berufen. Einige linke Gruppen lassen sich leider vom Vorgehen der NGOs beeinflussen und sehen das WSF für sich selbst nicht mehr als wichtigen Raum an, den man mitgestalten kann. Aber es gibt nichts anderes – und solange die Ausrichtung eindeutig ist und an ihr festgehalten wird, muss man am Forum weiterarbeiten.

Diese Form besitzt großes Potenzial, und diese Chance der Koordinierung und Vernetzung sollte man nicht aufgeben, auch gegen den Widerstand der großen Organisationen, die natürlich zunehmend die Geldgeber sind. Dass der Celtel-Konzern einer der Hauptsponsoren in Nairobi war – trotzdem bleibt eine große Finanzierungslücke –, wurde ja stark kritisiert. Es müssen andere Finanzierungs­möglichkeiten gefunden werden. Denn es sind ja die großen Gruppen, die das Geld haben, aber eben nicht an der eindeutigen Ausrichtung des WSF interessiert sind, dafür werden wir eine Lösung finden müssen.

 

Christine Müller leitet seit 1996 die Arbeitsstelle Eine Welt in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens in Dresden.

Das Interview führte Sarah Ernst.

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