Die soziale Verantwortung der Technik

Autor_in: 
Silke Meyer

Mensch muss nicht SoziologIn sein, um den Sammelband Techno­grafie. Zur Mikro­sozio­lo­gie der Technik von Werner Rammert und Cornelius Schu­bert spannend zu finden. Mensch muss allerdings bereit sein, mar­kige Fremd­wörter zu ertragen. Im Zentrum steht der Begriff ‚Techno­grafie‘, welcher eine For­schungs­perspek­ti­ve benennt, in der unser Umgang mit Technik im Arbeits- und All­tags­leben untersucht wird. Es geht darum, Artefakte als ein künst­liches gesellschaftliches Er­zeug­nis zu analysieren: Ma­schi­nen sind von Menschen gemacht und damit nicht neutral und un­pro­blematisch, sondern sie sind von der Kultur, in der sie existieren, und der sozia­len Situation, in der sie arbeiten, nicht trennbar. ‚Techno­grafie’ will diese Verwobenheit von Techni­schem, Kul­turellem und Sozialem erforschen. Dabei sollen Symboliken und Rollen­­verteilungen zwischen Menschen und Technik sichtbar werden.

Mit dem Anliegen, situations­bezogene, detailgenaue Analy­sen zu liefern, machen die Autor­In­nen sich für qualitative For­schungs­­me­tho­den stark und gren­zen sich auch von der Dis­kurs­for­schung ab. Unter ihnen ist Kon­sens, dass Menschen und Ma­schinen gleichermaßen handeln, Kompetenzen und Verant­wortung tragen. Bruno Latour etwa arbeitet die Interessen­kon­stella­tionen heraus, in denen Technik entwickelt wird. Er beobachtet, wie widersprüchliche Interessen gleichzeitig in demselben Artefakt umgesetzt werden, so dass es einen instabilen Kompromiss aufrechterhält. Hier wird deutlich, welch verantwortungsvolle soziale Rolle Arte­fakten überlassen wird. Andere Beiträge forschen im Operations­saal oder im Call Center. Die methodische Posi­tions­be­stimmung soll ‚Techno­grafie’ von der klassischen Ethno­gra­phie ab­gren­zen und sie er­weitern. Was folgt, ist eher eine Pro­blema­tisierung technik­basierter ethno­gra­phi­scher Er­he­bungs­methoden wie Online-Forschung oder Vi­deo­­auf­zeichnung. Holger Braun-Thür­mann hält fest: „‚Techno­grafie’ ist keine neue Methode, sondern der Ver­such, er­forsch­bar zu machen, wie technische Arte­fakte soziale Ordnungen mit­prägen und in diesen soziale Bedeutungen erhalten.“

Was der ‚Technografie’ eine neue Bri­sanz geben könnte, wäre die Verknüpfung mit An­sätzen aus den Gender Studies: So könnte die Relevanz von sozialen Kategorisierungen in der Praxis und in der Verknüpfung mit Technik erforscht werden.

 

Rammert/Schubert (Hg):

Technografie. Zur Mikrosoziologie der Technik.

Campus | 2006
445 Seiten | 39,90 EUR

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