Die Rädchen der Prostitution

Autor_in: 
Dorothea Müth

Der Titel verspricht, gesellschaftliche Prozesse und Positionen der Prostitution zu erklären. Tatsächlich gelingt es den versammelten Aufsätzen, mit einem von Michel Foucault geprägten Blick, das ‚Phänomen’ Prostitution als eine gut funktionierende Macht-Wissen-Ökonomie zu entfalten. Tagtäglich halten vielfältige Akteure das Prostitutionsgewerbe aufrecht: Devianzforscher und expressionistische Dichter, reiche Leute, die Gegenwerte für ihr Geld brauchen, Filmemacher und Romanleser, Gesetzgeber, GenderwissenschaftlerInnen – sie alle drehen die Rädchen der Prostitution.

In der mitreißenden Ein­lei­tung beschreiben Sabine Grenz und Martin Lücke die Geschichte der Pros­ti­tu­tions­for­schung – um sie und ihre ‚Errungen­schaften’ sogleich vorzuführen: Ihre Begriffe und Erkenntnisse vermögen der Realität der Prostitution nie gerecht zu werden. Nicht nur Kategorien wie männlich/weiblich und Homo/Hetero, sondern auch Kunde/Dienstleister/Angestellte/Chef und Subjekt/Objekt der Forschung zerspringen, wenn in Wirklichkeit „gleichzeitig verschiedene Seiten aller dieser Rollen im Leben von ein- und derselben Person präsent sind“.

Bettina Mathes stellt verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Psycho­analyse und Prosti­tution heraus: die Stunden­miete von Bett oder Couch, die Neigung des/r KundIn, die eigene Liebe auf AnalytikerIn oder Callgirl/-boy zu übertragen, welche sich wiederum dieser Liebe gegenüber abstinent verhalten sollen. Wenn die Psychoanalytiker Freud und Lacan sich bemühten, Behandlungsregeln und ein Ethos für ihren Beruf aufzustellen, kann das als konstitu­tiver Abgrenzungsversuch vom Prostitutionsgewerbe gedeutet werden. Nicola Behrmann dekonstruiert die ‚Hure’ in literarischen Texten der 1930er Jahre als körperliches Symbol für eine Gesellschaft, die sich auf der Schwelle zur Moderne befindet.

Von einer interdisziplinären Blumenlese (Anthologie) hätte eine/r sich jedoch Austausch zwischen den Fächern und klarere Positionen zum eigenen Stoff gewünscht. Gerade ein gemeinsames Nachdenken über (sozial)wissenschaft­lichen Deutungen der Prostitution einer­seits und die kunstwissenschaftlichen Interpretationen dieser Deutungen andererseits wären spannend gewesen. Auch der Schluss Wissenschaftliche Diskurse und ihre Reichweite kommt merkwürdig gehemmt daher. Schade, dass die AutorInnen nicht den Mut hatten, explizit zu fragen: Was bringt die Wissenschaft der Prostitution? Damit hätten sie sich in diesem Buch auseinandersetzen und gesellschaftlich Position beziehen sollen.

 

Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.):

Verhandlungen im Zwielicht
Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart

transcript | Bielefeld | 2006
347 Seiten | 29,80 EUR

 

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