Die soziale Revolution steht noch aus

Autor_in: 
Giselher Hickel

Im März 2007 feierte Ghana den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit und zugleich das Andenken an Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten des Landes. Nkrumah ist unbestrittene Symbolgestalt für den Panafrikanismus, jene hoffnungsvolle Idee, dass das von Kolonialismus befreite Afrika mit vereinten Kräften seine Zukunft gestalten würde – eine bis heute unerfüllte Vision.

Warum kam es so ganz anders? Dieser Frage will Weder arm noch ohnmächtig auf den Grund gehen. Axelle Kabou räumt radikal auf mit den gängigen Antworten, die afrikanische Poli­ti­ker­Innen und europäische Dritte-Welt-Akti­vist­Innen ins Feld führen, um die Menschen Afrikas selbst zu entlasten: Sklaverei, koloniale Entmündigung, neokoloniale Abhängigkeit usw. Gnadenlos entmythologisiert sie die irrationale Vorstellung von einem vorkolonialen harmonischen Afrika, welche eine romantische Suche nach kultureller Identität, nach Négritude, präge. Genährt von antikapitalistischer Ent­wick­lungs­kritik west­licher Sym­pa­thi­sant­Innen beriefen sich die Eliten in Af­ri­ka auf Verschuldung und Ent­wick­lungs­bar­rieren, um die eigene Verantwortung für die Unter­entwicklung ihrer Länder zu kaschieren. Im afrikanischen Bewusstsein habe sich ein Min­der­wer­tigkeitsgefühl tief und dauerhaft eingenistet. Entwicklung erscheine als etwas, was nur als Hilfe von außen kommen könne und von dort auch kommen müsse als Wieder­gut­machung für erlittenes Unrecht. Afrika leide unter Fremdbestimmung, weil es sich selbst in Unmündigkeit halte. Axelle Kabou fordert „jene heilsame soziale Revolution, die die Afrikaner dazu zwingen wird, endlich einen gemeinsamen Nenner für eine dynamische Erneuerung zu finden“. Dazu will sie anknüpfen an den Panafrikanismus von Kwame Nkrumah. Auf ihn bezieht sie sich vor allem in ihrer Kritik der Organisation für Afrikanische Einheit, welche die Chance afrikanischer Eigenständigkeit vertan habe. Sie plädiert für einen neuen Panafrikanismus, der selbstbewusst der Außenwelt Tür und Tor öffnet und Anschluss an die globale Entwicklung sucht.

Offen bleibt, was mit Ent­wick­lung gemeint ist. Dass die neoliberale Entwicklung notwendigerweise VerliererInnen neben den GewinnerInnen hervorbringt, ihre Krisen erfolgreich globalisiert, dass ihr Gewalt und Krieg zueigen sind – darüber will sie nicht reden. Sie will „die Denkmuster zerpflücken, mit denen Afrika den Fortschritt ablehnt“. Das ist ihr gelungen.

 

Axelle Kabou:

Weder arm noch ohnmächtig.
Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer

Lenos | 2001
2. Auflage | 260 Seiten | 12,50 EUR

 

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