Die WM im eigenen Lande ...oder: Dieses ist nicht mein Land, aber: ich lebe hier!

 
Autor_in: 
Redaktion Sul Serio

Leere Sitzreihen im Stadion

In 30, 29, 28..... Tagen beginnt die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Keine Fußballübertragung, keine Tageszeitung, die nicht in irgendeiner Weise auf das anstehende Ereignis Bezug nimmt oder neue Nachrichten aus dem ’göttlichen Himmelreich’ des anstehenden Großereignisses meldet.

Der erhoffte Konjunkturaufschwung in Gastronomie, Hotelgewerbe und Bauindustrie spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Tarnung deutscher Soldaten als Polizisten während des vierwöchigen Events. Eventuellen Missstimmungen wird dabei im Vorhinein entgegengewirkt. Innerhalb der Medienlandschaft zeichnen sich erste Konflikte um die „freie Berichterstattung“ vor und während der Turniers ab – mehrere große Tageszeitungen haben redaktionsinterne Anweisungen ausgegeben, auf eine kritische Berichterstattung zu verzichten. Diese Sonderausgabe „Abseits“ der frisch umbenannten sul serio ist in diesem gesellschaftlichen Spannungsfeld positioniert. Sie soll sich aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive mit dem Großereignis WM2006 befassen und dabei nicht eindimensional an das Thema herangehen, sondern möglichst viele Facetten der Fußballweltmeisterschaft besprechen, karikieren und kritisieren.
Die Faszination für das Fußballspiel ist bei den meisten Redaktionsmitgliedern tief verankert –prägend sind für einige (aber nicht alle!) die schillernden Momente der eigenen Fußballsozialisation. Ein innerhalb von wenigen Minuten gedrehtes Spiel, der historische Sieg der eigenen Mannschaft (so tief sie auch spielen mag) oder eine individuelle Glanztat wie das 360-Grad-Pirouetten-Tor von Michael Owen während der letzten WM. Körperbeherrschung auf höchstem Niveau wie ein Schuss oder Flugkopfball aus vollem Lauf ins Eck – er mag vor dem Fernseher leichtfüßig aussehen, doch erst beim eigenen (gescheiterten) Versuch beginnen solche Momente ihre eigene Magie und Ästhetik zu entwickeln. Fußball als Spiel schafft seine Mythen und die meisten aus der Redaktion dieser Sonderausgabe sind von ihnen eingenommen und geprägt worden. Klein gewinnt gegen Groß, ein Spieler überwindet mit einem geschickten Pass die clever aufgestellte Abseitsfalle, und die geliebte Mannschaft, die sich jahrelang eher bedeckt gehalten hat, spielt plötzlich groß auf. Fußball schafft Euphoriegefühle der ganz besonderen Art. Eine „asketische Reinigung“ von diesen scheint ebenso psychologisch ausweglos wie politisch unmotiviert. Das quasi-religiöse Hoffen auf die „Reinheit der eigenen (linken) Seele“ mit entsprechenden Selbstkasteiungsmaßnahmen verspricht doch langfristig weniger Erfolg und vor allem Lebensfreude als die offensive Auseinandersetzung mit der eigenen Leidenschaft. Dementsprechend hatte diese Sonderausgabe - neben dem politischen Interesse an der Herausgabe einer kritischen WM-Zeitschrift- sowohl für die Redaktion wie einen Teil unserer AutorInnen durchaus die Funktion, die mit der anstehenden Fußballweltmeisterschaft verbundene Vielfalt an Eindrücken und politisch zweifelhaften Ereignissen subjektiv zu verarbeiten und sich zu diesen zu positionieren.

Stellen wir uns – mit einem leichten Anflug von Gänsehaut – einen exemplarischen Tag in der Zeit vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 vor. Wir beginnen den Morgen mit einer Tasse Kaffee (die WM- Röstung aus Ecuador, dritter Gruppengegner der deutschen Mannschaft), um uns dann die Nutella Sonderedition WM aufs Brot zu schmieren. Michael Ballack lächelt uns dabei - wissend um seine Sonderrolle in der deutschen Aufmerksamkeitsökonomie - vom Glas aus zu. Der WM ist in diesem Monat lebenspraktisch nur schwer zu entkommen. Das wollen und können wir aber auch nicht. Denn wir werden als Konsumsubjekte, BürgerInnen und StadtbewohnerInnen unmittelbar von den Strategien der Unternehmen und staatlichen Institutionen betroffen sein. Wenn wir das Radio einschalten: WM hier, WM da. Jede Form der Medienunterhaltung – ob Radio, Fernsehen oder Internet – wird sich auf „es“ beziehen.
Wir entscheiden uns heute mal auf einem öffentlichen Platz ein Spiel zu schauen. Überraschend, dass die öffentlichen Plätze so zugänglich sind, schließlich nimmt die Zahl belebter öffentlicher Plätze in Berlin, speziell im Zentrum, zunehmend ab. Initiierte Großereignisse unter Polizeipräsenz scheinen da die Ausnahme zu sein. Aber haben wir Lust auf die Polizeipräsenz oder gar einen verstecken Soldaten? Erst mal ja, das Spiel geht vor, das Großereignis auch. Besser kein Deutschlandspiel, um sich die Fahnenschwenker zu ersparen, also lieber Brasilien - die spielen guten Fußball. Ob linker Fußballnationalist oder linker Fußball-Antinationalist – die Debatten werden den meisten bekannt sein („Wie, du bist für Deutschland?“) – vor der Masse überzeugt nationalistischer deutscher Fußballfans nimmt man lieber die Beine in die Hand.
Vor der Großleinwand angekommen, ist bereits alles bereitet: Markenprodukte – mit teurem Sponsorengeld beim Weltfußballverband FIFA erkauft – bestimmen die Szenerie. Abgeschirmt durch Absperrgitter und Ordnerketten bleibt alles draußen, was dem persönlichen Konsum und Wohl förderlich ist, aber nicht bei der FIFA (dem Weltfußballverband) lizenziert wurde. Gibt’s denn hier kein anderes Getränk... nein, wissen wir ja auch.

Gut, wir konzentrieren uns auf die Vorberichterstattung, wo gerade die „sympathisch-ekstatische Art“ der Brasilianer gelobt wird: keine deutsche Strenge, irgendwie „anders“, aber anerkannt. Armut bleibt eine der Erfolgsstories im globalen Fußball. Neben den deutschen Spielern, die als mittelständische Vertreter der Allianz-Versicherung auf dem Betriebsfußballturnier durchgehen würden, schillert ein in den brasilianischen Favelas aufgewachsener Ronaldinho als der ’begnadete Tellerwäscher’ in seinem ganz eigenen Lichte. Anders geht’s leider oft den afrikanischen Mannschaften, die werden genauso stereotypisiert, aber dann mit einem „zu eigensinnig“ oder „taktisch noch nicht ausgereift“ abgestempelt. Der Fußballsport selber produziert durch seine  mediale Inszenierung die „Mentalität der jeweiligen Nationen“: kulturalistische Homogenisierungen, welches Spiel man auch schaut. Deutschland hat jetzt Klinsi und Jogi, die wenden neue Management-Methoden an. Das ist zwar komisch für die allzu oft beschworenen deutschen Sekundärtugenden Kampf und Disziplin, aber die abnehmende Qualität der deutschen Mannschaft reizt die Annäherung an den neoliberalen Zeitgeist über den sog. „modernen Fußball“ doch erheblich an.

Brasilien gewinnt ohne Probleme, niemand ist ausgerastet und der seltsam bullige Typ vor mir mit dem Knopf im Ohr zündet sich eine Zigarette an und schlürft seine Coca-Cola. Einmal schaut er auf, als die Frau im brasilianischen Fanblock im Bikinioberteil auffällig lange im Bild bleibt. Die beiden Kommentatoren, die keinen Doppelpass unkommentiert ließen, schweigen andächtig. Deutschland glotzt. Würden auch zwei gutaussehende schwule Männer gezeigt? Den Moderatoren ist das egal, schließlich verlieren sie einige Worte über die „heißen Sambarhythmen“ der brasilianischen Trommler, die die brasilianische Mannschaft begleiten. Die Kamera schwenkt über das für mehrere 10 Millionen Euro modernisierte Fußballstadion. Seltsam, in Zeiten von HartzIV und den leeren öffentlichen Kassen. Deutschland verfügt nach der WM über 8 blitzsaubere Stadien und eine Menge Geld für andere Belange weniger. Spätestens an diesem Punkt sind wir alle Teil der ’Fußballcommunity’ WM2006.

 

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